Kämpfer für die Demokratie

In Tölz sollen Straßen nach Persönlichkeiten der Geschichte zu benennen

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Ähnlich wie bei der Hindenburgstraße, in der mehrere Stellen an die umstrittene Rolle des früheren Reichspräsidenten während der NS-Zeit erinnern, will man bei weiteren Straßenbenennungen verfahren.

Bad Tölz – Nach dem SPD- und Gewerkschaftsführer Michael Deschermeier (1885 bis 1945) soll eine Straße in Bad Tölz benannt werden. „So soll auf diesen außergewöhnlichen Sozialdemokraten aufmerksam gemacht werden“, begründete Willi Streicher (SPD) einen entsprechenden Antrag in der jüngsten Stadtratssitzung.

Der Name von Deschermeier ist in der Kurstadt kaum noch bekannt. Ein Kenner dieses Kämpfers für die Demokratie im Oberland ist der ehemalige Tölzer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Josef Förster, der unlängst in einem Vortrag beim Historischen Verein das Leben und Wirken des Sozialdemokraten nachzeichnete. Deschermeier, der in Kötzting geboren wurde, lernte das Malerhandwerk, wurde im Ersten Weltkrieg durch einen Lungenschuss schwer verwundet und kam 1918 nach Bad Tölz. Nach seiner Heirat mit Therese Rein wohnte er bis zu seinem Tod in der Messerschmiedgasse im Gries.

Politisch trat er in Tölz gleich nach der Novemberrevolution in Erscheinung. Er sprach am 17. November 1918 auf einer öffentlichen Versammlung des sozialdemokratischen Vereins zur Arbeiterschaft. Nur eine Woche später wurde er in den Tölzer Arbeiterrat gewählt und dessen Vorsitzender. Später zog Deschermeier für die Mehrheitssozialdemokraten in den Tölzer Stadtrat ein. Er war Kreisrat, Bezirksrat und SPD-Kreisvorsitzender. Er sei ohne Zweifel „die anerkannte Führungspersönlichkeit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Bad Tölz und im Altlandkreis“ gewesen, betonte Förster bei seinem Vortrag.

Außerdem war er ein entschiedener Gegner der Nazis und trat er immer wieder als Redner gegen die NSDAP auf. Noch fünf Wochen nach der Machtergreifung Hitlers sprach er in Bad Tölz. Im Juni 1933 folgten Hausdurchsuchungen der SA. Am 30. Juni wurde Deschmeier ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Er war tags zuvor an seiner Arbeitsstelle verhaftet worden und hatte die Nacht im Tölzer Gefängnis verbringen müssen. Im August wurde Deschermeier wieder aus dem KZ entlassen. Nach dem Ende der Nazidiktatur wurde er von der amerikanischen Militärregierung zum Zweiten Bürgermeister von Tölz ernannt, starb aber bereits am 20. November 1945.

Willi Streicher erinnerte im Stadtrat daran, dass noch immer „das Versprechen im Raum steht“, eine Straße nach Deschermeier zu benennen. „Das darf man nicht vergessen.“

Dem stimmte auch Christof Botzenhart (CSU) zu. „Es ist Zeit, das aktiv anzugehen und an diesen Demokraten der ersten Stunde zu erinnern“, sagte der Dritte Bürgermeister und stellvertretende Vorsitzende des Historischen Vereins. Dabei plädierte er dafür, auch Anton Holzner in den Blick zu nehmen, der ebenfalls ein Gegner der Nazis und von 1946 an Bürgermeister von Tölz war. Außerdem müsse man sich in diesem Zusammenhang mit Alfons Stollreither befassen, so Botzenhart. Der langjährige Bürgermeister von Tölz trat 1933 gleich in die NSDAP ein und gilt als Anhänger der Nazis. Nach ihm ist die Promenade im Isarufer in Richtung Stausee benannt.

Beschlossen wurde, ähnlich wie bei der Hindenburgstrasse vor einigen Jahren, eine Kommission einzusetzen. Ihr sollen Stadtarchivar Sebastian Lindmair, Josef Förster, Redakteur Christoph Schnitzer, Stadtrat Franz Mayer (Grüne) sowie Botzenhart als Leiter angehören. Bis Mitte 2019 werde man dem Stadtrat dann „Vorschläge zur weiteren Verfahrensweise“ vorlegen, kündigte Botzenhart an. Bürgermeister Josef Janker (CSU) zeigte sich zuversichtlich, „dass sich eine gute, fundierte Lösung finden wird“. bo

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