Vom Paradiesvogel zum Musterschüler

„Tölzer Coaches“ helfen Schülern und jungen Erwachsene beim Einstieg ins Leben

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Sybille Fischhaber von den „Tölzer Coaches“ (Mitte) mit Nor al Deen und Michaela.

Bad Tölz – „Wir fördern, motivieren, unterstützen und begleiten Jugendliche, so lautet der Slogan der „Tölzer Coaches“: Der Verein ist eine Gruppe von sozial engagierten Trainern, die in der Wirtschaft, im Handwerk und in der Verwaltung tätig sind. Sie geben Lebens- und Berufserfahrung unentgeltlich an Jugendliche und junge Erwachsene weiter. Sybille Fischhaber ist einer der Trainer – sie stellt zwei ihrer Schützlinge vor.

Früher, da waren die Haare Neon. Sie trug löchrige Netzstrumpfhosen, Schottenrock und schwarze Lackstiefel dazu. Das äußeres Erscheinungsbild schrie: Abstand halten! Michaela, damals 15 Jahre alt, war aber auch in sich gekehrt. Redete nicht viel. Hatte keine Freunde. Heute sitzt die 22-jährige aus Gaißach neben Sybille Fischhaber im Tölzer Café Love: Die blonden Haare von Michaela sind gekämmt, sie trägt einen gestreiften Pulli und hat eine Jeans an. Und sie spricht: sicher, lächelt, ist aufgeschlossen. „Sie war ein verschlossener Paradiesvogel“, beschreibt Fischhaber ihren Schützling von damals.

Fischhaber ist nämlich „Tölzer Coach“. Sie kümmert sich um sogenannte Problemkinder, um ihnen etwa den Ausbildungs- und Berufseinstieg zu erleichtern. In der Regel sind es Mittelschüler, aber auch junge Leute mit Migrationshintergrund sind dabei. Michaela war im Jahr 2015 von Polen nach Bad Tölz gezogen und ging dort ab Oktober auf die Südschule. Dort traf sie auf Fischhaber, die dachte, „das wäre eine Baustelle.“ Und so nahm sie die junge Frau gleich unter ihre Fittiche: „Ich habe Michaela gleich zum Christbaumverkauf mitgenommen. Damit sie dabei mit Menschen in Kontakt kommt“, berichtet Fischhaber, und weiter: Deshalb habe sie Michaela dort gleich „in die freie Wildbahn geworfen“.

Und wenn Michaela heute zurückblickt, ist sie dankbar: „Es hat mir sehr geholfen. Und mich gefreut, etwas machen zu dürfen.“ Damals hatte sie „kein Vertrauen zu Menschen und auch keine Freunde“, sagt sie. Heute steht Michaela kurz vor ihrem Ausbildungsabschluss an einer Kinderpflegeschule in München. Dafür aufgenommen zu werden, war kein leichter Weg: Von den rund 500 Bewerber seien viele durch die Probezeit gefallen. Michaela blieb. Auch dank der Hilfe von den „Tölzer Coaches“. Fischhaber brachte Michaela Selbstbewusstsein und Fähigkeiten bei, die beim Beruf helfen: Etwa durch die Teilnahme im Tölzer Turnverein und bei einem Erste-Hilfe-Kurs.

Haare und Zähne müssen schön sein

Es sind ganz unterschiedliche Strategien, die Fischhaber dabei anwendet: So brauche eine Zahnarzthelferin weiße Zähne oder eine angehende Friseurin sollte schon „die Haare schön haben“. Das erste Erscheinungsbild entscheidet bekanntermaßen, ob ein Personalleiter jemanden im Bewerbungsgespräch in die engere Auswahl nimmt. Das weiß auch Fischhaber, daher achten und schulen die „Tölzer Coaches“ ihre Schüler auf richtiges Auftreten und eben auch, dass das Foto in der Bewerbungsmappe gut und richtig gemacht ist.

Fischhaber hat Lebenserfahrung. Sie selbst hat eigentlich Trachtenschneiderin gelernt und in diesem Beruf mit dem Meister abgeschlossen. Danach leitete sie mit ihren Mann einige Jahre ein Fitnessstudio in Oberfischbach. Heute ist sie seit zehn Jahren bei den „Tölzer Coaches“ und zudem Vize-Vorsitzende des Vereins, der sich hauptsächlich aus Spenden finanziert. Fischhaber hat auch schon selbst ihre eigenen Klamotten ausgeliehen, um auszuhelfen: So gab sie eine Bluse und Lederschuhe an eine Schülerin, die kurzfristig zum Bewerbungsgespräch musste.

Die „Tölzer Coaches“ trainieren auch die Einstellung zum Berufsleben – wollen Vorbild sein, „damit die Schüler gerne in die Arbeit gehen“, sagt Fischhaber. Oder helfen Jugendlichen, die „ohne Struktur“ zuhause aufwachsen, da beispielsweise „deren Eltern arbeitslos sind“.

Insgesamt hat der Verein 16 Trainer, die Nachhilfe für den Unterricht geben, aber auch beim Ausfüllen von Formularen helfen. Gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Als erstes gelte es, „Vertrauen aufzubauen“, erklärt Fischhaber. „Einfach ein gemeinsames Gesprächsthema finden. Und dann schauen wir weiter.“

Erfolg mit Herz

Heute betritt Nor al Deen das Café Love und trifft dort erstmals auf die Coachin: Der 22-Jährige Syrer lebt seit fünf Jahren in Königsdorf und erlernt gerade den Beruf des Industriemechanikers. Bisher haben ihn die „Tölzer Coaches“ sehr „bei der Integration geholfen und diese vereinfacht“, berichtet er dankbar. Auch seinen jetzigen Arbeitsplatz hat er über den Verein gefunden.

Fischhaber ist auch zufrieden, wenn sie Nor al Deen und Michaela zuhört: „Bei uns ist es sehr familiär“, sagt sie und auch „das Herz ist mit dabei“. Die Mission der „Tölzer Coaches“: „Keiner soll sich scheuen, zu uns zu kommen“, betont Fischhaber. Vielen hat sie schon geholfen, daran erinnert sie sich auch heute gern: Wenn Fischhaber im Büro alte Ordner aus dem Regal zieht, durchblättert und Namen Erinnerungen bei ihr wach rufen. Dann verabredet sie sich gern mit ihren ehemaligen Schützlingen: „Dabei ist es immer schön zu sehen, dass sie nun mitten im Leben stehen.“

Daniel Wegscheider

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Kontakt zu den „Tölzer Coaches“ gibt es online auf www.toelzer-coaches.org und unter Tel: 0160/99 857 311 bei Sybille Fischhaber. Sie ist auch per E-Mail (sybille.fischhaber@gmx.de) zu kontaktieren.

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