Sprungbrett Tölz: Syrer Majed Mehyo ergattert Ausbildungsplatz zum Hip Hop-Pädagogen

Tanz in die Freiheit

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Majed Mehyo ist aus seiner Heimat geflohen – wo er noch auf syrischen Straßen tanzte. Heute ist er nach einem Zwischenstopp in Bad Tölz auf dem besten Wege, Hip-Hop-Pädagoge zu werden.

Bad Tölz – Hunderte Dokumente, Anträge, Bestätigungen und Bescheide finden sich in dem Leitz-Ordner. Fragt man Majed Mehyo nach dem wichtigsten Formular, er findet es gleich: Die Zusage zu einem der begehrten Ausbildungsplätze zum HipHop-Pädagogen an der Freiburger Akademie für Tanz. Bad Tölz war für den 22-jährigen Syrer ein Sprungbrett – und eine zweite Heimat. Jedenfalls eine ganz entscheidende Station auf seinem ganz persönlichen „Tanz in die Freiheit“.

Internet-Videos gab es damals in seiner Heimatstadt Idlib in Syrien nicht. Deshalb biss Majed in den sauren Apfel und kaufte sich für hundert Euro, ein kleines Vermögen für den damals 13-Jährigen, eine DVD-Box. Auf den Silberlingen zu sehen: Jede Menge Hip-Hop-Filme. Der junge Syrer ist wie gefangen von dem, was er da sieht – schon vor der Schule saugt er die Bewegungsabläufe der Tänzer auf. Der Beginn einer Leidenschaft. Zusammen mit Freunden zweckentfremdet Majed einen alten, aufgelassenen Stall als Trainingsstätte. Die Mauer-Reste sind längst von Einheimischen zum Bau ihrer Häuser geholt, Fundamente grenzen den „Tanzboden“ ein. Majehds Freund bastelt einen Lautsprecher zusammen, organisiert eine Kamera des Vaters – denn die „Street Raiders“, so nennt sich die junge Tanztruppe vollmundig, wird fortan all ihre Choreographien festhalten. „So habe ich meine ,Basics‘ gelernt“, sagt Majed nun. Diese tänzerischen Grundlagen sind längst verfeinert. Der quirlige Syrer sitzt nun in der Alten Madlschule. Auf der Bühne zeigt er einen „Toprock“, einen „Shuffle“ und „Waves“ – allesamt gängige Hip-Hop-Figuren. Detaillierte Abläufe hat er sich über unzählige Videos auf der Internetplattform YouTube beigebracht. Und zwar so präzise, dass er die Aufnahmeprüfung in Freiburg gemeistert hat. Doch bis er dort bei der „Audition“ teilnehmen konnte, stand ein steiniger Weg bevor. Dass er in Syrien keine tänzerische Zukunft haben würde, steht für den jungen Majed jedenfalls schnell fest. Nicht nur, weil diese westliche Tanzart in Syrien nur ungern gesehen wird. Auch weil Majed die ersten sechs Jahre seines Lebens in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgewachsen ist. Er kennt Anfeindung, spricht gar von offen gelebtem Rassismus. In Latakia etwa, wo Majed auf die Sportakademie gehen will, wird er wegen seiner Herkunft nicht aufgenommen. Die Pläne, im Tanz beruflich aufzugehen, unterstützt der Vater nicht. Er sieht seinen Sohn lieber als Ingenieur. Majed beginnt Landwirtschaft zu studieren. Nach einem Jahr steht für ihn fest: „Das ist mir zu stupide, ich will das nicht.“ Zu der Zeit hat er inzwischen Kontakt zu einem Sportverein in Latakia – über Facebook wird er auf die Gruppe aufmerksam, die sich Parcours und Akrobatik widmet, auch Breakdance ist im Repertoire. Doch auch hier ist er Rassismus ausgesetzt. Eines aber geht für ihn weiter: Das Tanzen. Plätze und Straßen nutzt er zusammen mit Freunden, an Performances zu feilen. Eines begleitet ihn aber permanent: Die Angst, in den Militärdienst einberufen zu werden. Als die Kriegswirren immer heftiger werden und der IS sich immer weiter ausbreitet, erteilt ihm sein großer Bruder sowie sein Vater einen entscheidenden Ratschlag: „Majed, Du musst weg von hier.“ Mit lediglich 100 Dollar macht sich Majed auf den Weg in die Türkei. Dort jobbt er in einer Pizzeria, bleibt sechs Monate. Dann geht die Reise weiter: Ein Schleuser überlässt ihm einen Platz im Boot, „für nur 400 Dollar“. Der Haken: Majed muss Steuermann sein. Eineinhalb Stunden Fahrt und ein Motorschaden – doch Majed schafft es, die mit ihm reisenden 25 Personen in einem Schlauchboot nach Griechenland zu lotsen. Von dort aus geht es nach Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Über Passau reist er weiter nach München, kommt dann nach Bad Tölz in die Erstaufnahmeeinrichtung, die in der Turnhalle des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums eingerichtet wird. Dass er bei einer Party in der Alten Madlschule dann auf die Tölzerin Verena Peck trifft, sollte für Majed der „Sechser im Lotto“ werden. Die Kreisjugendpflegerin ist nicht nur gut vernetzt, sie nimmt den jungen Asylbewerber kurzerhand privat bei sich zu Hause in ihrer Familie auf, bis Majed nach einer Verlegung nach Landsberg dort endlich seinen positiven Bescheid zum Asylantrag erhält. Peck sorgt für die Weichenstellung in Majeds Leben. „Das war die schwerste Prüfung, das alles auf den Weg zu bringen“, sagte sie und schaut auf den Ordner voller Unterlagen. Hinter fast jedem Dokument steckt ein Behördengang, „dass hat mich an die Grenzen gebracht“. Grenzen hat Majed in seinen jungen Jahren innerhalb kürzester Zeit zur Genüge überschritten. Seine Zeit in Bad Tölz nutzt er, um zur Ruhe zu kommen. Er nutzt sie aber auch, um seinem Traum einen Schritt näher zu kommen. In Freiburg wird er an der Akademie für Tanz vorstellig, tanzt dort vor. Er hat Glück. Mitte Februar startet das erste Semester. Der Kurs: „Ich will Hip-Hop-Pädagoge werden“, sagt Majed in inzwischen sehr passablem Deutsch. Bad Tölz hat ihm sehr viel gegeben, sagt der Syrer, „ich fühle mich dieser Stadt sehr verbunden“. Und er will ihr irgendetwas zurückgeben. Im Idealfall in Form eines Tanzkurses für Jugendliche. Verena Peck grinst, in dem Moment nicht nur in Funktion als Kreisjugendpflegerin. Denn sie weiß: Sie und Bad Tölz werden Majed Mehyo wiedersehen. Thomas Kapfer-Arrington

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