„Gewalt hat zugenommen“

Tölzer Land: Zunahme von Gewalt gegen Frauen - Hilfe für Frauen von Frauen

Eine Frau die am Fenster sitzt.
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Frauen, die Hilfe benötigen, können sich an die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ wenden (Symbolbild).
  • Franca Winkler
    VonFranca Winkler
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Landkreis – Wolfratshauser Verein „Frauen helfen Frauen“ weist im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen auf Problematik hin.

Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen, prangert das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend an.

Aus diesem Grund wurde 2019 die Initiative „Stärker als Gewalt“ gegründet, um sich für Opfer einzusetzen und vor allem auch in der Corona-Krise Betroffenen Hilfe zu bieten, die Zuhause von Gewalt bedroht sind.

Hilfe bietet auch der Wolfratshauser Verein „Frauen helfen Frauen“. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in der vergangenen Woche, hat der Verein auf die Problematik der Gewalt hingewiesen. Sprecherin Nicoline Pfeiffer berichtet dem Gelben Blatt von ihrer Arbeit: „Wir beraten Frauen und Jugendliche, denen Gewalt im häuslichen Umfeld widerfährt.“ Diese Gewalt kann dabei von Demütigung, Kontrolle, sexuellem Zwang, Mobbing und Stalking bis zu physischen Verletzungen reichen.

Zunahme der Gewaltkriminalität um 36 Prozent

Wenn im häuslichen Umfeld nichts mehr zu retten scheint und den Frauen nur noch die Flucht aus den eigenen vier Wänden bleibt, vermittelt der Verein die Unterbringung in einem Frauenhaus. Bei besonderer Gefährdung durchaus auch in einen weiter entfernten Landkreis.

Seit Beginn der Pandemie hat „die Gewaltkriminalität im Landkreis um 36 Prozent zugenommen“, erläutert Pfeiffer. Die Nachfrage an Beratungen verdeutlicht den Trend: 2019 haben sich 213 Personen beraten lassen, 251 Personen waren es im Jahr 2020. Anfragen für eine von der oberbayerischen Regierung und dem Landkreis finanzierten Unterbringung im Frauenhaus wurden 2019 insgesamt 52 mal gestellt, im vergangenen Jahr waren es 86.

Zum laufenden Jahr konnte Pfeiffer noch keine statistischen Angaben zu Beratungen machen, aber „27 Frauen konnten in Frauenhäusern untergebracht werden“, sagte Pfeiffer.

„Frauen helfen Frauen“: bedingungslose Umsetzung der Istanbul Konvention

Neben der Hilfe für die Frauen, sei der Schutz der Kinder ebenso wichtig, betont Nicoline Pfeiffer, Sprecherin des Vereins „Frauen helfen Frauen“. In den voll ausgestatteten Zimmern im Frauenhaus finden auch sie Zuflucht und eine spezielle Betreuung.

Die sechs Zimmer im Frauenhaus im Landkreis reichen oft nicht aus, auch wenn die Frauen mit ihren Kindern hier nur vorübergehend untergebracht werden. „Wir suchen in solchen Fällen nach Verfügbarkeiten im Umland“, sagt Pfeiffer.

Problematisch sei die Unterbringung für Asylbewerberinnen, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen sei, da die Behörde den Wohnsitz bestimme. Auch für Frauen aus der EU ist die Lage komplizierter, da EU-Bürger erst nach fünf Jahren Zugang zum Deutschen Sozialsystem erhalten und der Aufenthalt in einem Frauenhaus von der Regierung finanziert werden könne.

Die Corona-Pandemie habe die Situation verschärft, da bei einem positiven Fall Aufnahmestopp für das Frauenhaus gilt. Im Notfall habe man auf Pensionen oder Hotels zurückgreifen können, aber für Ungeimpfte ist das bei einer 2G-Regelung unmöglich. „Die Frauen sollen unbedingt anrufen wenn sie Hilfe benötigen“, betont Pfeiffer. Gemeinsam werde man eine Lösung finden.

Die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ ist auf www.fhf-wolfratshausen.de erreichbar. Dort gibt es einen Überblick über Hilfeleistungen und Kontaktmöglichkeiten für eine Online-Beratung. Telefonische Beratung: Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr unter Tel: 08171/186 80.

Neben acht angestellten Personen, arbeiten ehrenamtliche Helfer für den Verein. Eine aktive Vereinsmitgliedschaft ist nur Frauen erlaubt. Fördern dürfen den Verein aber durchaus alle. „Helfende werden immer gesucht“, sagt Pfeiffer.

Die vom Verein angebotene kostenlose Beratung erfolgt persönlich, telefonisch aber auch online und unterliegt der Schweigepflicht. Geht eine Frau in ein Frauenhaus, so soll der Aufenthalt dort nur vorübergehend sein. „Wir helfen den Frauen ein neues gewaltfreies Leben aufzubauen. Das Frauenhaus ist dabei nur eine Zwischenstation“, erklärt Pfeiffer.

Im Rahmen des Regierungsprojektes „second stage“ (zu deutsch: zweiter Schritt) sucht der Wolfratshauser Verein nach dauerhaftem Wohnraum. Auch bei Terminen vor Gericht oder Abwicklungen bei Ämtern unterstützt der Verein.

Pfeiffer kritisiert die Gesetzeslage: Bei Umgangsregelungen werde zu wenig darauf geschaut, ob der Partner gewalttätig ist. „Bei 70 Prozent der Treffen kommt es zu Misshandlungen.“ Die Wut über das Verlassensein mache manche Partner noch gewaltbereiter. Die strafrechtliche Verfolgung sei diesbezüglich zu lasch.

Die Frage, ob sie einen Wunsch an die Regierung hätte, bejahte Pfeiffer: „Mehr Schutz vor Gewalt gegen Kinder und die bedingungslose Umsetzung der Istanbul Konvention, die alle EU-Mitgliedschaften verpflichtet, gegen alle Formen der Gewalt vorzugehen. Auch sollte allen Frauen Zugang zu Hilfeleistungen ermöglicht werden.“

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