Gegen den Strom radeln

Weltenbummler und Rollstuhlfahrer Andres Pröve (62) beim „Wunderfalke“-Festival

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Rollstuhlfahrer Andreas Pröve (62) ist weltweit auf Tour.

Bad Tölz – Von der Mündung des Jangtsekiang quer durch Chinas Megastädte, Nationalparks sowie Wüsten- und Bergregionen reiste Andres Pröve. Doch nicht zu Fuß, sondern in seinem Rollstuhl. Der Fotoreporter und Buchautor verunglückte als junger Mann beim Motorradfahren. Davon ließ er sich nicht unterkriegen, rappelte sich auf und begann die Welt zu bereisen. Über seinen Trip „China – Abenteuer Jangtse“ erzählt er nun im Rahmen des Wunderfalke-Festivals „Live & Outdoor“.

Vor 40 Jahren veränderte sich das Leben von Andreas Pröve innerhalb von Sekunden. Der heute 62-Jährige muss nicht lange Nachdenken, wenn er auf das Jahr 1981 angesprochen wird – die Erinnerung an früher ist noch bildhaft: Pröve ist ein junger Mann, gerade 23-Jahre alt, er hat eine Yamaha, die er sich mühsam zusammengespart hat. Er hat Träume, Ideale und liebt auch das schnelle Fahren. Sein Ziel war damals der Nürburgring, um dort auf seinem Motorrad selbst ein paar Runden zu drehen: die bekannte Rennstrecke windet sich auf rund 26 Kilometer durch die Eifelwälder, bekam deshalb von Formel-1-Piloten auch den Beinamen „Grüne Hölle“.

Behindertenbeauftragte vom Landkreis Ralph Seifert im Gespräch

Die „Hölle“ hatte Pröve nie erreicht, sie eröffnete sich ihm auf erschreckende Weise bereits vorher: bei Limburg an der Lahn, einer Kreisstadt in Hessen, passierte der Unfall. In einer Kurve bricht sein Motorrad auf rutschigen Asphalt weg und er kracht in die Leitplanke. Aus der Traum, „das Thema war erledigt“, erzählt Pröve gefasst. Heute, nach all den Jahrzehnten, kann er nüchtern über seinen Schicksalstag berichten. Als er im Krankenhaus erwacht war, kam der Schock: „Der Arzt sagte, ich bin querschnittsgelähmt und werde den Rest meines Lebens im Rollstuhl verbringen.“ Zuerst wäre es schlimm gewesen, „dann gewöhnt man sich daran“, so Pröve weiter.

Nicht aufgeben, seinen Fokus auf andere Bereiche im Leben lenken, diese Gedanken ließen Pröve mental wieder aufstehen. „Ich habe keinen Trübsal geblasen“, sagt er. Während seiner Reha überlegte er sich, was er zukünftig machen könne. Und das sei sehr viel mehr gewesen, als zu Anfang gedacht. Das Fernweh hat ihn gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen. „Relativ schnell habe ich meinen alten Rucksack gepackt. Indien stand ganz oben auf meiner Liste.“

Hippies brachten keine Erleuchtung

Antrieb war damals auch die Flower-Power-Bewegung, die viele ihrer Anhänger nach Indien zur Sinnerfahrung getrieben hat. Auch Pröve war dafür empfänglich und neugierig auf die Hippies. „Eine Neugier, die nicht erfüllt wurde“, betont er. So überzeugte ihn auch keine Strandparty auf Goa, bei der die Band Boney M. aufgetreten war. Mehr Eindruck hinterließen dagegen die sozialen und kulturellen Zustände von Indien auf Pröve. Insbesondere die große Armut: „Familien leben in Gossen und ihrer Babys krabbeln im Rinnstein herum.“

Seine erste Reise im Jahr 1983 führte nach Sri Lanka, mit Rucksack und Rollstuhl. „Es war spektakulär“, schwärmt Pröve. Davon derart begeistert, dass er bei Vorträgen darüber berichten musste. Aus seiner Passion einen Beruf zu machen, stand für Pröve schnell fest. Reisebücher aus seiner Sicht wollte er schreiben, auch aus dem Grund, um damit Geld für sein Lebensunterhalt zu verdienen. 14 Mal reiste der Niedersachse dann nach Indien, jedes mal sei es eine Steigerung und Antrieb gewesen – „die eigenen Grenzen mehr ausloten“.

Die Grenzen zeigten sich freilich beim Reisen mit Bus und Zug, ein- und aussteigen läuft für einen Rollstuhlfahrer anders. „Ich muss immer andere Menschen vor Ort um Hilfe ansprechen“, berichtet er und erfuhr dabei eine große Hilfsbereitschaft: „Alle Menschen auf der Welt haben ein Sozialverhalten.“ Schmutzige Straßen und die hohe Überbevölkerung forderten Pröve zudem heraus. So gab es Momente, wo er draußen stehen geblieben war, weil der Rollstuhl einen halben Quadratmeter Platz braucht, aber im Zug kein Zentimeter Raum mehr gewesen sei. „Da muss man hartnäckig bleiben, und sich nicht ins Bockshorn jagen lassen.“ Und so reiste er den Ganges, den heiligsten Fluss der Hindus, von Kalkutta bis zur Quelle an der nepalesischen Grenze hinauf. Sozusagen gegen den Strom, fuhr Pröve mit seinem für die weiten Strecken im Gelände umgebautes Rollstuhlgefährt: vorne ein Handbike, hinten ein Motor.

Knallhartes Mittelalter

Die Reise inspirierte ihn danach, den Jangtsekiang-Fluss in China zu bereisen – die Quelle befindet sich allerdings im Sperrgebiet, vom Militär stark kontrolliert. Nur dank Hilfe von Einheimischen, hat er dafür eine Genehmigung erhalten und seine Reise von Shanghai aus bis dorthin durchziehen können. Zwei Anläufe habe es dafür gebraucht. Das Buch dazu, „Gegen den Strom“, ist laut Pröve zweideutig: Einerseits gebe es die persönlichen und natürlichen Schwierigkeiten auf der Reise: In China waren es etwa die vielen Autobahnen und Baustellen. „Es war problematisch, die richtigen Straßen zu finden“, berichtet er. Zudem fänden sich kaum barrierefreie Unterkünfte und „die Toiletten sind mittelalterlich, gerade auf dem Land“. Die Betten „knallhart“ und die Duschen bestehen oftmals „nur aus einem Wasserschlauch“.

Auf der anderen Seite das politische System: Gemäß ihrer Verfassung steht die Volksrepublik China unter der demokratischen Diktatur des Volkes autoritär von der Kommunistischen Partei Chinas regiert. So musste Pröve, von der Polizei gezwungen, seine in der Provinz Qinghai per Drohne gemachten Filmaufnahmen löschen. Sein Glück: „Ich hatte eine zweite Speicherkarte und konnte so die Aufnahmen retten.“

All die Abenteuer habe aber die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung kompensiert: Gab es irgendwo Treppen oder hohe Schwellen zu überwinden, griffen die Chinesen beherzt zu und trugen Pröve zusammen mit seinem Rollstuhl darüber. In Erinnerung blieb dabei ein Tempelbesuch in China. Die Türschwelle fast 50 Zentimeter hoch: Laut Pröve im Land des Lächelns nicht ungewöhnlich, habe es doch einen religiösen Hintergrund, um böse Geister davon abzuhalten, in den Tempel zu gelangen. Zehn Chinesen griffen gleichzeitig zu, hoben ihn darüber und hinein das Tempelinnere. „Jeder wollte helfen, keiner wollte dabei nur daneben stehen und zuschauen.“

Auffallend war dabei, dass Pröve im Land selbst, kaum Einheimische im Rollstuhl gesehen hat. Ein Bild, das es in der Öffentlichkeit nicht geben dürfe, vermutet Pröve: „Behinderung wird dort innerhalb der Familie versteckt.“

Frei sein trotz Behinderung

Pröve versteckt sich nicht, trotz seiner Querschnittslähmung – durch seine abenteuerlichen Reisen möchte er im Gegenteil ein Vorbild für Betroffene und die Gesellschaft sein, damit Behinderung nicht ausgegrenzt wird. Durch seine Reisen weiß er: „Probleme, die man Zuhause als unlösbar betrachtet, lösen sich vor Ort oftmals in Luft auf.“ Deshalb rät er anderen Rollstuhlfahrern, „lebe Deinen Traum“. Und: „Mach es, bevor man irgendwann auf dem Sofa sitzt und nicht mehr kann.“ Denn Jeder habe irgendwann ein Ende. Pröve hat das getan: Auch sein Leben schien im Alter von 23 Jahren erst einmal eingeschränkt und ohne lebenswerte Zukunft, doch der Mann aus der Lüneburger Heide bewies allen das Gegenteil, getreu seinem Motto: „Schaffst du Indien, schaffst du die ganze Welt zu bereisen.“ Daniel Wegscheider

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Andreas Pröve ist am Samstag, 7. März, mit seinem Vortrag „China – Abenteuer Jangtse“ zu sehen. Beginn um 13.30 Uhr im Tölzer Kurhaus. Eintritt: kostet 14,50 Euro; Kinder zahlen 8,50 Euro. Informationen gibt es im Internet auf www.wunderfalke auch zum Kartenvorverkauf.

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