Marktgschlerf, Farchet Lady und Co.

Wolfratshauser Straßen und Plätze sollen vorrangig nach Frauen benannt werden

 Dr. Sybille Krafft und Bernhard Reisner vom Historischen Verein.
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Beleuchten die weibliche Seite der Stadtgeschichte: Dr. Sybille Krafft und Bernhard Reisner vom Historischen Verein.

Wolfratshausen – Der Stadtrat stimmte dem Antrag von sechs Stadträtinnen zu, dass neue Straßen und Plätze vorrangig nach verdienten Bürgerinnen der Stadt benannt werden.

Welche Persönlichkeiten dafür infrage kommen, recherchiert derzeit eine vom Historischen Verein gegründete Arbeitsgruppe.

Die Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen Dr. Sybille Krafft stellte gemeinsam mit ihrem Vorstandskollegen Bernhard Reisner auf der Isarbrücke an der Pupplinger Au die neu gegründete Arbeitsgruppe „Wolfratshauser Weibsbilder“ vor. Die dortige Marienstatue wurde im September des vergangenen Jahres nach jahrzehntelanger Verbannung wieder gut sichtbar in der Brückenmitte aufgestellt. Nun wollen die Hobby-Historiker an weitere in Vergessenheit geratene „Frauenschicksale“ erinnern.

Vielschichtige, weibliche Seite der Wolfratshauser Geschichte

„Wir wollen zeigen, wie interessant, verdienstvoll und vielschichtig die weibliche Seite der Wolfratshauser Geschichte ist“, erklärte Krafft. Den Impuls gab eine Aktion von sechs Wolfratshauser Stadträtinnen, die anlässlich des Weltfrauentags am Kathi-Kobus-Steig für Gleichberechtigung und weibliche Neubenennungen von Straßen demonstrierten. Ein dementsprechender Antrag steht auf der Tagesordnung des Stadtrats.

Auf Spurensuche

Dass weibliche Persönlichkeiten aus der über 1000-jährigen Stadtgeschichte in Form eines Straßennamens gewürdigt werden, hat für Sybille Krafft indes keine Priorität. „Wir begeben uns auf Spurensuche und laden auch unsere Mitbürger zum Mitmachen ein“, appellierte sie.

Ein Mitglied - eine Biografie

Der Historische Verein hat vorerst eine Liste mit 45 weiblichen Namen zusammengestellt. Derzeit arbeitet jeweils ein Mitglied an einer Biografie. So beschäftigt sich Vize-Vorsitzender Bernhard Reisner mit Anna Riederauer, die zwischen 1926 und 1941 als Dienstmädchen in der Littig-Villa arbeitete und später als sozial engagierte „Farchet Lady“ von sich reden machte.

Münchner Wirtstochter

Anja Brandstäter fasziniert die Geschichte von Maria Franziska Arnold. Sie errichtete im 18. Jahrhundert den Haderbräu-Keller auf dem Mühlberg. Dass die Münchner Wirtstochter zudem noch elf Kinder gebar, ist vor diesem Hintergrund umso beachtlicher.

Leiterin einer jüdischen Mädchenschule

Rund 150 Jahre später bildete Käthe Meier junge Frauen in der jüdischen Mädchenschule von Wolfratshausen aus. Eine Herausforderung, die aufgrund der scharfen Rassengesetze während des Nationalsozialismus zum Scheitern verurteilt war und nun von Hannelore Greiner in Erinnerung gerufen wird.

Ukrainische Zwangsarbeiterin

Sybille Krafft befasst sich mit der Geschichte von Anna Kubat. „Die gebürtige Ukrainerin wurde 1942 zur Zwangsarbeit in den Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst verurteilt und später ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert“, berichtete Krafft.

Glamouröse Schriftstellerin

Weitaus glamouröser war das Leben von Lou-Andreas-Salomé (1861 – 1937), mit deren Biografie sich Wolfgang Schäl beschäftigt hat. Die Schriftstellerin verbrachte mit dem Lyriker Rainer Maria Rilke einen leidenschaftlichen Sommer in Wolfratshausen.

Mythen um „Marktschlerf“

Viele Sagen und Mythen ranken sich um das „Marktgschlerf“, dessen furchterregende Maske auch schon auf Wolfratshauser Faschingsumzügen und bei der Starkbierfest-Aufführung der Loisachtaler Bauernbühne zu sehen war. Laut den Recherchen des ehemaligen LBB-Vorsitzenden Ludwig Gollwitzer soll die Hebamme im 13. Jahrhundert den Tod eines Neugeborenen verschuldet haben. Nicht wenige Wolfratshauser glaubten, dass sie später als sechs Meter großes Gespenst mit laut schlurfenden Holzschuhen durch die Marktstraße spukte und in die Häuserfenster schaute.

Nur zwei Straßen nach einer Frau benannt

Dass von den derzeit 185 Straßen nur der Marienplatz und der Kathi-Kobus-Steig nach einer Frau benannt wurde, mag angesichts der vielen imposanten Wolfratshauser Weibsbilder verwundern. Deshalb entschloss sich der Stadtrat in seiner April-Sitzung einstimmig, demnächst zu erschließende Straßen und Plätze nach den Namen bedeutender Wolfratshauserinnen zu benennen.

Wer eine Biografie zu einer Frauenpersönlichkeit aus der Wolfratshauser Geschichte verfassen oder vorschlagen will, kann sich an info@histvereinwor.de wenden.

Peter Herrmann

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