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Tafeln im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind an der Grenze ihrer Kräfte

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Von: Viktoria Gray

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Tafelsprecher aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen
Hoffen, dass die Spendenbereitschaft nicht nachlässt: (v.l.) Helmut Kulla (Bereichsleiter), Birgitta Opitz (Lenggrieser Tafel), Reinhold Pohle (Tölzer Tafel), Thomas Schneider (Tafel Loisachtal), Marianne Huschka und Dagmar Karl (beide Tölzer Tafel). © Viktoria Gray

Landkreis – Jüngst machten die freiwilligen Helfer der Tafeln im Landkreis auf ihre prekäre Lage aufmerksam. Während die Abnehmer immer mehr werden, nehmen Spendenbereitschaft und somit die Lebensmittel stetig ab.

„Es zwickt an vielen Ecken.“ So stieg Helmut Kulla, Bereichsleiter der Sozialen Dienste und stellvertretender BRK-Kreisgeschäftsführer Bad Tölz-Wolfratshausen, in das Pressegespräch ein. Ihm und auch seinen Kollegen von der Tölzer Tafel, der Lenggrieser Tafel und der Tafel Loisachtal standen die Nöte ins Gesicht geschrieben. „Unsere Helfer gehen an ihre Grenzen“, betonte Kulla. Denn mittlerweile würden mehr als doppelt so viele Abnehmer wie zuvor kommen. Hauptgrund sind die Flüchtlinge aus der Ukraine.

Abnehmer der Tölzer Tafeln um 200 Personen angestiegen

Waren es an einem Samstag vor Kriegsbeginn circa 100 Abnehmer bei der Tölzer Tafel, sind es mittlerweile um die 300. Erschwerend komme hinzu, dass durch Corona damals viele ältere Helfer abgesprungen seien. „Viele haben sich schon Sorgen wegen des Virus gemacht“, erklärte Marianne Huschka. Und auch die Spendenbereitschaft der Leute werde früher oder später abnehmen. „Lebensmittel werden nun mal teurer.“

Auch der Letzte, der zur Tafel kommt, soll mit einer vollen Tüte nach Hause gehen können

Brigitta Opitz von der Lenggrieser Tafel

„Auch der Letzte, der zur Tafel kommt, soll mit einer vollen Tüte nach Hause gehen können“, sagte Brigitta Opitz von der Lenggrieser Tafel. Das sei immerhin der Sinn und Zweck der Tafel. Laut Opitz würde sich schon zwei Stunden vor der Öffnung der Tafel in Lenggries eine Schlange vorm Eingang bilden. „Das ist enormer Druck, der da auf einem lastet“, sagte sie.

Die Abnehmer müssten verstehen, dass die Tafel kein „Volldiscounter“ sei. Ein weiteres Problem betrifft laut Opitz die Sprachbarriere. „Kein Deutsch und auch so gut wie kein Englisch erschweren die Kommunikation deutlich.“ Derzeit behelfen sich die Tafeln mit selbst gebastelten Schildern und Karten. „Helfer, die unsere Tafel wohlgemerkt ehrenamtlich betreiben, stehen unter einem enormen Stress.“

Tafeln dürfen nicht als essentielle Nahrungslieferanten herhalten

Allein die „unglaubliche Zahl“ von Anmeldungen und das „Sortieren von Ware in kürzester Zeit“ koste viel Zeit und Aufwand, wie Reinhold Pohle von der Tölzer Tafel ausführte. „Die Solidarität ist zwar jetzt noch hoch, mit den immer teurer werdenden Lebensmitteln, wird sie aber nachlassen“, befürchtete er.

Lebensmittelkiste
Teure Lebensmittel: Das ist für die Tafeln schwierig. ©  GB

Eine Horror-Vorstellung für die Tafel-Mitarbeiter – wenn sie irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie die Leute mit zu wenig oder sogar ohne Essen nach Hause schicken müssen. Auch in Zukunft sei man auf Geld- oder Lebensmittelspenden angewiesen. Derzeit wäre es für die Tafeln etwa eine enorme Hilfe, wenn Menschen ihren Einkauf direkt spenden könnten. Gut seien auch immer Nahrungsmittel, die möglichst lange haltbar sind. „Am besten kommen die Leute Samstagvormittag bei den Tafeln vorbei und bringen ihren Einkauf“, erklärte Pohle.

Tafeln arbeiten im Schichtbetrieb: Aufgabe kaum noch zu stemmen

Auch werden nach wie vor weitere Helfer gesucht, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. „Wir arbeiten zur Zeit zusammen deutlich mehr wie 100 Stunden in der Woche“, erklärte Marianne Huschka von der Tölzer Tafel. Mit nur 25 Helfern in verschiedenen Schichten, ist das eine Aufgabe, die kaum noch zu stemmen ist.

Ein weiterer Punkt, der die Helfer enorm entlasten würde, seien zuverlässige ukrainische Übersetzer. Auch um für Verständnis bei den Ukrainern zu sorgen. Es müsse erkannt werden, dass es keinen Anspruch auf die Tafel gibt, sondern dass sie eher als zusätzliches Hilfsangebot gilt. „Wir haben nun mal immer nur begrenzt Lebensmittel“, erklärte Birgitta Opitz. Die Menschen dürften nicht mit falschen Erwartungen zur Tafel kommen.

Ebenso viel zu tun hat Thomas Schneider von der Tafel Loisachtal in Kochel. Zählte er vor Kriegsbeginn 30 Abnehmer, sind es mittlerweile über 70. „Es ist eben teilweise nur eine Kiste für jeden da“, betonte er.

Jährlich werden 13 Millionen Tonnen an Lebensmittel weggeworfen

Traurig sei, dass die Lösung für das Problem der Nahrungs- und Spendenknappheit auf der Hand liegen würde. Immerhin werden laut Pohle jährlich in Deutschland immer noch 13 Millionen Tonnen an Lebensmitteln weggeschmissen. Es sei ein wichtiger Lernprozess für die Gesellschaft. Denn jeder Einzelne müsse sich mehr Gedanken über sein Essen machen. „Wir müssen mit Lebensmitteln einfach bewusster umgehen“, betonte auch Opitz. Es dürfe nicht soweit kommen, dass die Tafel für viele Menschen „einen Teil der Grundversorgung“ darstellt, wie BRK-Kreisgeschäftsführer Helmut Kulla erläuterte.

Unterstützung für die Tafeln

Wer sich als Helfer, Übersetzer oder Geldspender für die Tafeln im Landkreis einsetzen möchte, findet alle Kontaktdaten und Informationen dazu auf der Homepage des Kreisverbands auf www.brk-toel-wor.de. Dort sind die verschiedenen Standorte aufgelistet. Das Spendenkonto findet sich unter dem Reiter „Spenden“. Wichtig ist, bei der Betreffzeile die jeweilige Tafel zu vermerken, an die die Spende gehen soll.

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