Selbstjustiz

Er war zu Besuch bei seiner in Geretsried lebenden Schwester, die ihm von den unerwünschten Nachstellungen ihres Exfreundes berichtete. Als Norbert U. den 48-jährigen Bernd Z. (Namen geändert) tatsächlich in einem unweit der Wohnung entfernten Gebüsch entdeckte, brannten ihm die Sicherungen durch.

Der in Mannheim lebende Angeklagte war mit seiner Frau auf der Durchreise nach Mittenwald und stattete dabei seiner Schwester einen Besuch ab. Diese erzählte ihm von den Belästigungen ihres Exfreundes, gegen den sie rechtliche Schritte sowie ein Hausverbot in Erwägung zog. Als das Ehepaar am Abend des 15. März 2012 zur Weiterfahrt aufbrechen wollte, entdeckten sie tatsächlich einen im Gebüsch kauernden Mann und stellten ihn sofort zur Rede. Bernd Z. muss sich nun etwas sicherer gefühlt haben und bewegt sich auf des Ehepaar zu. Niemand könne ihm verbieten, sich in der Nähe seiner Exfreundin aufzuhalten, da ein Gewaltschutzprogramm noch nicht in Kraft getreten sei und der in München lebende Mann selbst von seiner früheren Freundin nach Geretsried gebeten wurde. Außerdem erwähnte er, dass er unaufgefordert die Kinder seiner Verflossenen vom Kindergarten abgeholt hat und dies jederzeit wiederholen könne. Der 29-jährige Mannheimer fühlte sich von diesen selbstsicheren Aussagen derart provoziert, dass er zum Faustschlag ausholte. „Blöderweise stand da sein Gesicht im Weg“, gab Norbert U. zu Protokoll – zweifellos eine arg verharmlosende Schilderung der Vorfälle. Sein Kontrahent brach sich infolge des brachialen Schlags das Nasenbein. Der 48-jährige Busfahrer erwähnte zudem noch weitere Schläge und Fußtritte, die vor dem Amtsgericht indes nicht erwiesen werden konnten. Der Angeklagte will sein Opfer nur am „Boden fixiert“ haben. Nach der Verständigung des Notarztes und der Polizei wurde Bernd Z. in die Kreisklinik Wolfratshausen eingeliefert, aus der er erst eine Woche später wieder entlassen wurde. Die Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger warfen dem Aggressor bewusste Körperverletzung vor und forderten Bewährungsstrafen von zwölf beziehungsweise 18 Monaten. Rechtsanwalt Marc Zinka brachte indes Verständnis für seinen „emotional aufgewühlten Mandanten“ auf und plädierte dafür, es bei einer Geldstrafe zu belassen. Richter Helmut Berger folgte dem Antrag und verurteilte Norbert U. wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Zahlung von 120 Tagessätzen zu je 40 Euro. Strafmildernd wirkte sich aus, dass der Mannheimer nicht vorbestraft war und sich noch im Gerichtssaal bei seinem Opfer entschuldigt hatte. Dass der Angeklagte vielleicht leichtfertig den Angaben seiner Schwester geglaubt hat und von ihr aufgehetzt wurde, konnte vor Gericht nicht geklärt werden. „Trotzdem dürfen Sie das Recht nicht in die eigene Hand nehmen. Da gibt’s andere Möglichkeiten. Schließlich leben wir hier nicht im Wilden Westen“, ermahnte Berger den Täter. Peter Herrmann

Auch interessant

Kommentare