Appell an Bevölkerung

Tölzer Land: Kollaps der Intensivstationen droht

Intensivstation Uniklinik Leipzig
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Ein Facharzt und eine Intensivpflegerin (r) intubieren einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation (Symbolbild).
  • Daniel Wegscheider
    VonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Die medizinische Lage in der Region ist bedrohlich: Nun droht ein Kollaps der Intensivstationen.

Die Corona-Fallzahlen steigen rapide und die Krankenhäuser in der Region sind kurz vor dem Kollaps. Landrat Josef Niedermaier sowie die Ärztlichen Direktoren der Asklepios Klinik Bad Tölz und des Wolfratshauser Kreiskrankenhauses schlagen deshalb Alarm.

„Die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern sind voll, wir stehen kurz vor dem Kollaps“, betont Landrat Josef Niedermaier: Er appelliert an die Bevölkerung in der Region. „Lassen Sie sich impfen.“ Jeder Bürger solle jetzt eines der Impfangebote wahrnehmen. Die Impfkapazitäten im Landkreis werden aktuell so schnell wie möglich hochgefahren.

40 Prozent schaffen es nicht

Wie schlimm die Situation auf den Intensivstationen ist, schildert Martin Schlott. Er ist Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin an der Tölzer Asklepios Stadtklinik: „Wird ein Corona Patient in eine Notaufnahme eingeliefert, liegt meist eine Infektion der Atemwege mit Leitsymptomen wie Fieber und trockenem Husten, sowie der Verlust des Geruchssinns vor.“

Trotz sofort eingeleiteter Therapie erleben Schlott und seine Kollegen, dass sich dennoch bei einigen Patienten der Zustand rasch verschlechtert.

Die Sauerstoffsättigung im Blut nehme weiter ab und es komme zu Atemnot. „Bevor die Beatmung beginnt, hat der Patient gerade noch Zeit letzte dringende Telefonate zu erledigen und Angehörige zu informieren“, sagt Schlott und betont: „Die Chance, die Therapie zu überstehen, liegt im Bundesdurchschnitt aktuell bei rund 40 Prozent.“ Die meisten Corona-Patienten, die es so schlimm treffe – „sind nicht geimpft.“

Soviel Corona-Patienten wie noch nie

Das Szenario beschreibe eindringlich, „was nüchterne Zahlen wiedergeben“, sagt Niedermaier. Die Inzidenz im Landkreis steigt seit Tagen exponentiell, am Wochenende wurde die 800er-Marke überschritten. „In beiden Kliniken im Landkreis müssen aktuell so viele Patienten wie noch nie seit Ausbruch der Corona Pandemie versorgt werden“, betont der Landrat weiter.

In den beiden Kliniken im Landkreis, Asklepios Stadtklinik und im Kreiskrankenhaus werden aktuell 47 Corona-Patienten versorgt – elf davon intensivmedizinisch. Damit gibt es im Landkreis noch zwei freie Intensivbetten.

„Meisten Corona-Patienten ungeimpft“

Die Stadtklinik Bad Tölz versorgt derzeit die meisten Corona-Patienten des Rettungszweckverbandes Oberland, der die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen umfasst.

Aufgrund der hohen Zahlen hatten bereits vergangene Woche die Tölzer Asklepios Klinik sowie die Kreisklinik aufschiebbare Operationen und Behandlungen ausgesetzt. Am Montag (15. November) hatte dann auch die Regierung von Oberbayern angeordnet, alle unter medizinischen Aspekten aufschiebbaren stationären Behandlungen zu unterlassen.

Die seit Tagen hohe Inzidenz in der Region wird in den kommenden Tagen und Wochen insbesondere die Intensivstationen in eine Extremsituation bringen. „Bereits heute ist absehbar, dass Patienten nicht mehr im Landkreis versorgt werden können“, berichten die Ärztlichen Direktoren der beiden Krankenhäuser im Landkreis Josef Orthuber (Wolfratshausen) und Rüdiger Ilg (Bad Tölz).

Grund: Rund ein Drittel aller stationären Corona-Patienten muss mit einer Verzögerung von fünf bis zehn Tagen meist auch auf der Intensivstation versorgt werden. Gleichzeitig werden aber auch für andere dringende, potentiell lebensbedrohliche Behandlungsfälle, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, intensivmedizinische Versorgungskapazitäten benötigt.

„Angesichts ähnlich hoher Corona Zahlen in den Nachbarlandkreisen gestaltet sich aktuell auch eine Verlegung von Patienten in andere Kliniken sehr schwierig.“

Junge Menschenhaben reales Risiko schwer zu erkranken

Die überwiegende Zahl der Patienten die bisher wegen einer Covid-Erkrankung stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden musste, sei ungeimpft oder nicht vollständig geimpft. „Zudem beobachten wir, dass auch jüngere Menschen ohne Impfschutz ein reales Risiko haben, sehr schwer zu erkranken“, betonen Orthuber und Ilg unisono.

Lag der Median der hospitalisierten Corona-Patienten in der zweiten Corona Welle bundesweit noch bei 77 Jahren, sei er jetzt bei 48 Jahren. „Darunter sind auch Patienten unter 30, die ungeimpft sind und so schwer an Corona erkranken, dass sie auf der Intensivstation beatmet werden müssen“, berichtet Ilg weiter.

Dr. Rüdiger Ilg von der Stadtklinik Bad Tölz.

Die lokalen Erfahrungswerte der Mediziner decken sich mit aktuellen Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI). Demnach sind 87 Prozent der Patienten zwischen 18 und 59 Jahren, die wegen einer Corona-Infektion in Deutschland auf einer Intensivstation versorgt werden müssen: nicht vollständig oder gar nicht geimpft.

Dagegen seien Impfdurchbrüche bei vollständig geimpften Patienten mit schweren Verläufen aber deutlich weniger häufig. „Sie betreffen vor allem Personen über 70 Jahre, deren Immunsystem geschwächt ist.“

Niedrige Impfquote im Tölzer Land

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hinkt die Impfquote mit 58 Prozent im Vergleich zum bayerischen Durchschnitt von 66,5 Prozent hinterher. „Die Inzidenz korreliert ganz eindeutig mit der Rate der Ungeimpften, das zeigen lokale Unterschiede in Deutschland und im europäischen Vergleich“, erklärt Orthuber.

Dr. Josef Orthuber von der Kreisklinik Wolfratshausen.

Die Leidtragenden seien am Ende nicht nur die betroffenen Patienten, sondern auch die Mitarbeiter im Krankenhaus. „Sie sind am Ende ihrer Kräfte.“ Auch müssen andere Patienten unter ungeimpften Corona-Patienten leiden, da deren Behandlung deshalb verschoben werden müsse. „Das ist schlimm genug.“

Triage nicht mehr ausgeschlossen

Jetzt geht es laut den Ärztlichen Direktoren darum, das schlimmste anzunehmende Szenario abzuwenden – in dem auch eine Triage von behandlungsbedürftigen Patienten nicht mehr ausgeschlossen werden könne. „Dies wird nur noch möglich sein mit einer strikten Einhaltung der Hygiene- und Testmaßnahmen, Vermeidung aller unnötigen Kontakte und möglichst raschem Anstieg der Impfquote.“

Ilg und Orthuber appellieren wie der Landrat Josef Niedermaier auch: „Lassen Sie sich impfen.“ Bereits Geimpfte sollten nun auch das Angebot der Booster-Impfung wahrnehmen. „Ein vollständiger Impfschutz bietet einen hohen Schutz insbesondere vor schweren Covid-Verläufen“, raten die Mediziner. Jetzt sei es entscheidend, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung erhöht werde.

„Die Impfung ist unser einziges medizinisches Mittel, um die Pandemie einzudämmen und zudem auch andere Patienten weiter versorgen zu können, die ebenfalls dringend ein Intensivbett brauchen“, ergänzt Niedermaier.

Aktuell arbeite das Landratsamt und das Impfzentrum „mit Hochdruck daran“, Impfkapazitäten weiter auszubauen und Abläufe zu verbessern. Ab nächster Woche werden laut Landratsamt wieder Terminvereinbarungen für eine Impfung möglich sein.

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