Ökologische Leistungen kosten

Artenvielfalt lohnt sich: Landwirte aus dem Holzkirchner Raum berichten

Die Landwirte Albert Stürzer (l.) vom Hairerhof bei Wall und Anton Wohlschläger vom Sommerauhof bei Großhartpenning setzen sich für Artenvielfalt ein.
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Die Landwirte Albert Stürzer (l.) vom Hairerhof bei Wall und Anton Wohlschläger vom Sommerauhof bei Großhartpenning setzen sich für Artenvielfalt ein.

Holzkirchen/Warngau – Artenreiches Grünland lohnt sich, muss aber auch bezahlt werden. Zwei Landwirte aus Wall und Großhartpenning berichten von ihren Erfahrungen.

Das Volksbegehren zur Artenvielfalt, verabschiedet am 17. August 2019, hat viele Bauern erzürnt, weil dadurch auch gewohnte Arbeitsweisen infrage gestellt wurden. Jedoch hat es auch viele Denkanstöße gegeben. Im Interview berichten Betriebsleiter Albert Stürzer vom Hairerhof bei Wall und Anton Wohlschläger vom Sommerauhof bei Großhartpenning von ihren Erfahrungen in Sachen artenreiche Pflanzenbestände im Grünland.

Herr Wohlschläger, warum wollen Sie Ihre Wiesen und Weiden artenreicher gestalten, obwohl Sie als konventioneller und intensiverer Mischbetrieb, also Acker- und Grünlandnutzung Ihrer Flächen, bei günstigen klimatischen Bedingungen hohe Erträge erzielen?

Anton Wohlschläger: Artenreiches Grünland liegt auch im Interesse der Landwirtschaft, da es sich im Rahmen des Klimawandels besser anpassen kann und zudem gutes und gesundes Futter für unsere Tiere liefert. Am leichtesten lassen sich auf unserem Betrieb Blüh- und Kräuterwiesen an Feld­rändern auf kargeren Böden etablieren.

Herr Stürzer, was treibt Sie als Heumilchbetrieb an?

Albert Stürzer: Als Bio-Betrieb mit relativ geringer Intensität in unserer Wirtschaftsweise beschäftigen wir uns schon seit einigen Jahren mit dem Thema Artenvielfalt im Grünland. Über unseren Demeter-Verband und von den Eigentümern unserer Pachtflächen wurden wir angeregt, uns mit diesem Thema auseinander zu setzen.Trotzdem müssen wir einen Kompromiss zwischen energiereichem Futter für unsere Kühe und ökologischer Vielfalt durch artenreichere Bestände gehen. Wir sind aber überzeugt, dass Artenvielfalt im Grünland wichtig ist. Dabei meinen wir auch, dass artenreiches Grundfutter qualitätsverbessernd für die Veredelungsprodukte bei Milch und Fleisch wirkt. Außerdem freut es uns enorm, die Insektenvielfalt auf den blühenden Wiesen zu beobachten. Wir wollen Bodenverbesserungen erreichen und kräuterreiches Heu damit erzeugen.

Können Sie sich vorstellen, nachdem Sie auf Teilbereichen ja schon begonnen haben, alle Wiesen für mehr Artenvielfalt zu extensivieren?

Wohlschläger: Ich versuche es derzeit mit einem Kompromiss: Einerseits gutes Grundfutter von meinen Wiesen ernten, andererseits Förderung der Artenvielfalt. Dabei nutze ich intensiver bewirtschaftete Wiesen für meine Milchkühe, extensivere und artenreichere für das Jungvieh. Ich fahre also zweigleisig.

Stürzer: Ich etabliere mehr Artenvielfalt auf weniger günstigen Teilflächen unseres Betriebes, also Hanglagen, entlang von Feldwegen und im Obstgarten und bringe dadurch die Genetik in unseren Betriebskreislauf. Als reiner Heumilchbetrieb mähen wir unsere Flächen tendenziell etwas später und immer nur Teilflächen. Insgesamt haben wir auf den meisten Mähflächen vier Nutzungen, auf extensiven teilweise nur zwei. Intensiver werden unsere hofnahen Flächen als Kurzrasenweide genutzt. Das heißt, die Kühe bleiben bei jahreszeitlich unterschiedlicher Flächenzuteilung die gesamte Vegetationsperiode auf der gleichen Fläche, die sehr hochwertiges, also energie- und eiweißreiches Futter bei gleichzeitigem Nährstoffrücklauf über Kot und Harn liefert.

Welche Forderungen haben Sie an die Agrarpolitik, hinsichtlich der Neuausrichtung der gemeinsamen EU-Agrarpolitik?

Stürzer: Die Agrarförderungen müssen auf eine flächengebundene Landwirtschaft abzielen. Wenn der Tierbestand zur Ertragskraft der genutzten Fläche passt, haben wir die besten Effekte für eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung, effektiven Klimaschutz und ein hohes Maß an Tierwohl in der Nutztierhaltung. Besondere ökologische Leistungen, wie eine Erhöhung der Artenvielfalt auf Wiesen und Weiden, bedeuten in der Regel Ertragseinbußen bei erhöhtem Betriebsaufwand und sollten entsprechend und angepasst gefördert werden.

Wohlschläger: Langfristig führt kein Weg an der Einführung und Verpflichtung zu einer flächengebundenen Landwirtschaft vorbei, die nicht dem Diktat der Agrarlobbyisten verpflichtet ist. Agrarsubventionen sollten vollständig beim Bauern ankommen und nicht indirekt der nachgelagerten Wirtschaft. Auch die landwirtschaftliche Ausbildung in Praxis und Wissenschaft muss in ihren Lehrplänen und freier Forschung mehr auf Nachhaltigkeit und Ökologie korrigiert, die Agrarsubventionen sollten gerechter verteilt werden, um etwa die Zahl der Hofaufgaben zu stoppen. Außerdem flexiblere, weniger praxisfremde und übertrieben bürokratische Förderprogramme. Und ich sage immer: Wenn ein Landwirt statistisch 145 Menschen ernährt, so muss es doch möglich sein, dass diese Bürger auch einen Landwirt bei den ökologischen und ernährungssichernden Leistungen unterstützen.

„Ganze Gesellschaft muss sich bemühen“

Sabine Heinz spricht über Artenvielfalt im Grünland und eigenen Garten sowie Klimaschutz als Gemeinschaftsprojekt. Sie ist Expertin am Institut für Agrarökologie der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).

Sabine Heinz ist Expertin am Institut für Agrarökologie bei der Landesanstalt für Landwirtschaft.

Welche Maßnahmen schlagen Sie Bauern vor, ihre Grünlandflächen artenreicher zu gestalten?

Zuerst frage ich stets nach der Nutzungsintensität, denn die Artenvielfalt hängt direkt mit der Schnitthäufigkeit und Düngung zusammen. Wird das Grünland nicht zu intensiv genutzt, zum Beispiel nur zwei- bis dreimal gemäht und nur wenig gedüngt, sind das günstige Ausgangsbedingungen, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Sind in Teilbereichen noch typische Wiesenkräuter vorhanden, kann der Landwirt durch seine Bewirtschaftung die Ausbreitung dieser Arten wieder in die gesamte Fläche unterstützen. Fehlen diese Arten, kann eine Mähgutübertragung, das heißt der gemähte Aufwuchs einer artenreichen und samenreifen Wiese, als Spenderfläche die Vielfalt auf die artenarme Wiese zurückbringen. Der Vorteil der Mähgutübertragung ist, dass die Artenzusammensetzung und auch die Genetik genau zum Standort passen. Gibt es auch in der weiteren Umgebung keine geeigneten Spenderflächen, kann eine Artenanreicherung auch mit Regio-Saatgut durchgeführt werden.

Welche Erwartungen liegen Ihnen am Herzen, um die Forderungen der Gesellschaft und die Bedürfnisse der Bauern abzudecken?

Ich denke, ein offener Umgang ohne pauschale Vorwürfe ist ein guter erster Schritt.

Können nicht die Kommunen in ihren Satzungen beziehungsweise bei der Erstellung von Bebauungsplänen Artenvielfalt in ihren Gärten einfordern? Sind bei der Beratung von Bauherren nicht auch die kommunalen Angebote über Obst- und Gartenbauvereine beziehungsweise Fachbehörden an den Landratsämtern gefordert?

Im eigenen Garten mit Artenvielfalt anzufangen ist sicher eine gute Sache und im Grunde einfach, da hier nicht der Lebensunterhalt verdient werden muss. Die Landwirtschaft ist aber für den weitaus größeren Flächenanteil zuständig. Auch dort kann jeder durch sein Einkaufsverhalten die regionale, umweltschonende Produktion unterstützen.

Tragen artenreiche Grünlandflächen zum Klimaschutz bei?

Ja, auf wenig intensiv genutzten Grünlandflächen wird Humus aufgebaut und damit Kohlenstoff gebunden. Der Effekt kann aber nur greifen, wenn dafür nicht woanders intensiver gewirtschaftet wird oder gar Futtermittel importiert werden.

Weitere Informationen unter www.stmelf.bayern.de/kulap. cam

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