Die Turmstadt

Ein 30 Meter hohes Gastanklager und ein 60 Meter hoher Destillationsturm will der Flüssiggashersteller Tyczka an der Blumenstraße errichten. Der Entwicklungsausschuss macht den Weg dafür frei.

Die Industriestadt soll ein industrielles Wahrzeichen bekommen. Denn der Flüssiggashersteller Tyczka will seinen Standort an der Blumenstraße erweitern. Dafür sind ein 60 Meter hoher Destillationsturm sowie ein 30 Meter hohes Gastanklager geplant. Der Entwicklungs- und Planungsausschuss machte jüngst den Weg dafür frei – trotz teilweise massiver Bedenken der Träger öffentlicher Belange.

Diskussionslos passierte dieser erhebliche Eingriff ins Stadtbild den Ausschuss. Nur Beate Paulerberg (Grüne) widersprach: „Ich schätze die Firma Tyczka sehr, nur als Grüne kann ich dem Vorhaben nicht zustimmen.“ Denn nicht nur, dass der Destillationsturm das bisher höchste Gebäude der Stadt um 23 Meter überragen wird. Auch bringen die Erweiterungspläne eine massive Rodung mit sich. 2,5 Hektar Wald wird Tyczka zur Realisierung abholzen. Die Stadt sieht die geplante Erweiterung als Maßnahme zur Sicherung des Betriebsstandorts und zum Erhalt von Arbeitsplätzen. Die Träger öffentlicher Belange indes kritisieren sowohl die Höhe des Turms als auch die Abholzung. „Mit dem Destillationsturm schafft sich Geretsried ein zweifelhaftes Denkmal“, schreibt etwa der Bund Naturschutz. Auch das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen sieht in dem Bauwerk einen „Paradigmenwechsel“. Bisher sei die Kronenhöhe der umliegenden Wälder mit etwa 25 Metern Richtwert für Baumaßnahmen gewesen. „Diese bewährte Beschränkung der Höhe baulicher Anlagen wird nun nicht etwa behutsam gelockert, sondern gleichsam pulverisiert“, heißt es seitens der Kreisbehörde. Denn in einem Umkreis von mindestens zehn Kilometern wird der Turm sichtbar sein. „Das Landschaftsbild wird erheblich beeinträchtigt“, schreibt die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes. Doch die Stadtverwaltung argumentiert dagegen mit dem Hochhaus an der Sudetenstraße, das 37 Meter hoch ist. Der Behördenfunkmast in Wolfratshausen werde etwa 50 Meter hoch und bei den Windkraftanlagen in Berg seien Nabenhöhen von 100 Metern geplant. Ebenso führt die Stadt einen 88-Meter-Kamin in Pullach an. Nicht nur der Turm wird massiv kritisiert. Auch die Waldrodung. Naturschutzverbände monieren scharf, dass es sich um ein gesetzlich geschütztes Schneeheide-Kiefernwald-Biotop handelt. „Diese Rodung ist nicht ausgleichbar“, so die Naturschutzverbände – Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz – unisono. Einzig das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zeigt sich mit den Ausgleichsmaßnahmen der Firma Tyczka einverstanden. Diese seien bereits 1991 geleistet worden: Damals hatte Tyczka eine Ersatzaufforstung (etwa drei Hektar) im Bereich der Weidefläche des Gutes Buchberg realisiert. Damals wurde allerdings nicht gebaut. „Es ist nicht hinzunehmen, dass die Stadt Geretsried hier, genauso wie südlich Waldram oder auf den Buckelwiesen der Königsdorfer Alm, wertvolles Kulturland aufkauft, es jahrelang verbrachen und verbuschen lässt, um es dann als Ausgleich für Naturzerstörungen wieder herzurichten“, schreiben die Naturschutzverbände. Dem widersprach Franz Wirtensohn (CSU) vehement: „Der Wald wird hervorragend von uns bewirtschaftet. Diese Behauptung liegt völlig daneben.“ Michael Schlenz vom Bauamt machte dem Gremium abschließend klar, dass für Tyczka ein anderer Standort „nicht möglich ist“. Der Flüssiggashersteller sei auf das Industriegleis angewiesen. Und habe das Gelände wegen der Möglichkeit der Erweiterung damals erworben. Weiter werde der Entwicklungsstand der Stadt im Regionalplan ausdrücklich gewürdigt. „Die eigenständige Entwicklung der Region gegenüber dem großen Verdichtungsraum München soll gestärkt werden“, erklärte Schlenz. Das gelte auch in Bezug auf das Mittelzentrum Geretsried-Wolfratshausen. So gilt es also für die Stadt zwischen zwei Polen abzuwägen. Erhalt des Landschaftsbildes oder wirtschaftliche Entwicklung. Und zweiterem „wird Vorrang vor dem Naturschutz gegeben“, betonte Schlenz. Der Entwicklungs- und Planungsausschuss schloss sich dem an – mit 10:1 Stimmen. Mit Ausnahme der Grünen-Stadträtin Beate Paulerberg. rf

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