Langer Atem für die Verkehrswende

Tarife, Reformen und Linien: Der Landkreis und sein öffentlicher Nahverkehr im Überblick

+
Nicht den Anschluss verpassen: Der Landkreis möchte das Angebot im öffentlichen Verkehr verbessern und ausbauen, damit beschäftigt sich nun der Kreisausschuss.

Landkreis – Es ist ein Dschungel aus Tarifen, Reformen und Plänen. Der Öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) mit seinen Bussen und Bahnen, die im Landkreis verkehren. Etwas Licht ins Dunkel soll die Tarifreform im Münchner Verkehrsverbund bringen. Ein Baustein im Ziel, den Straßenverkehr zu entlasten. Details zur Reform gab es nun im Landratsamt bei einem Pressegespräch sowie im Ausschuss für Umwelt und Infrastruktur des Kreistags.

Ein Schlagwort: „Verkehrswende“. Sie ist für Landrat Josef Niedermaier eines der wichtigsten politischen Herausforderungen dieser Zeit. Ein Thema, das von „der Mobilität bis hin zum Klimawandel reicht“. Allerdings ist es auch ein komplexes und schwieriges, „selbst für die Kreisräte“, sagt Niedermaier, die sich damit befassen müssen. Hier ein Überblick über die einzelnen Baustellen.

MVV-Tarifreform

Am 15. Dezember wird alles einfacher, dass verspricht zumindest der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) auf seinem neuen Flyer zur neuen Tarifreform. Aus den alten 16 Ringen werden nun sieben Zonen (wir berichteten). „Der alte Tarif war viel zu kompliziert. Besonders für Touristen“, sagt Matthias Schmid, Fachbereichsleiter ÖPNV im Landratsamt.

Der MVV-Tarif gilt im Landkreis im gesamten Norden und im Süden bis Bad Heilbrunn und Bad Tölz. Liegen Städte wie Bad Tölz und Wolfratshausen genau auf einem Ring, dann befinden sie sich in einer Überlappungszone. Alle Haltestellen darin gehören tariflich zu beiden Zonen. Sie können beide ohne Zusatzkosten befahren werden.

Der neue Tarif senkt im Schnitt die Ticketpreise um sieben Prozent. Neu ist auch das Sozialticket für finanziell Bedürftige wie Sozialhilfeempfänger, Asylbewerber und junge Leute, die ein freiwilliges soziales Jahr machen. Für Jugendliche gibt es zudem die kostengünstige Streifenkarte U21 (15 bis 20 Jahre).Und bei der IsarCard65, gibt es keine morgendliche Sperrzeit von 6 bis 9 Uhr mehr. Allerdings wurde das Berechtigungsalter dafür von 60 Jahren auf 65 Jahren angehoben.

„Die Tarifreform ist ein Spagat“, sagt Schmid. Einerseits werde ein attraktiver Tarif für Bürger des Landkreises geschaffen, aber dieser berge auch ein gewisses Risiko in Form von Ausgleichszahlungen. Niedermaier erklärt: „Die Tarifreform muss erlösneutral sein.“ Heißt: die MVV-Ausgaben von rund 1,8 Milliarden Euro müssen gedeckt sein, sonst werde das Minus über Steuergelder zurückgeholt, so Niedermaier weiter. Der Landkreis Tölz-Wolfratshausen hat dafür bereits 323.000 Euro für einen möglichen Ausgleich im Haushalt 2020 „geparkt“.

MVV-Erweiterung

Den ganzen Landkreis in das MVV-Netz anzuschließen, ist ein Thema seit den 1990er-Jahren, erklärt Niedermaier. Dabei müssen alle Landkreise an einem Strang ziehen, „sonst haben wir eine Insellösung, bei der die Busse nur bis an die Grenze zu den Nachbarlandkreisen fahren“. Mit eingeschlossen werden müsse auch die Bayerische Oberlandbahn (BOB) sowie die Werdenfelsbahn.

Neben München sind die Verbundlandkreise: Stadt und Landkreis Rosenheim, Stadt und Kreis Landshut, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach, Mühldorf und Landsberg sowie Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen mit an Bord. Im Rahmen der MVV-Erweiterung wird nun eine sogenannte Grundlagenstudie von der MVV Consulting GmbH „die verkehrliche Sinnhaftigkeit“ ermitteln, erklärt Schmid. Also wer nutzt wann den Bus, und lohnt sich die Linie dann überhaupt?

In der zweiten Phase treten die „Verkehrsgastzähler“ auf: Kontrollreue, die Zug- und Busfahrer erfassen und dabei Fragen zu Fahrkarten und -strecken sowie Häufigkeit der Verkehrsnutzung stellen: „wohin, woher, welches Ticket“, fasst Schmid diese einjährigen Abfragen zusammen.

Es ist der teure Part der Verbundraumerweiterung. Die Studie kostet circa neun Millionen Euro, der Freistaat trägt davon zwei Drittel (7,8 Millionen Euro). Ein realistischer Termin, der den gesamten Landkreis an das MVV-Netz anschließt, sei nicht vor 2023, so Schmid.

Nahverkehrsplan

„Der ÖPNV muss die Daseinsvorsorge für Mobilität im gesamten Landkreis sicherstellen und soll eine attraktive und nachhaltige Alternative zum motorisierten Individualverkehr bilden“, sagte Dr. Markus Haller jüngst im Kreis-Umweltausschuss. Haller ist von der MVV Consulting GmbH und stellte dort nun die festgelegten Rahmenbedingen vor. Also die Grundlage für die Mindestanforderungen an ein ÖPNV-Angebot.

Der Landkreis ist im Landesentwicklungsprogramm als „allgemein ländlicher Raum“ eingestuft. Deren Struktur die sogenannten Mittelzentren Wolfratshausen, Geretsried, Bad Tölz und Lenggries sind. Entscheidend seien dabei die Einwohnerzahlen der Orte und einzelnen Siedlungen rundherum, so Haller. Gemäß der Leitlinie sollen nun für den Nahverkehrs­plan Orte ab 200 Einwohner betrachtet werden: 36 Landkreisorte haben derzeit zwischen 200 und 900 Einwohner und 31 Orte mehr als 900. Freilich, so Haller, werden auch Orte die unter 200 Einwohner haben angefahren, allerdings seien die anderen „im Fokus“.

Bei der Festlegung der Verkehrszeiten gelte „als wichtigstes Pendlerziel die Erreichbarkeit der Landeshauptstadt München“, so Haller. So solle mit den ÖPNV-Verbindungen innerhalb der Hauptverkehrszeit ein Arbeitsbeginn sowie -ende dort möglich sein. Der öffentliche Linienverkehr werde sich zudem an den Bedarf der Schüler orientieren, damit sie morgens und nach der Schule diesen nutzen können.

Die Hauptverkehrszeit ist nun von sechs Uhr bis neun Uhr sowie 16 Uhr bis 20 Uhr festgelegt. Das Angebot für Orte mit mehr als 900 Einwohner wurde auf einen 20- bis 30-Minutentakt bestimmt. Auch die Erreichbarkeit war Thema: Demnach dürfen Bushaltestellen in Mittelzentren nur maximal 300 Meter vom Wohnort entfernt sein. Alle übrigen Orte lediglich 500 Meter Luftlinie. „Damit sind wir hier bei uns im ländlichen Raum recht gut aufgestellt“, lobte Niedermaier.

Der Landrat betonte gegenüber den Kreisräten, dass die Rahmenbedingungen nicht verpflichtend sind“. Aber eine wichtige Planungsgrundlage, „wenn wir die Verkehrswende erreichen wollen.“ Auch Vize-Landrat Thomas Holz plädierte dafür. Er erinnerte daran nicht die Freifahrten bei der geplanten Tariferweiterung zu vergessen, da Touristen im Landkreis mit der „Gästekarte umsonst fahren“.

Der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl (CSU) befürchtete, dass der 30-Mintuntentakt „sehr teuer“ werde und forderte: „Über jede einzelne Buslinie muss daher abgestimmt werden.“ Denn: „Wenn in ein paar Jahren das Geld dafür nicht mehr da sein sollte, zerreißt es einige Gemeinde bei der Kreisumlage.“ Auch Parteikollege Michael Häsch (CSU) gab zu Bedenken: „Es gibt Linien, die nicht rentabel laufen.“ Daher forderte er ebenso eine regelmäßige Kontrolle. Haller antwortete dazu: In Bezug auf eine Linienbündelung, dass derzeit noch nichts „zwingend und festgelegt“ sei.

Alpenbus

Es sei Ministerpräsident Markus Söders „Lieblingsthema“, berichtet Landrat Niedermaier. Es geht um den Alpenbus, der quer über die Landkarte, die Landkreise verbinden soll. Begonnen hat das Projekt 2018, als die Bayerische Staatsregierung unter dem Motto zur „Stärkung der Mobilität“ die Querverbindung in Form einer Expressbusverbindung von Weilheim, Murnau über Bad Tölz nach Rosenheim vorsieht.

Zum jetzigen Linienstatus kommentierte Niedermaier: „Die Querverbindung von Miesbach nach Penzberg ist beschissen.“ Abhilfe soll nun eben der Alpenbus schaffen. „Über die genaue Route sowie die einzelnen Haltestellen, darüber wird gerade entschieden“, so Niedermaier weiter. Auch hier berechnet die MVV Consulting die Strecke. Matthias Schmid rechnete allerdings nicht vor Dezember 2022 mit dem Alpenbus. Der Kreis-Umweltausschuss steht geschlossen hinter dem Projekt und beschloss einstimmig, im Rahmen der Beraterleistungen die für die Konzipierung des Alpenbus anfallenden Kosten in Höhe von 5.700 Euro für den Landkreis im Haushalt 2020 einzuplanen.

Ein großer Schritt Richtung Verkehrswende sei zudem die Expressbus-Linie zwischen Wolfratshausen und Tölz; geplant für Dezember 2021. Die Betriebskosten für die beiden Busse werden laut Niedermaier für fünf Jahre rund 4,5 Millionen Euro kosten. Dafür werde man „finanziell kräftig in Vorleistung gehen.“ Beschlossen ist der Ringbus im Norden von Starnberg über Wolfratshausen und Egling nach Deisenhofen.

Hervorragend läuft dagegen bereits die MVV-Linie 379 von Wolfratshausen nach Bad Tölz.: Eine Fahrgastzählung von Juli bis November ergab eine Steigerung werktags von rund 30 Prozent, berichtete Schmid. Und am Sonntag sogar über Hundertprozent. „Der Trend zeigt, die Linie wird angenommen, und dies auch am Sonntag,“, betonte Niedermaier.

Der ÖPNV mit seinen Erweiterungen, Verbunden und Tarifen beschäftigt nun am Montag den Kreisausschuss, der sich unter anderem mit der MVV-Verbundraumerweiterung und dem Alpenbus beschäftigen wird. Niedermaier: „Wenn man die Verkehrswende will, braucht es auch einen langen Atem.“Daniel Wegscheider

Auch interessant

Meistgelesen

Veranstaltungswirtschaft weist mit Illuminierungs-Aktionen auf dramatische Lage nach Corona hin
Veranstaltungswirtschaft weist mit Illuminierungs-Aktionen auf dramatische Lage nach Corona hin
Ferienpass: Trotz Corona haben Organisatoren 635 Angebote auf die Beine gestellt
Ferienpass: Trotz Corona haben Organisatoren 635 Angebote auf die Beine gestellt
Das Klimasparbuch Oberland 2020 ist erschienen – Print und Online
Das Klimasparbuch Oberland 2020 ist erschienen – Print und Online
Falkenhütte in Hinterriß startet im Sommer mit zwei neuen Pächtern
Falkenhütte in Hinterriß startet im Sommer mit zwei neuen Pächtern

Kommentare