Die Angst vor Corona

Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied erklärt, was das Virus in uns auslöst

Seit Anfang 2014 ist Michael Landgrebe Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied.
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Seit Anfang 2014 ist Michael Landgrebe Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied.

Hausham – Die Angst vor Corona ist groß. Im Gespräch erklärt Chefarzt Michael Landgrebe von der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, was das Virus in uns auslöst.

Viele kennen so etwas nur aus Filmen. Doch die Corona-Pandemie ist real. Tausende Menschen sind bereits an dem Virus gestorben. Das macht Angst. Die strikten Regeln, um den Erreger einzudämmen, haben für viele Menschen noch dazu soziale Isolation bedeutet. Eine herausfordernde Situation. Wie die Corona-Pandemie uns Menschen verändert und wie wir besser damit umgehen lernen können, erklärt Chefarzt Michael Landgrebe von der kbo-Lech-Mangfall-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Agatharied.

Soziale Isolation ist etwas, wofür der Mensch nicht gemacht ist, erklärt der Professor. „Wir brauchen den Austausch über unsere Gefühle und Gedanken“, sagt er. „Wenn wir diese Situation vorgegeben bekommen und diese über einen längeren Zeitraum ohne klare Perspektive anhält, ist das eine enorme psychische Belastung.“ Räumliche Enge, bei der man sich nicht aus dem Weg gehen kann, trägt ebenfalls zu einer angespannten Lage bei, vor allem auch in Familien.

Auch sorgt die ungewisse Situation für Ängste und kann zu Depressionen führen. Offizielle Zahlen, wie die Fälle sich entwickelt haben, gibt es nicht. Michael Landgrebe geht von einer hohen Dunkelziffer aus. In Deutschland leiden laut Deutscher Depressionshilfe rund 5,3 Millionen Menschen unter der Krankheit. Ihre Lebenserwartung sei um etwa zehn Jahre verkürzt.

Das Prekäre: „Viele haben ihre Termine bei den Fachärzten abgesagt, weil sie Angst haben, sich anzustecken. Das ist eine fatale Kombination, weil die Betroffenen Hilfe bräuchten.“ Das gilt auch für andere Bereiche, zum Beispiel wenn es um Herzinfarkte und Schlaganfälle geht. Auch da haben sich viele trotz eindeutiger Symptome nicht in ärztliche Behandlung begeben. Das kann zu einem folgenschweren Ergebnis führen. Mittlerweile füllen sich die Sprechstunden langsam wieder. Dennoch hofft der Mediziner, dass Videotelefonie weiterhin ein Thema bei der Beratung spielt, denn gerade im ländlichen Bereich, wo der nächste Facharzt oft weiter entfernt ist, sei dies eine gute Alternative.

Auch die kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied hat ihre Angebote zunächst einstellen müssen. Wo es möglich gewesen ist, sind Videotelefonate geführt worden, um weiter zu beraten. „Es ist schon anders, aber ich war überrascht, dass es sich in vielen Fällen wie ein normales Gespräch angefühlt hat“, sagt Michael Landgrebe. „Es ist auf jeden Fall besser, per Videotelefonie zu helfen, als gar nicht.“

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Am Anfang der Corona-Pandemie haben sich die meisten aufgrund von Ängsten gemeldet, sich anzustecken oder generell das Haus zu verlassen. Darunter sind auch viele neue Patienten gewesen, zu denen es zuvor gar keinen Kontakt gab. Im Zuge des Lockdowns haben sich dann mehr Personen gemeldet, die unter Einsamkeit leiden, denen die Tagesstruktur fehlt und die dadurch in eine Depression abgleiten oder aber auch eine Schlafstörung entwickeln könnten. Momentan ist die Unsicherheit, wie es weitergeht, ein großes Thema.

Wichtig sei in einer solchen Krise, sich eine Tagesstruktur zu bewahren, trotzdem am Morgen aufzustehen, als würde man zur Arbeit fahren, obwohl Home­office angesagt ist, Rituale pflegen und weiter in Kontakt mit Familie und Freunden bleiben. Wenn schon nicht in persona, dann per Telefon oder Videochat. Wichtig dabei: Auch selbst aktiv werden und nicht nur darauf warten, dass andere sich melden.

Auch Sport und Bewegung an der frischen Luft können dabei helfen, sich eine Struktur zu bewahren und positiv zu bleiben. „Wichtig war, ist und bleibt auch, sich nicht nur mit dem Thema Corona zu beschäftigen, weil einen das zusätzlich runterzieht“, erklärt Chefarzt Michael Landgrebe zum Umgang mit der Pandemie. „Es gibt ein Leben neben Corona, man kann die Situation nicht ändern, sollte sie soweit möglich aber annehmen und akzeptieren.“

Viel diskutiert wird derzeit über Lockerungen. Diese müssen kommen, meint der Mediziner, denn: „Der Mensch muss Eigenverantwortung haben und verstehen, worum es bei Corona geht. Man kann jedoch nicht alles der Infektion unterordnen.“ Fatal seien jedoch Verschwörungstheo­retiker rund um das Coronavirus, die Unwahrheiten verbreiten. Denn, dass es das Coronavirus gibt und es eine Gefahr darstellt, ist real. „Ich hoffe, dass alle bald wieder zu einer gewissen Normalität finden“, sagt kbo-Chefarzt Michael Landgrebe zum Abschluss. „Ich würde mir auch wünschen, dass der solidarische Aspekt bestehen bleibt.“ ksl

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