Perspektive jenseits des Intensivierungsdrucks

Umweltschutzorganisationen und Bauern fordern Umdenken in Landwirtschaft

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Düngen, mähen, düngen, mähen: Bis zu acht Mal werden Wiesen inzwischen pro Saison gemäht, um genug Futter für Kühe zu erzeigen – eine Folge der ertragsdominierten Landwirtschaft.

Bad Tölz/Landkreis – Ein Zusammenschluss aus Naturschutzverbänden und Landwirten hat in einem Brandbrief an die Politik – Adressaten sind etwa zig Bürgermeister der Region, Landrat Josef Niedermaier und seine Amtskollegin Andrea Jochner Weiß (Weilheim-Schongau) aber auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner – vor den Folgen einer Konzern diktierten Landwirtschaft gewarnt.

Die Liste der Unterzeichner ist lang, die den Brief auf den Weg gebracht haben, darunter Pater Karl Geißinger, der Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur, Friedl Krönauer als Kreisvorsitzender im Bund Naturschutz, Walter Mauk von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) aber auch Landwirte (siehe Kasten).

„Wir können uns durchaus als privilegiert bezeichnen, wir leben in einer der schönsten Gegenden Deutschlands“, leiten sie ihr Begehr ein. Der Landstrich sei ausgezeichnet durch einmalige Naturschönheiten, Wälder, Wiesen, Berge und Seen. „Diese Landschaft ist auch das Produkt jahrhundertelanger landwirtschaftlicher Pflege, eine Kulturlandschaft, gestaltet zur Erzeugung hochwertiger Lebensmittel, aufgrund ihrer Vielfalt aber auch geschätzt von Erholungssuchenden.“

Kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe hätten über lange Zeit das Landschaftsbild geprägt. Mittlerweile unterziehe sich jedoch die Landwirtschaft auch in der Region einem Wandel, deren vorrangigste Ziele in einer Produktivitäts- und Ertragssteigerung liegen. In dem offenen Brief warnen die Verfasser vor einem „Diktat einer EU-Agrarpolitik“, die ein Motto habe: „Wachsen oder Weichen“. So verändere sich auch im Oberland das Bild der bäuerlichen Betriebe und damit jenes der Landschaft, „und dies nicht zu ihrem Besten“. Betriebe verlagerten aufgrund rechtlicher Bestimmungen und ihrer schieren Größe ihren Standort außerhalb der Dörfer, in die freie Landschaft. Hohe Viehbestände verlangten eine intensive, bis zu achtmalige Mähnutzung und Düngung, arten- und blütenreiche Wiesen würden von artenarmen aber nährstoffreichen Grasland verdrängt. Dazu würden Böden durch den Einsatz schwerer Maschinen verdichtet und Grundwasser durch hohen Nitrateintrag belastet. Feldraine und Hecken als wichtige Lebensräume für zahlreiche Tierarten hätten in der Maschinen angepassten Landschaft keine Daseinsberechtigung.

Diese Entwicklung sei nicht das Ergebnis der Willkür der Landwirte, vielmehr liege die Verantwortung bei den großen Agrarkonzernen samt Lobbyisten aber auch bei den für die Mittelzuweisungen verantwortlichen politischen Organen innerhalb der EU und auf Bundesebene.

Die Verbraucher würden ihrerseits mit ihrem Einkaufsverhalten in entscheidendem Maße dazu beitragen, „wenn Lebensmittel nicht mehr den Wert besitzen, der ihnen zusteht“. Die Forderung der Unterzeichner: „Eine Entscheidung für regional und biologisch erzeugte Lebensmittel stärkt die heimischen Landwirte. Bei entsprechender Nachfrage, auch von Kantinen und Gaststätten, können hieraus Erzeugergemeinschaften entstehen, die Landwirten eine Perspektive jenseits des Intensivierungsdrucks bieten.“ Und sie foerdern die Politik und die Gesellschaft auf, „den anhaltenden Trend der starken Intensivierung der Landwirtschaft in unserer Region nicht tatenlos hinzunehmen.“ Denn bei einer ungebremsten Fortsetzung dieser Entwicklung seien zahlreiche Existenzen kleiner und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe gefährdet, zudem stehe der Fortbestand der über Jahrhunderte geprägten einmaligen Landschaft auf dem Spiel. tka

Die Unterzeichner

Ingrid Busch-Merz, Bund Naturschutz Benediktbeuern-Bichl

P. Karl Geißinger, Zentrum für Umwelt und Kultur Benediktbeuern e. V.

Elisabeth Pleyl, Gebietsbetreuung Isar-Loisach-Moore

Axel und Bettina Kelm, Wiesenbrüterberater, Loisach-Kochelsee-Moore

Friedl Krönauer, BN-Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen

Walter Wintersberger, Landesbund für Vogelschutz Tölz-Wolfratshausen

Heiner Schwab, Zivilcourage Bad Tölz-Wolfratshausen

Walter Mauk, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)

Beatrix und Konrad Bauer, Goaßbauern Eurasburg

Christian Schneeweiß, ÖDP


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