Unbequeme Wahrheiten

Professor Miriam Gebhardt erinnert an Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit

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Das Gespräch von Prof. Dr. Miriam Gebhardt (r.) und Dr. Sybille Krafft (2. v. l.) wurde als Livestream aufgezeichnet. Hinterhalt-Wirtin und KIL-Vorsitzende Assunta Tammelleo (hinten, 3. v. l.) plant trotz strenger Coronaschutzvorgaben weitere Veranstaltungen.

Gelting – Vor 75 Jahren marschierten amerikanische Soldaten in Bayern ein und setzten damit der Herrschaft des Nationalsozialismus ein Ende. Dass die „Tage der Befreiung“ auch Schattenseiten hatten, verdeutlichte ein Gespräch der beiden Historikerinnen Dr. Miriam Gebhardt und Dr. Sybille Krafft, das vor kurzem als Livestream in der Kulturbühne Hinterhalt aufgezeichnet wurde.

„Wir wollen auch an die Schattenseiten der Befreiung erinnern“, unterstrich KIL-Vorsitzende Assunta Tammelleo vor dem Gespräch. Wie im Gelben Blatt berichtet, hatte der Kulturverein Isar-Loisach (KIL) gemeinsam mit dem Historischen Verein Wolfratshausen und den Bürgern fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald im April und Mai zahlreiche Gedenkaktionen zum Kriegsende initiiert.

Nach dem Hissen von weißen Fahnen an öffentlichen und privaten Gebäuden sowie einem Rock’n’Roll-Konzert der Bonny Tones stand die Auseinandersetzung mit einem Thema an, das lange verschwiegen wurde: die Vergewaltigung von Frauen durch alliierte Soldaten. Die im Isartal lebende Historikerin Prof. Dr. Miriam Gebhardt rezitierte Auszüge aus ihren beiden Bestseller-Büchern „Als die Soldaten kamen“ und „Wir Kinder der Gewalt“ und stellte sich den Fragen von Dr. Sybille Krafft. „Bei meinen Recherchen, habe ich herausgefunden, dass es nicht nur die Vertriebenen oder die Trümmerfrauen in Berlin getroffen hat, sondern dass alle Menschen in Deutschland kollektiv und flächendeckend von sexueller Gewalt durch die alliierten Truppen bedroht waren. Im Isartal durch die Amerikaner, in Stuttgart durch die Franzosen und in Hamburg durch die Engländer“, berichtete die 58-Jährige.

Über die Verbrechen sprachen die betroffenen Frauen meist erst viele Jahrzehnte später. „Sie gehörten einer Generation an, die es nicht gewohnt war, über ihre Sexualität, über Gewalt und ganz allgemein über Gefühle und Traumata zu sprechen“, erklärte Gebhardt. Sybille Krafft erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Vergewaltigungen schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts als schweres Kriegsverbrechen gelten und in Extremfällen sogar mit Hinrichtungen geahndet werden konnten.

Eine Millionen Frauen von Soldaten vergewaltigt

„Es gab jedoch viele Kommandanten, die ihre Soldaten in Schutz nahmen und deren Taten verschwiegen haben“, fand Gebhardt heraus. Sie schätzt, dass fast eine Million deutscher Frauen von Soldaten vergewaltigt wurden. Sybille Krafft, die viele Interviews mit Zeitzeuginnen geführt hat, hält diese Zahl indes für schwer belegbar. Zum einen gibt es eine hohe Dunkelziffer, zum anderen gestaltet sich das Studium diverser Quellen wie beispielsweise Geburtslisten unehelicher Kinder schwierig. Die während der Live-Übertragung per PayPal-Button eingegangenen Spenden kommen dem Erinnerungsort Badehaus zugute. Peter Herrmann

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Info: Das Gespräch kann im Internet auf dem Videokanal YouTube_Hinterhalt abgerufen werden.

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