Blick zurück in die Zukunft

20 Jahre Krankenhaus Agatharied: Geschäftsführer Kelbel wagt Zeitsprung ins Jahr 2038

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Landrat Wolfgang Rzehak (r.) lobte die „weitreichende Entscheidung“, die vier Krankenhäuser des Landkreises zusammenzulegen. Herwig Heide (vorne l.) und Andreas Beivers (vorne 2.v.l.) sprachen über Rahmenbedingungen und Herausforderungen für Kliniken.

Miesbach – Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Diese Würdigung der Region ist öfter zu hören. Für Agatharied hat Landrat Wolfgang Rzehak den viel bemühten Ausspruch passend zur Jubiläumsfeier des Krankenhauses abgewandelt: „Gesund werden, wo andere Urlaub machen.“ Seit 20 Jahren ist das nur noch in einem Krankenhaus im Landkreis Miesbach möglich. Aus vier mach eins war die richtige Entscheidung, wie beim Festakt am vergangenen Dienstag im Hotel Bayerischer Hof in Miesbach deutlich wurde.

Zwar nahm die Klinik erst im Oktober 1998 ihren Betrieb auf. Es hatte aber einen guten Grund, dass die Feier zum 20. Geburtstag mit geladenen Gästen – Chefärzten, Bürgermeistern, Vertretern aus Politik und dem Gesundheitswesen – bereits am vergangenen Dienstagabend stattfand. Es war der zehnte Todestag von Altlandrat Norbert Kerkel. Er war die treibende Kraft, hatte das Projekt damals vorangebracht. An ihn erinnern deshalb sowohl eine Skulptur vor dem Krankenhaus als auch die Adresse Norbert-Kerkel-Platz. Und beim Festakt waren dann auch seine Familie um Frau Käthe, die am Dienstag zudem Geburtstag feierte und sich über Blumen freuen durfte, unter den Ehrengästen im Bayerischen Hof.

Sie erwartete nach dem offiziellen Teil ein Buffet. Das, blickte Geschäftsführer Michael Kelbel halb im Ernst voraus, werde sich das Krankenhaus in 20 Jahren nicht mehr leisten können. Im Jahr 2038, in das er die Feiergesellschaft versetzte, „geht es uns wirtschaftlich nicht mehr so gut“, sagte Kelbel. Aber, auch im Rückblick auf das dann 40-jährige Bestehen, sei das Krankenhaus weiter „der etablierte regionale Gesundheitsversorger für den Landkreis Miesbach“. Dafür seien „Meilensteinprojekte“ realisiert worden: Dazu gehören ein ambulantes Operationszentrum Holzkirchen noch 2018, in den darauffolgenden Jahren ein Bauchzentrum Bayerisches Oberland, in dem Agatharied mit Nachbarkliniken kooperiert, eine geriatrische Rehabilitationsklinik, ein Notfall- und Behandlungszentrum, ein teilstationäres Behandlungszentrum und nicht zuletzt ein Pflegehotel Agatharied. Dort sollen sich Patienten sowohl nach ambulanten Operationen als auch für eine Kurzzeitpflege aufhalten. Bei allen Neuerungen ist für Kelbel aber auch klar, dass es Einschnitte geben wird: „Das Leistungsspektrum wird nicht mehr die Breite haben.“ Kooperationen mit umliegenden Häusern – „verteilte Rollen in der Region“ – werden das kompensieren, glaubt Kelbel. Und er verspricht den Patienten: „Was wir machen, machen wir in höchster Qualität.“

Dass sich die Herausforderungen stetig ändern und sich Kliniken neu ausrichten müssen, ist auch Herwig Heide bewusst. Der Ministerialdirigent im Bayerischen Gesundheitsministerium ist überzeugt, dass es „weitere Krankenhausschließungen und Standortzusammenlegungen geben wird“. Eine Muster- oder Patentlösung hingegen nicht. Die Entwicklung müsse sich immer an den Gegebenheiten vor Ort ausrichten. In der Verantwortung sieht Heide neben Bund, Freistaat, Klinik und Träger auch die Kommunen, die beispielsweise attraktive Lebensbedingungen für Mitarbeiter schaffen können. Und letztendlich liege der Erfolg auch am Bürger, der das Angebot wahrnehmen muss: „Die Bevölkerung stimmt mit den Füßen ab.“ Unumgänglich ist für den Leiter der Abteilung Krankenhausversorgung im Staatsministerium eine Änderung in den tagesklinischen Angeboten. Das starre Nebeneinander von ambulanter und stationärer Versorgung „muss aufgebrochen werden“. Mit Förderprogrammen unterstütze der Freistaat Neuerungen. Heide riet, sich den „Herausforderungen auch künftig mit Mut und Weitblick zu stellen“.

Den bewiesen Norbert Kerkel und seine Mitstreiter schon vor mehr als 20 Jahren. Der Landkreis war damit „der Zeit weit voraus“, sagte Andreas Beivers von der Hochschule Fresenius. Für Erfolg sei es wichtig, schnell zu reagieren, erklärte der Studiendekan für Management und Ökonomie im Gesundheitswesen. Und weil Regionen unterschiedlich sind, brauche jede ihre eigenen Lösungen. Der Rahmen müsse auf Bundesebene vorgegeben werden, vor Ort die notwendigen Anpassungen vorgenommen werden. Die Bedeutung der wohnortnahen Versorgung werde bleiben, sich aber verändern. Ohne Kooperationen werde es in Zukunft nicht gehen, prophezeite Beivers.

Für Kelbel ist ganz aktuell eines der größten Probleme der Investitionsstau in der IT-Ausstattung. Deutschland sei im europäischen Vergleich Schlusslicht, von einem internationalen Standard weit entfernt. Fehlende Zielvorgaben und fehlende Krankenhausplanung stellen Kliniken zudem vor Probleme.

Dass die Gesundheitspolitik zu wünschen übrig lässt, machte Landrat Wolfgang Rzehak, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des Kreiskrankenhauses, deutlich. Er erkannte „eine Mischung aus Planwirtschaft und Turbokapitalismus“ – allerdings mit deren negativen Effekten. „Für die Politik nicht planbar, für die Wirtschaft nicht planbar“, sagte Rzehak. Dennoch stellte er kräftigte Investitionen ins Krankenhaus in Aussicht. „Wir werden es in kommunaler Hand behalten“, versprach er zudem. „Ohne Norbert Kerkel gäbe es das Krankenhaus nicht“, würdigte er dessen Leistungen. Die Zusammenlegung nannte Rzehak „eine weitreichende Entscheidung“ und „richtig“. 20 Jahre später sei das Baby erwachsen geworden, „aber auch noch jung genug, um sich weiterzuentwickeln“. Nicht die schlechteste Eigenschaft für weitere erfolgreiche 20 Jahre.

ft

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