„Eine große Angst“

Zwei Jahre Corona im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Ein Rückblick

Laboruntersuchung auf Coronavirus
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Corona im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: am 11. März 2020 gab es den ersten Fall.
  • Daniel Wegscheider
    VonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Heute vor zwei Jahren gab es den ersten bestätigten Corona-Fall im Landkreis. Am 11. März 2020 meldete das Landratsamt einen 50-jährigen Mann.

Der Mann hatte sich bei einem Auslandsaufenthalt mit dem Virus angesteckt . Seitdem haben sich in der Region 34.037 Menschen infiziert, 168 sind daran gestorben. Heute blickt Landrat Josef Niedermaier auf zwei Jahre Pandemie im Landkreis zurück. „Das war zur Kommunalwahl 2020. Da sickerten erste Schließungen und Ausgangssperren durch“, erzählt er. „Man konnte sich so etwas bis dahin kaum vorstellen.“ Auch Gesundheitsamtsleiter Stephan Gebrande erinnert sich an den Anfang zurück, die ihn an Szenarien aus den frühen 2000er-Jahren denken ließ – als Pocken, Schweine- und Vogelgrippe, kurzzeitig für Aufsehen sorgte. Besonders brannten sich die Corona-Bilder aus dem italienischen Bergamo bei Gebrande ein. „Es entwickelte sich schnell eine große Angst“, die auch durch die Sozialen Medien begünstigt worden sei.

Landrat Josef Niedermaier

Als eine schwierige Phase nennt Niedermaier, die sich ständig ändernden Anforderungen und die damit verbundene Organisation. „Es gab keine Blaupause und es wurden auch Fehler gemacht.“ Aus medizinischer Sicht bedauert Gebrande, dass zu Beginn die Gefährlichkeit des Virus insbesondere für ältere Leute unterschätzt wurde. „Der Schutz der Altenheime wurde meiner Meinung nach zu spät als wichtigste Aufgabe gesehen.“

Gesundheitsamtsleiter Stephan Gebrande

Bedrückend war für Gebrande auch, zu sehen, wie die Bevölkerung immer mehr verunsichert wurde. „Dazu trug sicher bei, dass es immer neue Verordnungen gab“, die teilweise schnell umgesetzt werden mussten. „Erschreckend war aber auch, wie viele Leute zwar vordergründig die Maßnahmen gut fanden, aber dann doch Schlupflöcher suchten und das zum Teil sehr vehement“, betont der Gesundheitsamtsleiter weiter.

Für das Gesundheitsamt waren die ersten Monate der Pandemie besonders arbeitsintensiv. „Wir hatten eine Fülle an Aufgaben, aber noch das gleiche Personal wie vorher“, berichtet Gebrande. Ein weiteres Problem: „Die digitale Ausstattung im Gesundheitsamt war noch nicht auf dem neusten Stand“. Hier habe die IT-Abteilung im Haus viel geleistet.

Niedermaier und Gebrande appellieren an ein soziales Miteinander

Nach zwei Jahren Corona bilanziert Josef Niedermaier: „Wir sind den Umständen entsprechend gut durch die Pandemie gekommen.“ Seit Beginn sei es das Ziel gewesen, was Inzidenzen und Krankenhausbelegung betrifft, „immer die Kontrolle zu behalten“. Sorge bereitet dem Landrat indes die bundesweit unterdurchschnittliche Impfbereitschaft im Landkreis. Vollständig geimpft sind dort derzeit 65,2 Prozent. Deutschlandweit liegt die Quote nach Angaben des Gesundheitsministeriums bei 87,8  Prozent (Stand: 10. März). Niedermaier dazu:„Warum das so ist, darüber spekuliere ich öffentlich nicht, ich habe dazu aber eine klare Meinung.“

Auch Gesundheitsamtsleiter Stephan Gebrande empfindet, dass der Landkreis die Pandemie bisher recht gut gemeistert hat. „So traurig jeder Todesfall ist, wir hatten im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden in Deutschland verhältnismäßig wenig Opfer zu beklagen“, sagt er. Mittlerweile sei auch das Gesundheitsamt digital und personell besser aufgestellt als zu Beginn der Pandemie.

Aber, trotz besserer Infrastruktur und Personal, gibt Niedermaier zu bedenken: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei, tritt aber jetzt wegen des schrecklichen Krieges in Europa in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund.“ Auch wenn jetzt bundesweit die Corona-Maßnahmen gelockert werden, sei eine gewisse Grundvorsicht in Zukunft weiterhin „absolut notwendig“, betont der Landrat: „Sonst werden wir im Laufe des Jahres noch ganz unliebsame Überraschungen erleben.“

Leichte Verläufe führen zu nahezu freiem Leben

Gebrande blickt etwas optimistischer in die Zukunft : „Ich denke, dass wir langsam gelernt haben, mit dem Virus leben zu müssen.“ Die wesentlich leichter verlaufende Form der Erkrankung durch die neue Virusmutation Omikron, „dürfte uns die Möglichkeit geben, bald wieder ein nahezu freies Leben ohne einschränkende Maßnahmen zu führen“, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes weiter. Allerdings sei dies nur möglich, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Gebrande hält eine Impflicht nicht für zielführend: „Ich habe immer Verständnis gehabt für Menschen, die vor dem Impfstoff Angst haben, genauso wie viele Menschen vor dem Virus Angst haben“, betont er. Daher wünscht sich der Leiter der Abteilung Humanmedizin am Landratsamt, „dass mit dem neuen proteinbasierten Impfstoff Novavax der eine oder die andere seine skeptische Meinung nochmal überdenkt“.

Gebrande ist der Meinung: Das Leben mit Corona wird wie ein leben mit dem Influenza-Virus werden. Was wiederum auch bedeutet: Gefährdete Personen jedes Jahr mit entsprechenden Impfungen zu schützen, „da diese auch bei harmloseren Varianten trotzdem schwer erkranken können“.

Niedermaier und Gebrande sind sich einig: Insgesamt müsse die Gesellschaft wieder lernen, aufeinander zuzugehen. Und fachlich fundierte Meinungen müssen mehr Beachtung finden. Einschnitte in Grundrechte sollten gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, damit auch die Akzeptanz in der Bevölkerung da sei. „Nur dann werden wir die anstehenden Aufgaben lösen können.“

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