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Tölzer Land: Studie zu Long-Covid soll Aufschluss bringen

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Von: Franca Winkler

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Eine Person ist gerade dabei einen Fragebogen auszufüllen.
„Tölzer Studie“: Etwa 9.200 Landkreisbürger sollen helfen, die gesundheitlichen Folgen von Corona zu entschlüsseln. © Winkler

Landkreis – Eine Studie zu Corona-Langzeitfolgen wird im Tölzer Landkreis durchgeführt. Die Antworten sollen auch bei künftigen Behandlungen eine Hilfe sein.

Hausarzt Dr. Jörg Lohse behandelt seit Beginn der Pandemie in seiner Praxis in Münsing regelmäßig Corona-Erkrankte und ist zugleich auch der ärztliche Koordinator zur Bewältigung der Corona-Pandemie im Landkreis. Fragen nach den Langzeitfolgen beschäftigen ihn seit je her. Nun soll eine Studie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Antworten liefern, die auch bei künftigen Behandlungen Hilfestellung bieten soll.

Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland haben sich bislang mit dem Coronavirus infiziert – davon im Landkreis etwa 20.000 Einwohner (Quelle RKI, LRA). „Ich sehe jede Woche einige Patientinnen und Patienten in meiner Praxis, die unter den Folgen einer durchgemachten Corona-Infektion leiden.

Und ich möchte wissen, wie wir Ärzte ihnen am besten medizinisch helfen können“, erklärt Lohse. Doch völlig ungeklärt seien die gesundheitlichen Beeinträchtigungen noch, die Wochen oder Monate nach der Erkrankung bestehen können. Die Datenlage dazu ist noch dünn.

Auch wisse man nur „wie es denen geht, die auch in die Praxis kommen. Das sind geschätzt zehn bis 15 Prozent“, ergänzt Dr. Antonius Schneider, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung im Münchner Klinikum rechts der Isar.

Dr. Jörg Lohse, ärztliche Koordinator zur Bewältigung der Corona-Pandemie im Tölzer Landkreis.
Dr. Jörg Lohse, ärztlicher Koordinator im Landkreis © Lohse

Was mit den übrigen Personen ist, soll nun eine Tölzer Studie detailliert klären: Wie geht es den Betroffenen nach der Infektion und welche Symptome sind eventuell geblieben? Für die Studie haben sich Lohse und Schneider sowie das Tölzer Gesundheitsamt zusammengeschlossen, um eine Forschungsarbeit zu erstellen.

Dafür werden 9.200 Einwohner aus dem Landkreis, die älter als 18 Jahre alt sind, ab kommender Woche einen fünfseitigen anonymisierten Fragebogen, inklusive frankiertem Rückumschlag erhalten.

„Hoffen, Betroffenen zu helfen“

„Wir erhoffen uns natürlich einen großen Rücklauf“, sagt Dr. Antonius Schneider, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung im Klinikum rechts der Isar. Fast 9.200 Personen, die bis 30. November 2021 eine Corona-Infektion durchgemacht haben, bekommen in Kürze ein Schreiben mit der Bitte, einen fünfseitigen anonymen Fragebogen auszufüllen, und diesen zurückzusenden.

Prof. Dr. Antonius Schneider, Klinikum rechts der Isar
Prof. Dr. Antonius Schneider, Klinikum rechts der Isar © Schneider

„Denn wir möchten mit dieser Erhebung besser verstehen, wie es den betroffenen Menschen geht. Die Erkenntnisse sollen uns helfen, gute Versorgungskonzepte für Patientinnen und Patienten mit lang andauernden gesundheitlichen Beschwerden nach einer Corona­virus-Infektion zu entwickeln. Je mehr Betroffene antworten, desto zuverlässigere Ergebnisse können wir gewinnen“, betont Schneider.

Wichtig sei dabei, dass auch Personen antworten, die keinerlei Beschwerden haben. „Auch eine mit nein angekreuzte Antwort würde Aufschluss geben“, betont der Münsinger Arzt Jörg Lohse. Durchgestrichene Seiten machen den Fragebogen allerdings ungültig.

Bei den Fragen geht es um körperliche wie seelische Symptome – von Luftnot, Konzentrationsstörung bis hin zu Depressionen. Auch nach weiterer medizinischer Behandlung wird gefragt und, ob der Alltag bewältigt werden könne. Alle Fragen lassen sich schnell mit ja und nein oder einer Skala beantworten.

In dem beiliegenden vorfrankierten Umschlag sollen die Antworten zurückgesendet werden, erklärten Lohse, Schneider, Landrat Josef Niedermaier und Gesundheitsamtsleiter Stephan Gebrande bei der Pressekonferenz vergangener Woche. Das Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Technischen Universität München wird die Studie dann auswerten und veröffentlichen –die Daten sind anonym.

Niedermaier ist stolz darauf, dass diese Studie in Kooperation mit dem Gesundheitsamt Bad Tölz-Wolfratshausen erfolgt. „Ich danke erst einmal allen Beteiligten für ihren Einsatz in der Konzeption, aber auch in der Umsetzung im Haus“, betonte er: „Wir waren und sind leider nach wie vor einer der Landkreise mit sehr hohen Infektionszahlen, umso schöner ist es, wenn wir in unserem Landkreis ein kleines Mosaiksteinchen dazu beitragen können, den von Long-Covid-Betroffenen zu helfen, um ihnen ein Stück Hoffnung zu geben.“

Studie sofort interessant

Die Studie sei „eine absolute Tölzer Geburt“, sagte Lohse zu Beginn des Pressetermins. Er habe in seiner Praxis bemerkt, dass einige Patienten nach einer Corona-Infektionen stark gezeichnet waren; andere wiederum hätten es locker weggesteckt.

Auch habe Lohse festgestellt, dass „das Befinden meiner Patienten deutlich besser ist als die statistischen Befunde. Das hat für mich nicht zusammengepasst“. Das trieb Lohse um, und brachte ihn auf die Idee der Studie: „Wollen wir nicht mal unsere Patienten fragen, wie es denen jetzt geht?“

Niedermaier und Gebrande seien sofort interessiert gewesen und auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Begleiter, wurde der gebürtige Tölzer Professor Schneider gefunden. Die Studie, zu der auch bereits die Ethikkommission ihre Zustimmung gegeben hat, soll wissenschaftlich fundiert Auskunft geben, wie es den Betroffenen geht – vor allem „auch den 80 bis 90 Prozent, die nicht zum Arzt gehen“, erläutert Schneider.

Dr. Stephan Gebrande, Leiter des Tölzer Gesundheitsamt
Dr. Stephan Gebrande, Leiter des Tölzer Gesundheitsamt © Gebrande

Bevölkerungsbasierte Studien gebe es zwar bereits, aber was bisher gefehlt habe, seien psychometrische Fragebögen oder Skalen zu den Beschwerden. „Wir erhoffen uns klare Aussagen über die Beschwerdebilder, mit der Hoffnung, dass wir dann auch Programme entwickeln können, um den Betroffenen helfen zu können“, erläuterte Schneider.

Gesundheitsamtsleiter Gebrande gab an, für ihn sei zudem spannend, ob auch Maßnahmen wie Lockdowns oder andere Beschränkungen ursächlich für Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche sein könnten.

Da die Studie mit einer hohen Zahl an Rückmeldungen steht oder fällt, betont Gebrande die Anonymität der Forschung: „Das Gesundheitsamt bleibt Herr der Daten.“ Alle werden gebeten mitzumachen. Für die Rückantwort ist kein Datum auf dem Schreiben vermerkt, allerdings hoffen die Studienleiter Schneider und Lohse auf einen zeitnahen Rücklauf. Mit ersten Erkenntnissen rechnen sie Ende Mai 2022.

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