Von Säuglingen bis Senioren

Tölzer Schenk-Räumchen braucht ehrenamtliche Helfer

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Ingrid Steinmüller ist Leiterin des Schenk-Räumchens im ehemaligen Herderbad und wirbt für Helfer und Spenden.

Bad Tölz – Draußen ist es kalt, drinnen auch. Aber das hält auch im Winter niemanden davon ab, sich in die Schlange einzureihen, die sich regelmäßig vor dem Tölzer Schenk-Räumchen bildet, oftmals bis zu 40 Kunden stehen nämlich dort an.

Im ehemaligen Herderbad reihen sich aber auch die Regale, voll beladen mit Bekleidung, Haushaltsartikeln und Kinderspielsachen. Rund 200 Quadratmeter groß ist der neue Raum, die Deckenhöhe misst rund sechs Meter. Viel Platz also, Spenden anzunehmen, und diese an Kunden des Schenk-Räumchens zu verschenken. 

Bekanntermaßen ist die soziale Einrichtung im Mai 2017 von der Klammergasse ins Tölzer Badeteil an die Herderstraße 5 umgezogen. Grund: das Pachtverhältnis wurde nicht verlängert, und die Betreiber mussten sich ein neues mietfreies Domizil suchen (wir berichteten). Drinnen empfängt Leiterin Ingrid Steinmüller freundlich die Besucher des Schenk-Räumchens. Sie ist 66 Jahre alt, trägt ihr graues Haar kurz und hat eine modische Brille auf. 

„Nicht nur Bedürftige kommen zu uns“, berichtet Steinmüller. „Auch der Otto-Normalverbraucher schaut vorbei.“ Das ist ihr wichtig zu sagen, und sie betont es mehrmals. Denn viele würden sich etwa schämen und deshalb nicht das Angebot nutzen, berichtet sie weiter. Ein Fehler: Denn die Ware, die es hier gibt, sei im guten Zustand. Darauf achtet Steinmüller und ihr Team aus ehrenamtlichen Helfern nämlich. „Der Mittelverdiener ist auch froh, wenn er seine Kinder vernünftig einkleiden kann.“ Und sein Geld für andere Dinge im Leben ausgeben könne. 

Drei VW-Bus-Ladungen treffen pro Woche im Schenk-Räumchen ein: Kleinmöbel, Vorhänge, Bettwäsche, Damenkleidung, Herrensachen, Kinderklamotten, Gläser, Nachttöpfe, oder Koffer – fast alle Lebensbereiche vom Säugling bis zum Senior sind dort abgedeckt. „Ohne das Räumchen, würde das sonst alles auf dem Müll landen“, erklärt die Leiterin. Auch der Umweltgedanke sei ihr dabei wichtig. 

Spender sind Leute aus dem gesamten Landkreis, die ihre Sachen selbst zum Schenk-Räumchen karren, meistens bringen sie diese am Samstag vorbei. Dann beginnt die Arbeit der Ehrenamtlichen: Bereits bei der Annahme werde die Ware grob durchgeschaut, erklärt Steinmüller, und dabei ist sie streng: „Jetzt nehmen wir nicht mehr alles an, betont sie. „Wir behalten uns vor, Ware auch zurückzugeben.“ Die Schenk-Räumchen-Leiterin sagt das nicht ohne Grund, denn sie habe neben schmutziger Kleidung schon einige Kuriositäten dabei erlebt. 

Einmal brachte jemand einen „Koffer wie neu“ vorbei, sagt sie. Doch der Inhalt verursachte staunen: „Darin waren vier große verrostete Eisenrohre“, schimpft Steinmüller. Heute liegt vor ihr auch Verrostetes – diesmal sind es Messer, Löffel und Gabeln. „Reiner Müll“, schimpft sie. Wenn solche Ware in den Laden geschmuggelt werde, dann bedeute das für Helfer des Schenk-Räumchen mehr Arbeit und Unkosten. Sie müssen dann selbst zur Deponie fahren und den „Müll“ entsorgen. Seitdem werde genau kontrolliert. 

Arbeit, die aber auch gemacht werden muss. „Wir suchen Verstärkung“, erklärt Steinmüller weiter. Gesucht werden zuverlässige Helfer, die auch „wirklich da sind und ein gewisses Ordnungsniveau mitbringen“. Derzeit unterstützen sie „sporadisch“ rund 20 Helfer im Alter von 30 bis über 80 Jahre, ein „bunt gemischter Haufen“, sagt sie. Wer sich verstellen kann Mitzuhelfen, kann jederzeit zu den regulären Öffnungszeiten in das Schenk-Räumchen kommen und sich bewerben. Am Besten eine halbe Stunde vorher, da hat Steinmüller am Besten Zeit. Insbesondere für die beiden Tage Freitag und Samstag sucht sie noch Personal.

 Steinmüller ist selbst noch relativ frisch die neue Geschäftsführerin. Seit Oktober macht nun die 66 Jährige aus Greiling und ehemalige Sozialpädagogin den Job. „Ich bin ein strukturierter Mensch, der gut organisieren kann.“ Ihre direkte Vorgängerin war Tanja Hammerle , die das Schenk-Räumchen mit gegründet hatte (wir berichteten). 

Unterstützt wird Steinmüller etwa von ihrer Tochter Melanie. Sie ist Mutter von drei Kinder im Alter von zwei, fünf und zehn Jahren. Und damit weiß sie, wie wertvoll und teuer neue Kinderkleidung ist. Melanie ist nämlich auch Kundin im Schenk-Räumchen: „Es ist eine Entlastung“, sagt sie. Und das nicht nur aus finanzieller Sicht, auch die heutige „Wegwerfgesellschaft“ verurteile sie. Zur Verdeutlichung hebt sie ein paar Turnschuhe hoch, die ein paar Flecken haben. „Auf einem Basar werden die nicht mehr angenommen“, sagt sie. Und: „Zum Wegschmeißen seien sie aber auch zu Schade“. Im Schenk-Räumchen sind die Treter somit gut aufgehoben, und es gibt viele Leute, die solche kleinen Schönheitsmakel nicht stören. 

Die Idee zum kostenlosen Geben und Nehmen entstand damals, als die ersten Asylbewerber in den Landkreis kamen, erklärt Steinmüller über die Anfänge des Schenk-Räumchens. Erst in einer Tölzer Garage, später in der Klammergasse und nun an der Herderstraße. Doch mittlerweile ist die Einrichtung für alle offen. Darum wurden auch die Öffnungszeiten „gesplittet“, erklärt Steinmüller: Am Montag (17 – 19 Uhr) und Freitag (10 – 13 Uhr) hat das Schenk-Räumchen jeweils für Einheimische offen. Mittwoch ist der Tag für „Jedermann“ (17 –19.30 Uhr) und am Samstag (10 – 13 Uhr) wird ausschließlich Ware angenommen. Steinmüller fasst die Struktur des Schenk-Räumchens zusammen: „Schenken macht Spaß, ebenso etwas geschenkt bekommen.“ Daniel Wegscheider

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