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Alpengipfel am Spitzingsee: Ein Thema bereitet Almbauern besonders Sorge

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Von: Daniel Wegscheider

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(v.l.) Michaela Kaniber, Christian Nitsche und Norbert Totschnig
BR-Chefredakteur Christian Nitsche (M.) befragte Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) und Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU). © Wegscheider

Schliersee/Landkreis – Beim internationalen Alpengipfel 2022 am Spitzingsee diskutieren Almbauern, Politiker und Experten über Probleme. Ein großes Thema gibt es.

Hoch oben auf 1.318 Metern Höhe sind zum „Alpen.Gipfel.Europa“-Treffen am Donnerstag (23. Juni) rund 200 Vertreter aus Politik, Landwirtschaft und Naturschutz aus Nah und Fern zusammengekommen. Im Festzelt neben der Unteren Firstalm am Spitzingsee blickten sie bei Kaiserwetter gemeinsam auf eine ungewisse Zukunft der Berglandwirtschaft. Brennpunkt war dabei der Wolf, der die Debatte der dreistündigen Veranstaltung bestimmte.

Der wachsende Wander- und Mountainbike-Tourismus, Klimawandel, gesetzliche Verschärfungen wie zur Stallhaltung oder die Rückkehr von Raubtieren wie Bär und Wolf stellen Almbauern zunehmend vor Herausforderungen. Um darüber zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, hat die Allianz für die Berglandwirtschaft zum Alpengipfel 2022 eingeladen. Dafür reisten Vertreter von Bauernverbänden, Naturschützer sowie Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz in den Landkreis Miesbach.

Erhalt des einzigartigen Lebensraums Alpen

Auch Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) war vor Ort und betonte: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen und gemeinsam Perspektiven entwickeln. Die Berglandwirtschaft ist für den Erhalt des einzigartigen Natur- und Lebensraums in den Alpen unverzichtbar.“ Und weiter: „Viele Menschen suchen in den Bergen Erholung und Ruhe. Dieser Wunsch muss aber mit den Bedürfnissen der Bergbauern in Einklang gebracht werden.“ Gerade sie seien es, „die sich seit Jahrhunderten mit Herzblut, um unsere wunderschöne Heimat kümmern“.

Unteren Firstalm am Spitzingsee
Auf der Unteren Firstalm am Spitzingsee in 1.318 Metern Höhe fand der Alpengipfel 2022 der Allianz für die Berglandwirtschaft statt. © BLW

„Wir sind auf die Bewirtschaftung der Almen angewiesen“, ergänzte Walter Heidl. Laut dem Präsidenten des Bayerischen Bauernverbandes reisen jährlich rund 50 Millionen Touristen in die Alpenregion. „Wir haben eine hohe Biodiversität auf den Almen, weil die Flächen offengehalten werden. Besucher würden nicht kommen, wenn wir nicht diese attraktive Kulturlandschaft hätten.“ Dafür sorgen die Almbauern, die Wege und Wiesen pflegen. „Schützen durch Nützen“, erklärte Heidl. Davon profitieren Kommunen und Handwerk, die davon leben, weil die Almbauern die Voraussetzung dafür schaffen, das hier Tourismus stattfinden kann.

Wirtschaftliche Lage der Almbauern

Beim Alpengipfel am Spitzingsee ging es auch um die Frage, wie es den Almbauern heutzutage wirtschaftlich geht. Josef Steinmüller, der einen 600 Jahre alten Bauernhof in Oberaudorf im Landkreis Rosenheim bewirtschaftet, sagte dazu: „Trotz Subventionen haben es die meisten Höfe sehr schwer. Ein Manager arbeitet ähnlich viel und hat dieselbe Verantwortung wie wir Bergbauern, aber verdient wesentlich mehr.“ Beim Thema Wolf vermissen die meisten Almbauern die Unterstützung von Bund und EU. „Brüssel entfernt sich immer weiter von der Realität“, meinte etwa Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

(v.l.) Walter Heidl, Michaela Kaniber und Christian Schmidt-Hamkens
Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber traf beim Alpengipfel 2022 auf Bauernpräsident Walter Heidl (l.) und Christian Schmidt-Hamkens, Sprecher des Deutschen Landwirtschaftsverlags. © Wegscheider

Steinmüller erklärte: „Wenn wir Wölfe mit Rudelbildung hier haben und unsere Weiden mit Zäunen, Hütehunden und Personal schützen wollen, würde das unseren ganzen Betriebsgewinn auffressen.“ Dem pflichtete Josef Glatz bei und kritisierte das Wolfsmanagement. Der Vorsitzende des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern betonte: „Herdenschutzhunde müssen gefüttert werden. So viele Schafe schlachten wir gar nicht, dass die gefüttert werden können.“

Kritik am Wolfsmanagement

Ebenso gab es einheitliche Kritik bezüglich der Schutzzäune, welche die Herden vor dem Beutegreifer schützen sollen. Brigitta Regauer, Almbäuerin aus Fischbachau, meinte: „Ein Mensch kommt schwerer darüber als ein Wolf. Zudem zerschneiden die Zäune massiv die Landschaft. Damit haben wir zwar Ruhe auf dem Berg, aber nicht vorm Wolf, sondern vorm Menschen.“

Festzelt beim Alpengipfel 2022
Rund 200 Zuhörer und Vertreter aus Alm-, Forst- und Landwirtschaft, Politik sowie Tourismus versammelten sich im Festzelt zur Podiumsdiskussion. © Wegscheider

Martin Geilhufe vom Bund Naturschutz versuchte hingegen, der Skepsis der Almbauern entgegenzuwirken: „Herdenschutz kann funktionieren. Das ist kein unlösbares Problem und haben Wissenschaftler nachgewiesen.“ Auch würden gezielte Wolfsabschüsse zum Managementplan dazugehören: „Das entscheiden aber Behörden und Gerichte aufgrund politischer Entscheidungen und der FFH-Richtlinien.“ LBV-Alpenreferent Michael Schödl berichtete zudem, dass bisher keine Rudel im bayerischen Alpenraum ansässig sind. Bisher gebe es nur Durchzügler.

Überregionales Vorgehen beim Thema Wolf

Beim emotional diskutierten Thema Wolf vertrat die Agrarministerin ein überregionales Vorgehen: „Wir brauchen ein staatenübergreifendes Monitoring, aber auch die Ausweisung nicht schützbarer Gebiete. Ziel ist ein aktives Bestandsmanagement, wie es andere europäische Staaten schon vormachen.“

Diplom-Biologe und Almexperte Alfred Ringler schlug vor: „Es braucht jemanden, der bei den Behörden immer wieder lästig nachfragt.“ Bei einer gemeinsamen Lösung müssten diese zusammenarbeiten, was sie derzeit aber nicht tun würden. dwe

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