Überlebenskampf: Landkreis-Tafeln

Tölzer und Lenggries stellen ihre Ausgabe ein: Geretsried-Wolfratshausen weiterhin offen

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Tafelhelfer haben engen Kontakt mit ihren Kunden: In Zeiten von Corona kein leichter Alltag.

Landkreis – Es sind schwere Zeiten: Die Corona-Pandemie greift um sich und ist für jeden Einzelnen beruflich wie privat eine Belastungsprobe. Auch die Landkreis-Tafeln kämpfen, um ihren Dienst aufrecht zu erhalten. 

Update: 23. März: Aufgrund der aktuellen Situation sowie der Ankündigung von Ministerpräsident Markus Söder müssen nach der Tafel Tölz auch die Tafeln in Lenggries (Lebensmittel-Ausgabe samstags) und Kochel (Lebensmittel-Ausgabe montags) vorübergehend den Betrieb einstellen.

Besonders ehrenamtliche Helfer befinden sich in einem Dilemma, wenn sie wiederum Bedürftigen weiterhin helfen wollen: Bis an die eigenen Grenzen gehen, oder Rücksicht auf die eigene Gesundheit und die anderer nehmen? Gerade die Tafeln im Landkreis stehen vor dieser schwierigen Entscheidung. Während die Tafeln Lenggries und Geretsried-Wolfratshausen weitermachen, teilt die Tölzer Tafel jetzt mit Bedauern mit ihre Samstagsausgabe ab heute bis auf Weiteres einzustellen.

„Es ist uns schwer gefallen, aber in der momentanen Situation bleibt uns nichts anderes übrig“, berichtet Tölzer Tafelsprecher Reinhold Pohle. Ab heute werden nämlich die Samstagsverteilungen an der Grundschule Lettenholz sowie an der Südschule an Bedürftige mit einer Sozialkarte erst einmal eingestellt. „Wir werden uns wieder melden, wenn wir wieder öffnen“, ergänzt er. Wann dies sei, weiß auch Pohle nicht genau.

Pohle und Dagmar Karl haben sich zu diesem Schritt zum Schutz ihrer rund 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter entschieden. „Die allermeisten sind 60 Jahre und älter“, betont er. Sogar über 80-Jährige halfen bei der regelmäßigen Ausgabe der Lebensmittel immer wieder mal mit. Bekanntermaßen zählen laut Experten insbesondere Ältere neben Menschen mit einer Vorerkrankung zur Risikogruppe, bei denen eine Corona-Infektion einen schweren, sogar lebensgefährlichen Verlauf nehmen kann. „Wir müssen unsere Leute schützen, die hängen beim Aussortieren der Ware eng aufeinander“, berichtet Pohle weiter.

Aber er denkt nicht nur an seine Helfer, sondern auch an die Abnehmer. Rund 50 Kunden zählt die Tölzer Tafel jeweils an den beiden Standorten. Da ist dichtes Gedränge nicht zu vermeiden. Und gerade diese Situation ist laut Gesundheits- und Landratsämtern zu vermeiden. „Bei der letzten Ausgabe haben sich große Trauben vor der Türe gebildet“, erklärt Pohle. Um einen engen Kontakt zu vermeiden, wurden deshalb nur bis zu drei Personen gleichzeitig eingelassen. Auch wenn die Tölzer nun dicht machen, bleibt Pohle ruhig. „In Deutschland muss niemand verhungern“, sagt er. So sei die größte Gruppe an Abnehmern Hartz IV-Empfänger, „die trotz geringen Einkommens notfalls selbst einkaufen können“.

In Lenggries ist eine Entscheidung zur Schließung der Tafel noch nicht gefallen. „Wir entscheiden von Woche zu Woche neu“, berichtet von dort Birgitta Opitz. Die dortige Tafel-Sprecherin spricht von „durchhalten“ und „Notausgaben“. Denn die bis jetzt übliche Samstagsausgabe an der Tourist Information am Rathausplatz ist nach deren Schließung nun auf den Bahnhofsplatz in den ehemaligen „BRK-Stützpunkt“ verlegt worden. Dafür hat die Gemeinde ihr Gebäude zur Verfügung gestellt. Und das hat auch Vorteile, denn der Platz ist dort groß genug und die Lenggrieser achten auf ausreichend Sicherheitsabstand.

Zudem geben laut Opitz die Tafelhelfer die Lebensmittel in bereits fertig gepackten Tüten heraus, damit der zwischenmenschliche Kontakt so gering wie möglich gehalten werde. Und: „Es gibt kein Warten in der Schlange“, sagt sie. In Lenggries arbeiten fünf Gruppen mit jeweils bis zu acht Ehrenamtlichen und es gibt zudem eine eigene Ausfahrer-Truppe. An Helfern mangle es ohnehin nicht. Da aufgrund der Corona-Krise sowieso viele Büroangestellte und Selbstständige Zuhause bleiben müssen und Zeit haben, melden sich viele freiwillig. „Die große Welle des Entgegenkommens tut richtig gut“, lobt Opitz.

Unterstützt wird die Lenggrieser Tafel auch von BRK-Mitarbeitern. Auch der Verein „Nur a bisserl Zeit“ unter der Leitung von Opitz springt mit auf die Solidaritätswelle. Getreu dem Leitgedanken des Vereins: finanziell bedürftige Mitbürger, insbesondere Senioren, zu unterstützen, greift dieser auf seinen Spendentopf zurück. „Wir legen unseren Tafelkunden Gutscheine in die Lebensmitteltüten mit bei“, berichtet Opitz. Die sie dann wiederum in der Bäckerei Kogl sowie der Metzgerei und dem Früchtehaus Holzner einlösen können. Auch die Pfarrei St. Jakob hat bereits geholfen und das Warenlager der Tafel aufgestockt. Im Rahmen einer Fastenaktion wurden nämlich Lebensmittel gesammelt, um diese an Bedürftige weiterzugeben. Opitz ist zufrieden: „Wir haben momentan mehr Helfer als an Bedarf und Bedürftigen.“

Der Geretsrieder-Wolfratshauser Tafelverein bleibt ebenfalls in Betrieb. Die Vorsitzende Heidemarie Ritter sagt: „Die Ausgaben laufen weiterhin ganz normal.“ Auch hier werde darauf geachtet, dass Kunden und Verteiler bei der Ausgabe so wenig Kontakt wie möglich zueinander haben, ergänzt die Tafelsprecherin Claudia Brenner. Dafür wird auch dort die Ware in einem extra Raum bereits fertig in Lebensmitteltüten abgepackt und dann in einen anderen Raum übergeben. Außerdem müssen sich die Kunden die Hände auf der Toilette der beiden Ausgabestellen in Geretsried (Jeschkenstraße 22) sowie im Wolfratshauser Jugendhaus „La Vida“, waschen und desinfizieren. Freilich gebe es auch hier viele Ältere bei den mehr als hundert Helfern: Allerdings seien viele von ihnen auch weiterhin bereit bei der Ausgabe mitzuhelfen, sagt Brenner, da auf ausreichend Sicherheitsabstand sowie die Hygiene geachtet werde. „Auf diese Weise bekommen wir das ganz gut hin.“ Daniel Wegscheider

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