„Wir wollen vorankommen“

Bahnhofsareal in Gmund: Werkstattprotokoll vorgestellt / Kritik an Vorgehen

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Das Bahnhofsareal soll neu gestaltet werden. Die Vorschläge werden nun auf ihre Umsetzbarkeit geprüft.

Gmund – „Den See in den Ort holen“ hieß es im Juli, nachdem die dreitägige Bürgerbeteiligung „Großer Bahnhof für Ideen“ über die Bühne gegangen war. Vor Kurzem kam nun in der Gmunder Ratssitzung das vom Büro Nonconform verfasste Werkstattprotokoll zur Vorstellung. Wie berichtet, hatte die Firma aus Wien mit der Gemeinde das Bürgerbeteiligungsprojekt initiiert. Doch reichen die Ergebnisse aus, um bereits Entscheidungen zur Neugestaltung des Bahnhofsareals treffen zu können?

Sie habe selten eine so kreative Bürgerbeteiligung in angenehmer Atmosphäre erlebt wie in Gmund, zeigte sich Nonconform-Mitarbeiterin Astrid Erhartt-Perez Castro am Sitzungsabend voll des Lobes und präsentierte den Räten Erkenntnisse und Essenzen aus der Ideenwerkstatt. Bei dieser waren 500 Einzel­ ideen und sechs ausgearbeitete Gesamtkonzepte eingegangen. Laut Erhartt-Perez Castro seien Fragen wie „Wo ist hier die Ortsmitte?“ und „Wo geht’s hier zum See?“ aufgetaucht. Außerdem brachte die Ingenieurin überlastete Straßen am Verkehrsknoten Gmund, eine zerteilte Ortsmitte, fehlenden Raum für Fußgänger und Radfahrer, verwirrende Beschilderungen, schwieriges Queren von Straßen und Bahngleisen sowie fehlende Wartebereiche zur Sprache, sah aber auch Stärken: „Gmund ist vielfältig und besitzt einen hohen Freizeit- und Erholungswert.“ Ziel sei es, das derzeit auf mehrere Orte verteilte Zentrum miteinander zu verknüpfen und als Ganzes wahrnehmbar zu machen. Das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude bezeichnete Erhartt-Perez Castro als eine Perle, die man durchaus noch mehr hervorheben könnte. Der Bahnhof sollte als Teil des Ortszentrums aufgewertet und als funktionaler Mobilitätsknoten gestärkt werden, schlug die Ingenieurin vor und zeigte folgende Handlungsbereiche auf:

• Eingangsschwelle: Die Wiesseer Straße soll von einem trennenden zu einem verbindenden Element werden. Eine homogene Oberflächengestaltung, ein multifunktionaler Mittelstreifen, breitere Gehwege sowie die Einführung von Tempo 30 könnten aus diesem Bereich einen wahrnehmbaren Platz schaffen, der die Eingangsschwelle nach Gmund markiert.

• Ort zum Verweilen: Ein wichtiger Punkt ist der Blick zum See. Ferner könnten ein überdachter Bahnsteig, ein Kiosk, die Einbeziehung des Café Wagner mit einem Gastgarten sowie ein Wasserspiel oder eine Blühwiese für Attraktivität sorgen.

• Verbindung zum See: Als erster Schritt soll die visuelle Verbindung zum See durch eine Freilegung von Sichtachsen gestärkt werden. Ob eine Querung der Gleise oder eine Unterführung machbar sind, bedarf der Klärung rechtlicher Rahmenbedingungen.

• Ort zum Seele verwöhnen: Die Vorschläge erstrecken sich von der Wegeverbindung zum See über einen größeren Bahnhofplatz und Geh- und Radweg bis hin zu einem außergewöhnlichen Spielplatz und originellen Tiny-Hotels. Erhartt-Perez Castro: „Es soll ein grüner Erholungsraum sein.“

• Ort zum Verteilen: Die Rede ist von einem erweiterten Busbahnhof, Fahrradgaragen, einem Fahrradkiosk, einem Taxibereich sowie Park-&-Ride-Flächen.

• Potenzialräume: Wohl passé dürften die Überlegungen eines Parkhauses anstelle des jetzigen Waitzinger Hofes sein. Stattdessen werden hier betreutes Wohnen, ein Mehrgenerationenwohnprojekt oder ein Fahrradhotel favorisiert.

Nun heiße es anzupacken, meinte Bürgermeister Alfons Besel nach der Präsentation und stellte fest: „Eine Vielzahl von Ideen kann rasch umgesetzt werden.“ Für andere wiederum bedürfe es einer größeren Planung. Während sich der Gmunder Rathaus­chef voller Tatendrang zeigte, zog SPD-Gemeinderat Michael Huber die Handbremse. „Ich bin der Meinung, dass die Zeit für die Bürgerbeteiligung zu kurz war“, ließ er verlauten. Weil auch zu wenige Bürger dagewesen seien, wäre es nicht gelungen, ein breites Meinungsbild herzustellen. Vielen Berufstätigen sei es nicht möglich gewesen, an der Bürgerbeteiligung teilzunehmen, gab der Sozialdemokrat zu bedenken und forderte: „Ich möchte, dass diese Bürgerbeteiligung ein längerer Prozess ist.“ Huber, der einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung vermisst, appellierte an den Bürgermeister, nicht gleich in die Planungsphase einzusteigen, sondern erst mal Provisorien auszuprobieren.

„Wir wollen doch auch vorankommen“, erwiderte Besel und brach eine Lanze für die erfolgte Bürgerbeteiligung: „Ich wüsste nicht, wie man solch ein Angebot noch besser organisieren könnte.“ Christine Zierer (FWG) sprang Besel zur Seite: „Die Bürgerbeteiligung war gut. Ich plädiere dafür, dass wir vorwärtskommen.“

Eine gesonderte Beschlussfassung seitens des Gmunder Ratsgremiums war nicht erforderlich. Schon bald wird die Neugestaltung des Bahnhofareals wieder Sitzungsthema sein. rei

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