Zeitzeugin spricht über die Zwangsumsiedlung vor 70 Jahren von Graslitz nach Geretsried

Vertrieben und entwurzelt

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Die Zeitzeugin Hertha Kugler (Foto M.) berichtete auf den Tag genau 70 Jahre nach ihrer Zwangsumsiedlung von Graslitz nach Geretsried rund 120 Interessierten von den dramatischen Erlebnissen.

Geretsried – Nieselregen, tiefhängende graue Wolken und dazu lautes Krähengeschrei. Eine Szene, die sich tief in Hertha Kuglers Gedächtnis gebrannt hat. Denn so erlebte die 84-jährige Sudetendeutsche ihre Ankunft im Lager Buchberg. In einem Zeitzeugenbericht schildert sie diese Erlebnisse.

Und als ob der Wettergott die von Kugler geschilderten Geschehnisse des Jahres 1946 noch einmal Revue passieren lassen wollte, hüllte er die Geretsrieder Innenstadt in eine graue Nebelwand, deren klamme Feuchtigkeit die Hauswände regelrecht hinauf zu kriechen schien. Wie in Trance schilderte Kugler am vergangenen Donnerstag den rund 120 erschienenen Zuhörern im Sitzungssaal des Rathauses die dramatischen Ereignisse ihrer Zwangsumsiedlung von Graslitz nach Geretsried, die sie als Jugendliche einst vor 70 Jahren auf den Tag genau durchleben musste. „Wir durften fast nichts mitnehmen“, berichtet Kugler leise. „All unser Hab und Gut wurde vor dem Transport von den Tschechen kontrolliert und durchsucht.“ Selbst die geliebte weiße Tischdecke ihrer Mutter hätten sie ihnen weggenommen, bevor sie zusammen mit ihrer Familie den Waggon Nummer 19 – zusammen mit 30 weiteren Sudetendeutschen – zugewiesen bekommen hätten. Nur eine Sache hätten die Kontrolleure nicht entdeckt: Ihre geliebte Armbanduhr. „So wusste ich immer – auch in der Nacht – wie lange wir schon unterwegs waren.“ Aber bevor sich der Güterzug mit den 40 Waggons am Abend überhaupt in Bewegung setzte, seien alle Zwangsumsiedler erst einmal mit chemischen Mitteln abgespritzt worden, um sie von möglichen Ungeziefer zu befreien. Darunter auch Hertha Kugler mit ihrer Familie. „Danach erhielt jeder ein Laib Brot“, so die 84-Jährige. Eine kleine Wegzehrung für die beschwerliche Fahrt. Und dann wurden auch schon die Klappen der Wagons von den tschechischen Soldaten geschlossen. „Wir wurden eingesperrt.“ Dann hieß es auch schon: Abfahrt. „Ganz langsam setzte sich der Zug an einem Donnerstag um 18 Uhr in Bewegung“, so Kugler. Das weiß sie genau. Denn der Blick auf die kleine Uhr an ihrem Handgelenk bildete in den nächsten Stunden und Tagen für sie die Stütze, die sie brauchte, um die Zuversicht nicht zu verlieren. Der kleine Kontrollblick gab ihr den nötigen Halt – in dem dunklen Zug, der für ihre Familie und für sie ins Ungewisse fuhr. Nur langsam kam der Zug voran, erinnert sich Kugler. Erst nach einem ganzen Tag Zugfahrt wurde ein Stopp eingelegt, bei dem die Türen entriegelt und die Insassen endlich frische Luft schnuppern konnten, bevor der Zug sich erneut in Bewegung setzte. Stets bewacht von tschechischen Soldaten, die auf den Dächern des Zuges patrouillierten. „Als wir durch die Ritzen im Waggon endlich einen weiß-blauen Schlagbaum erspähten, den der Zug so eben passierte“, sei die Erleichterung groß gewesen. „Denn wir wussten: Jetzt sind wir in Bayern“, erzählt Kugler. An der bayerischen Grenze erfolgte die Registrierung durch die Amerikaner sowie eine erneute chemische Säuberung mit dem heute verbotenen Insektizid DDT, um keine Seuchen einzuschleppen, bevor. Dennoch stand für die Zwangsumsiedler noch ein weiterer Tag Zugfahrt an, bevor sie über München-Allach und Wolfratshausen am 7. April 1946 das Lager Buchberg erreichten. Der erste Blick, den Kugler auf ihre „neue Heimat“ erhielt, war „fürchterlich“: „Alles war kaputt und es gab für uns keine Möglichkeit, das weiße Pulver von unserer Haut zu waschen, die schrecklich juckte.“ Die ersten Nächte im Lager Buchberg auf der Böhmwiese verbrachte Kugler mit ihrer Familie und den anderen 554 neu angekommenen Sudetendeutschen in Baracken ohne Wasser und Strom. Und immer schwebte die unschöne Frage der bereits dort ansässigen Bevölkerung im Raum: „Wie sollen wir all die Zwangsumsiedler mit durchbringen?“ Und das in einem Land, in dem es 1946 – so unmittelbar nach dem Krieg – selbst nichts zu beißen gab. Eine tragische Momentaufnahme, die Kugler selbst nach 70 Jahren noch die Sprache verschlagen lässt, so dass sie hier nichts anderes kann, als ihren Zeitzeugenbericht abzubrechen. Walter Pilz, der Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, weiß ebenso wie Hertha Kugler nur zu gut, dass die Bevölkerung sich in keinster Weise über die Ankunft der Heimatvertriebenen freute. „Dennoch teilten sie das Wenige, das sie noch hatten, mit den Vertriebenen“, so Pilz. Damit sei der Grundstein für die zukünftige Stadt Geretsried gelegt worden. Einer Stadt, die nicht vielfältiger an Kultur und Identität sein könnte. Deswegen mahnte der Kreisobmann auch alle dazu, „ihre Identität nie zu vergessen, sondern stolz auf diese zu sein und sie für die kommenden Generationen zu bewahren“. Dieser Meinung schloss sich Wolfgang Pintgen vom Historischen Arbeitskreis Geretsried an: „Die Sudetendeutschen hatten zwar ihren gesamten Besitz verloren, aber nicht ihre Identität.“ Diese hätten sie in ihrer neuen Heimat in Geretsried weiter aufleben lassen. Eine Integrationsleistung, die auch Landrat Josef Niedermaier an diesem Abend zusammen mit dem Geretsrieder Bürgermeister Michael Müller hervorhob. „Die Vertreibung vor 70 Jahren ist das beste Beispiel dafür, dass Integration erfolgreich gelingen kann.“ Und daraus etwas Einmaliges entsteht, wie dies bei Geretsried eben der Fall ist.  naj

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