Steinwüste statt Wildfluss

Das fordert der Verein „Rettet die Isar“ an Rißbach und Isar

Blick ins Rißbachtal: In dieser Geröllwüste mündet das vom Rißbach verbliebene Rinnsal in die Isar.
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Blick ins Rißbachtal: In dieser Geröllwüste mündet das vom Rißbach verbliebene Rinnsal in die Isar.

Lenggries/Vorderriß/Fall – Eine Steinwüste statt ein Wildfluss ist der Rißbach teilweise. Der Verein „Rettet die Isar“ kämpft nun für mehr Wasserzufuhr.

Ganz still hat das Tölzer Landratsamt am 30. März fristgerecht angekündigt, die Erlaubnis gegenüber dem Betreiber des Walchensee-Kraftwerks, Uniper, zu beenden. Naturschutzverbände sowie der Notverein „Rettet die Isar“ sehen darin die einmalige Chance, die Mindestwassersituation für die obere Isar zu verbessern. Verband und Verein haben Hoffnung für den Rißbach, der seit 1946 mit dem Bau des Wehrs zwischen Vorder- und Hinterriß abrupt in einer Steinwüste endet.

„Bayerisch Kanada“ – wer das erleben möchte, muss weit flussaufwärts fahren, jenseits der Oswalder Hütte. Dort ist der Rißbach noch das, was er sein soll – ein Wildfluss, der laut tosend Canyons schneidend die spektakuläre Landschaft des Karwendelgebirges durchfließt. Weiter unten, dort, wo sich das Tal öffnet und auf die Isar trifft, wird es still und karg. Ein breites, leeres Kiesbett ist das Einzige, was von dem einstmals wilden Fluss übrig geblieben ist. Nahe der Tiroler Landesgrenze scheint er plötzlich zu versiegen. Die letzten vier Kilometer bis zur Isar bleibt sein Bett leer. Nur bei Hochwasser entkommen ein paar Kubikmeter Wildwasser dem unterirdischen Stollen.

Um die verfügbare Wassermenge für das Walchensee-Kraftwerk zu erhöhen, wird das Wasser des Rißbach seit 1951 oberhalb der Mündung in die Isar durch den rund sieben Kilometer langen Rißbachstollen dem Kraftwerk Niedernach zugeführt und dann in den Walchensee geleitet.

Anlässlich seiner Sommerexkursion zu Isar und Rißbach erinnerte Karl Probst als Vorsitzender des Vereins „Rettet die Isar“ mit Nachdruck an die Ziele der 1974 gegründeten Notgemeinschaft: „Wir wollen mehr Rest- oder wie es jetzt heißt Mindestwasser für den Rißbach und damit auch für die Isar.“ Das Wasser schluckt das Rißbach-Wehr zwischen Vorder- und Hinterriß. Zur Energiegewinnung nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, führt der Rißbach 7,6 Kubikmeter pro Sekunde Wasser dem Walchensee zu. „Rund ein Drittel des Gesamtwasserdurchflusses des Walchensees sind das“, erklärte Probst. Ebenso führt der aus der Soierngruppe weiter unten in das Trockenbett mündende Fischbach kein Wasser. Auch dieser Fluss wurde schon vor Langem mundtot gemacht.

Die Chancen für eine historische Wende stehen gut. Der Verein will die Teilrückleitung des Rißbaches mit verhandeln, wenn die Wasserrechte für das Walchensee-Kraftwerk neu vergeben werden. Fristgerecht hat das Tölzer Landratsamt am 30. März die Beendigung der Erlaubnis gegenüber dem Betreiber Uniper angekündigt. „Wäre diese Ankündigung nicht bis zu diesem Datum erfolgt, hätte das derzeitige, ökologisch ungünstige Wasserregime automatisch ab 2030 für weitere 25 Jahre gegolten“, sagte Karl Probst.

Zwar werde seit 1990 eine Teilrückleitung in die Isar vorgenommen. Nach Ansicht des Vereins aber nicht genug, denn nach wie vor würden Zuläufe der oberen Isar zur Stromerzeugung abgeleitet. Auch müssten stärker die Probleme an den Zuflüssen Rißbach und Jachen berücksichtigt werden.

Probst betonte: Der Verein sei nicht prinzipiell gegen das Walchensee-Kraftwerk. Schließlich produziere es CO2-freien Strom. Dennoch gelte es, seltene Flusslebensräume, die durch die europäischen Richtlinien Natura 2000 und die Wasserrahmenrichtlinie bewahrt werden sollten, sowie mehr als 200 Rote-Liste-Arten zu schützen. Vor allem die europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert den guten ökologischen Zustand aller Gewässer. Wird dieser irgendwo nicht erreicht, müssen Konzepte und Maßnahmen entwickelt werden, um die Defizite zu beheben.

Am liebsten wäre es dem Verein, dass der Freistaat die Rechte der Energienutzung der Gewässer rund um den Walchensee selbst behält und an einen Dritten vergibt – etwa einen regionalen Anbieter. Denn: „Ich muss leider immer wieder infrage stellen, ob dem Uniper-Konzern an ökologischen und regionalen Belangen gelegen ist“, sagte Probst.

Karl Probst (r.), Vorstand von „Rettet die Isar“ sowie sein Stellvertreter Franz Speer (l.) wollen mehr Mindestwasser für den Rißbach und damit auch für die Isar.

Fadenscheinige Argumente, weswegen eine Durchgängigkeit der Isar Flora und Fauna schade, widerlegte der emeritierte Diplom-Ingenieur für Landschaftsökologie Franz Speer im Handumdrehen: „Dass der seltenen Deutschen Tamariske, die nur auf Schotterflächen von naturnahen Fließgewässern der Alpen und des Alpenvorlandes wächst, Wasser schadet, ist absoluter Blödsinn.“ Das Gegenteil gelte: Mehr Wasser bedeute weniger Verbuschung. „Denn wenn sich Weiden und Erlen immer weiter ausbreiten, verdrängen sie den Lebensraum einzigartiger Naturgeschöpfe wie die Deutsche Tamariske oder die Gefleckte Schnarrheuschrecke“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

„Die Durchgängigkeit der Flüsse gehört zu unseren dringendsten Forderungen“, betonten die Umweltaktivisten. Zwei bis drei Kubikmeter pro Sekunde aus dem Rißbach sollten nicht nur Minimum, sondern auch wirtschaftlich vertretbar sein. Darüber hinaus forderte Schriftführer Andreas Pfirstinger die Installation einer Fischtreppe: „Bachforelle, Esche oder Huchen benötigen eine Möglichkeit, das Wehr flussauf- wie -abwärts passieren zu können.“ Gleichzeitig brauche ein Fluss Geschiebe. Das bleibe ebenso am Rißbach- wie am Krüner Wehr hängen.

Die Isaraktivisten haben Zweifel daran, ob dem Uniper-Konzern an ökologischen und regionalen Belangen gelegen ist.

„Als Erfolg bewerten wir schon jetzt, dass uns seitens des Ministeriums ein förmliches wasserrechtliches Verfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung und Öffentlichkeitsbeteiligung zugesagt wurde“, ist Probst einigermaßen zuversichtlich. Laut Probst arbeite zurzeit die Regierung von Oberbayern ein Konzept aus, das den Isarrettern bei ihrer Jahreshauptversammlung am 15. Oktober vorgestellt werden soll. Wichtig ist den Naturkämpfern auch der Dialog mit den Bürgern und mehr Transparenz in der Öffentlichkeit.

Mit Sorgen betrachten Probst und seine Vereinsmitstreiter die Entwicklung des Tourismus. Gerade der sensible Bereich der oberen Isar sollte nicht mit Schlauchbooten befahren werden. Hobby-Kajakfahrer verursachten immer wieder Störungen in den Flachwasserbereichen, dort, wo Kieslaiche anzutreffen sind.

Gerade in diesem Jahr wurde ein Overtourismus beobachtet, wie es ihn nie zuvor gegeben habe. Nicht nur die Müllberge oder zugeparkten Flächen würden zum Problem. Man beobachte immer mehr einen gefährlichen Trend, der die Alpen zu einer Kulisse verkommen lässt, einer Sportarena, einem Natur-Fitnessstudio.

„Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler“, schrieb einmal kein Geringerer als der große Deutsche Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe, wohl von einer seiner italienischen Reisen inspiriert, die ihn auch über die Alpen führten. Waren die Alpen noch vor einigen Jahrhunderten unerreichte, unwirtliche, lebensfeindliche Schneeriesen, mutieren sie zunehmend zu stillen Leidensträgern einer zunehmend freizeitsportgetriebenen Gesellschaft. sge

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