„Verdrängungswettbewerb immer möglich“

Die Innenstadt soll nicht ausbluten. Dennoch machte zumindest schon einmal der Entwicklungs- und Planungsausschuss den Weg frei für einen Garten- und Baumarkt, einen großflächigen EInzelhandel, einem Hotel sowie einem Nahversorger auf dem Lorenz-Areal.

Erheblich sind die Bedenken, die von den Trägern öffentlicher Belange zur geplanten Entwicklung des Lorenz-Areals im Geretsrieder Norden eingebracht wurden. Selbst im Entwicklungs- und Planungsausschuss äußersten sich zahlreiche Stadträte sehr kritisch, insbesondere zu einem geplanten Nahversorger mit einer Verkaufsfläche von 1.200 Quadratmetern. Kaum nachvollziehbar dann die recht klare Entscheidung des Gremiums nach langer Diskussion: Es empfahl dem Stadtrat, den Bebauungsplan Nr. 124 auf den Weg zu bringen.

Somit ist die Entwicklung des Areals zwischen Banater Straße, Böhmerwaldstraße, Elbestraße und Industriegleis einen entscheidenden Schritt weiter, am kommenden Dienstag wird sich der Stadtrat mit der Planung beschäftigen. Und es bleibt abzuwarten, ob die „Vollversammlung“ der Stadträte nun tatsächlich den Planungsstand goutiert. Der sieht – nach einigen Korrekturen – einen 7.700 Quadratmeter Verkaufsfläche großen Garten- und Baumarkt, großflächigen Einzelhandel (3.169 Quadratmeter Verkaufsfläche), ein Hotel und eben den Nahversorger vor. Bauamtsleiter Jochen Sternkopf berichtete im Gremium die wesentlichen Punkte der eingegangenen Stellungnahmen zur öffentlichen Auslegung. Und er reihte an die teils sehr detailreichen Bedenken die jeweils von der Verwaltung erarbeiteten Positionen. Unkritisch scheint der Garten- und Baumarkt, dessen Bedarf allgemein anerkannt wurde. Das Landratsamt monierte die zu vage gehaltene Definition von „Randsortiment“. Ein durchaus entscheidender Einwand, denn eben dieses soll dem Baumarkt zugestanden werden: Zu zehn Prozent darf dieser Randsortimente anbieten, was der Handelsverband Bayern kritisiert. Neu ist nun die Definition dieses Begriffs, wonach Randsortiment die Sortimente umfasst, die nicht zum Kernsortiment zählen. Diese sind dem Einzelhandel der Innenstadt vorbehalten, um deren Stärkung nicht entgegen zu wirken. Doch dass eben das Zentrum unter der Ansiedlung des großflächigen Einzelhandels und durch den Nahversorger leidet, ist Kern zahlreicher anderer Einwände. Die Regierung von Oberbayern legt etwa die Obergrenze für den großflächigen Einzelhandel – die Rede ist etwa von einem Elektrohandel auf 3.000 Quadratmeter fest. Da derzeit 3.169 Quadratmeter vorgesehen sind, muss die Fläche aufgeteilt werden. Der Deutsche Gewerbeverband Geretsried erkennt in dem Vorhaben generell einen Widerspruch zum Einzelhandelsgutachten des Büros Heinritz, Salm und Stegen vom Dezember 2009 zur Stärkung der Innenstadt und des dortigen Gewerbes. Laut Sternkopf schließe der Bebauungsplan zentrumsrelevante Sortimente aber aus. Einzig die Randsortimente müssten in einem Volumen von zehn Prozent zugebilligt werden. „Anders funktioniert ein Bau- und Gartenmarkt nicht, sonst kommt das Projekt nicht zustande.“ Der geplante Elektromarkt, so setzt der Gewerbeverband fort, bringe keine Verbesserung, zumal in unmittelbarer Nachbarschaft ein solcher angesiedelt ist. Sternkopf indes argumentierte, dass nur relevant sei, dass eben kein zentrumsrelevantes Sortiment verkauft werde. Ein Verdrängungswettbewerb könne nie ganz ausgeschlossen werden. Ein Dorn im Auge ist dem Gewerbeverband der Nahversorger. Der Standort sei nicht klassisch, was Sternkopf anders sieht: „Das ist ein Frequenzbringer für den Baumarkt.“ Und die Ansiedlung von Arztpraxen und einer Diskothek – wie vom Verband als Konkurrenz zur Böhmwiese angesehen – sei laut Bauamtsleiter prinzipiell im gesamten Stadtgebiet möglich. Der Gewerbeverband erkennt insgesamt ein Risiko für die forcierte Zentrumsbildung. Das sei höher als die Chancen für die Belebung Geretsrieds. Kritisch äußert sich auch die Handwerkskammer: Der Plan sei nicht zielführend, zudem könne das Projekt am Ortsrand nicht helfen, die Ortsmitte zu stärken. Sternkopf wiegelte ab: „Der Standort ist kein Ortsrand, der ist absolut integriert.“ Dem Einwand von Frederik Holthaus vom Isarkaufhaus wurde indes stattgegeben: Der Einzelhandel darf auf dem Lorenz-Areal keine Sportartikel verkaufen. Franz Wirtensohn (CSU) ging mit den Planungen ordentlich ins Gericht: „Wir machen genau das Gegenteil, als wir über das Einzelhandelsgutachten festgeschrieben haben.“ Er forderte insbesondere die Streichung des Nahversorgers. Der stehe einer Stärkung des Zentrums sowie der Böhmwiese entgegen. Dem schlossen sich auch Beate Paulerberg (Grüne) und FW-Rätin Sonja Frank („Den wollten wir definitiv nicht, wir forderten stets Alternativen“) an. Wirtschaftsreferent Volker Reeh (CSU) ärgerte sich darüber, dass Sternkopf den sehr detaillierten und fundierten Einwänden einfach argumentativ den Boden wegziehe. Der Bauamtsleiter erinnerte daran, dass der Ausschuss jederzeit den Nahversorger streichen könne. Doch dazu kam es dann nicht. Denn Sitzungsleiter und Dritter Bürgermeister Robert Lug musste den von der Verwaltung erarbeiteten Beschlussvorschlag zur Abstimmung stellen, da er der weiterreichende Planungsvorschlag ist. Das Gremium, anstatt diesen abzulehnen und den Nahversorger zu streichen, schien aber überrumpelt – und stimmte mehrheitlich für den vorgelegten Bebauungsplan. Einzig Paulerberg (Grüne), Wirtensohn und Karin Schmid (beide CSU) lehnten den Plan ab. Der sieht nun den Nahversorger vor.

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