Der Vergänglichkeit zum Trotz

Sehnen, verstehen, bewahren: Erwin Wiegerlings moderne Kunst im Landratsamt

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Erwin Wiegerling (75) stellt dort aus, wo er schon bald den Kulturehrenbrief des Landkreises überreicht bekommt: Im Landratsamt. Zur Ausstellungseröffnung sprach der Künstler aus Benediktbeuern – hier vor seinem Werk „Erdball“ – schon einmal über sein Wirken.

Bad Tölz/Benediktbeuern – Eine dunkelblaue Erde darüber eine Sternschnuppe. Vor der zwei Meter im Durchmesser großen Scheibe steht der Künstler Erwin Wiegerling – und zwar just dort, wo er schon bald mit dem Kulturehrenbrief des Landkreises geehrt wird. Im Vorlauf zu dieser Auszeichnung stellt der Benediktbeurer im Foyer des Landratsamts aus.

20 Werke aus den vergangenen 20 Jahren zeigt Erwin Wiegerling alias ­e.lin, Kirchenmaler und Künstler aus Benediktbeuern, auf der Flinthöhe. Der für den Kulturehrenbrief 2018 Auserkorene leugnet seine Freude über den ungewöhnlichen Ausstellungsort nicht, aber viel Wirbel um diese Ehre macht der 75-Jährige ebenso wenig. Gelassen steht er bei Eröffnung der Ausstellung – die Werke sind in den Fluren verteilt – vor dem „Erdball“ im Erdgeschoß am Treppenaufstieg. Ein schwarz-weißer Schal wickelt sich um den Hals von Wiegerling, er trägt schwarz-weiße Sneaker. Dabei ist schwarz-weiße Kleidung, aber kein Statement für Schwarzweißdenken. Im Gegenteil: Wiegerling möchte zum Andersdenken und zum eigenständigen Denken bewegen. Das offenbart sein Philosophieren über die Rolle der und vor allem seiner Kunst.

Ruhig steht Wiegerling vor seinem etwa zwei Meter hohen Planeten und lässt die Entstehung dieses Werkes Revue passieren. Palmwedel habe er als Pinsel verwendet. Kalk, dass Kohle in Farbe und Struktur kontrastiert, breitet sich auf dem tiefblauen Grund aus. Keine Ausnahme, dass die Natur – sei es als Werkzeug oder Material – in einem Wiegerling-Werk Präsenz genießt: Es geht dem Benediktbeuerer darum, die Schönheit des Natürlichen, aber auch dessen Vergänglichkeit vor Augen zu führen, eingerahmt und hinter Glas. Die Natur, ein Standard seiner Werke, genauso wie die Fertigkeiten, die dem Schaffen zugrunde liegen sollen: Damit Kunst lebt, und zwar lange, „muss man das Handwerk beherrschen“, meint Wiegerling bestimmt. Im „stillen Kämmerlein“ könne ein Künstler sich zwar kreativ austoben, doch handwerkliche Techniken „von der Pike auf“ zu erlernen und ab einem gewissen Zeitpunkt „zu verfeinern“, sei unabdingbar, damit ein Werk nicht allzu schnell ein Opfer der Zeit wird.

Kunst, der

Vergänglichkeit zum Trotz

Kaum verzieht sich Wiegerlings Miene, wenn er über Kunst im Allgemeinen nachdenkt. Doch ein wenig lächelt er schon, wenn er von „Ikarus“ spricht, einer sechsteiligen Bildserie vom Flug und Fall des nach dem Himmel lechzenden Jungen, dessen wächserne Flügel von der Sonne geschmolzen werden. Abermals finden sich hier Palmwedel auf den Leinwänden, diesmal jedoch nicht in Spuren, sondern als Blattgewebe, getrocknet, als Flügel der Sagengestalt. Ein Werk, das zu seinen Favoriten zu zählen scheint. Denn Wiegerling schwärmt jetzt, vergleicht Ikarus mit einem auf die Erde blickenden Astronauten, lässt dies zumindest erahnen. Möglicherweise ein Liebling, weil Ikarus auf blauem Grund nach oben segelt und im blauen Grund untergeht, sodass die Farbe des Himmels und des Meeres die Bilder dominiert, Wiegerlings Lieblingscouleur.

Ganz in Weiß präsentiert sich dagegen „Der Erschöpfte“, eine Puppe, die von einem Stuhl herabgleitet, weit oben, auf einem Holzstamm, der bereits an Rinde verloren hat. Sitz und Körper sind gänzlich von weißer Farbe überzogen. Ein Objekt, das zu einer Zeit entstand, als Wiegerling selbst der Erschöpfung nahe war, körperlich, geistig, finanziell, und somit eine Skulptur mit biografischen Zügen.

Ein blauer Ball, ein abgestürzter Emporkömmling, ein entglittener Ermatteter, drei von etwa 20 Werken, die das Landratsamt in den kommenden Wochen bereichern. Werke, in welchen Vergangenheit, die eigene und auch die anderer, gleich wie die Natur, Sinnbild des Vergehens und Entstehens, wirkt. „Eine Schwäche für das Vergangene“ habe er, gesteht Wiegerling, ohne die Schwäche als Schwachpunkt zu sehen, schließlich sei ein solcher Faible „ganz wichtig“. Doch eines darf die Liebe zum Gewesenen nicht sein: der einzige Maßstab. Denn auch der „Blick nach vorn“ zähle, betont der Künstler.

Wiegerling blickt zurück und nach vorne. Und der Betrachter? Seinen Blick möchte Wiegerling nicht lenken. Jedoch sollen die Werke eines ermöglichen: „Das Hinführen eines Menschen zur Kunst.“ Dass jeder Mensch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, dessen ist sich der 75-Jährige bewusst. Eben diese Blickwinkel will er kennenlernen – ein Künstler ohne Scheuklappen. Deshalb findet sich im Landratsamt auch ein Kasten, in welchen die Betrachter ihre Empfindungen zu den Werken auf Papier kundtun können. Zettel, die in die Hände Wiegerlings und später in ein Archiv gelangen. Altes gilt es schließlich zu bewahren. Das weiß wohl niemand besser als ein gelernter Kirchenmaler, der festzuhalten versucht, was zu verfallen droht.

Antonia Reindl

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Die Ausstellung kann täglich zu den Öffnungszeiten des Landratsamtes bis zum 30. April besichtigt werden. Führungen können unter Tel: 08041/505505 vereinbart werden.

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