Ergebnisse einer DAV-Studie

So achtlos sind Skitourengeher an Taubenstein und Spitzing unterwegs

An der Taubenstein-Talstation gibt es für Tourengeher einen LVS-Checkpoint und eine Infotafel. Dort wurden Daten gesammelt.
+
An der Taubenstein-Talstation gibt es für Tourengeher einen LVS-Checkpoint und eine Infotafel. Dort wurden Daten gesammelt.

Landkreis/Spitzingsee – Die DAV-Sektion München und Oberland hat sich an einer umfangreichen Studie zum Skitourengehen im Taubensteingebiet beteiligt. Die Ergebnisse zeigen Erschreckendes.

Kaum haben ein paar Schneeflocken die heimischen Berge erreicht, laufen die ersten Tourengeher los. Auch am Wochenende (5./6. Dezember), als in den Webcams deutlich zu sehen war, dass nicht mal genug Schnee liegt für Kinder, um mit Bobs herum zu rutschen. Mit „Stoaski“ geht es schon, wie in den sozialen Medien von manchen zu lesen war. Wenn man eben über den Boden und Steine rattert und die Ausrüstung egal ist, bedeutet das aber auch: Die Natur leidet genauso mit. Hauptsache mit Ski auf den Berg.

Das Tourengehen ist eine weitere Outdoor-Sportart, die seit Jahren boomt. Und so sind immer mehr Menschen im Winter in Richtung Gipfel unterwegs – zu fast jeder Tages- und Nachtzeit sowie bei jeglichen Bedingungen. Das belastet die Natur und kann auch für die Sportler gefährlich werden. Wie sind Sport und Tourismus, Naturschutz und Sicherheit in Einklang zu bringen? Dafür sind zunächst valide Daten nötig. Eine Studie liefert sie. Die Beteiligten um den DAV haben diese nun präsentiert.

Über zwei Winter wurden Tourengeher am Taubenstein mittels Infrarottechnik an den LVS-Checkpoints in der Nähe der Talstation gezählt. Im Februar und März 2020 – vor dem Lockdown – wurden zudem rund 360 Tourengeher interviewt. Demnach ist der typische Skibergsteiger am Taubenstein männlich, zwischen 20 und 60 Jahre alt, mit hohem Bildungsniveau und ohne Kinder. Er kommt überwiegend aus dem südlichen Oberbayern, Stadt und Landkreis München stehen vor den Landkreisen Miesbach und Rosenheim.

Skitouren am Spitzing: Keine Ruhe mehr für Wildtiere

Der Andrang ist groß, an Spitzentagen marschieren mehr als 500 Sportler auf den Berg. Auch von schlechtem Wetter und widrigen Bedingungen lassen sich viele nicht abhalten. Dann sei der Spitzing für Erfahrene oft eine Notlösung, wie Gebietsbetreuer Florian Bossert erklärte. Als besonders problematisch sieht er, dass es für Wildtiere, die hier ihren Lebensraum haben, keine Ruhe mehr gebe. Vor allem in der Dämmerungszeit bräuchten Gams, Birkhuhn und Co. dringend Ruhe, um ungestört fressen zu können. Doch – auch das hat die Studie gezeigt – gerade am Abend und bis Mitternacht herrscht reger Skitourenbetrieb. Bossert plädiert deshalb für ein Konzept für Tourenabende am Taubenstein.

Wichtig ist auch die Information. Denn wie sich ebenfalls zeigte, spielt nicht nur die aktuelle Lawinenwarnstufe kaum eine Rolle. Auch informiert sich mehr als die Hälfte der Tourengeher vorher nicht über Wald-Wild-Schongebiete. Aus Bosserts Sicht ist deshalb die Präsenz vor Ort wichtig, ebenso die Beschilderung.

Skitouren am Spitzing: Besucher räumlich und zeitlich lenken

Auch über Online-Tourenportale gibt es die Möglichkeit zu informieren. Zudem wollen die Touristiker versuchen, über alle Kanäle und Medien Sportler zu erreichen. „Wir werden verstärkt in die Kommunikation einsteigen“, versprach ATS-Geschäftsleiter Thorsten Schär und sagte: „Wir unterstützen gerne alle Möglichkeiten, die Besucher räumlich und zeitlich zu lenken.“

Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Alpenvereins München und Oberland mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Gebietsbetreuung Mangfallgebirge, der Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS), der Gästeinfo Schliersee und des Lawinencamps Bayern. Dessen Gründer Alexander Römer hatte vor knapp zwei Jahren den LVS-Checkpoint inklusive Infotafel initiiert.

Skitouren am Spitzing: Viele sorg- und ahnungslos unterwegs

Nun hat sich gezeigt, dass noch immer viele sorg- und ahnungslos unterwegs sind. „Das meist einfache Gelände am Spitzingsee und die hohe Frequentierung wiegen die Tourengeher in vermeintlicher Sicherheit“, sagte Römer. So zeigte die Erhebung, dass sich zwar 82 Prozent der Tourengeher vorab über den Lawinenlagebericht informieren, die Gefahr aber meist unterschätzt wird. Knapp zwei Drittel haben Piepser, Sonde und Schaufel dabei, etwa 7 Prozent nur ein LVS-Gerät. Sie könnten also gefunden werden, aber kaum selbst in einem Notfall helfen. Knapp ein Drittel war ohne jegliche Lawinenausrüstung unterwegs. Auch hier sehen die Beteiligten der Studie Aufklärungsbedarf.

Es wird also einiger Informationsbemühungen bedürfen, die Tourengeher zu Vorsicht und Sensibilität für die Natur zu bewegen. Der erhebliche Wintersportlerdruck, von dem Roman Ossner (DAV), Projektleiter der Studie, sprach, wird zunehmen. Auch Ossner weiß: „Der bevorstehende Winter und die Einschränkungen der Corona-Pandemie werden diese Situation weiter verschärfen.“ ft

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Coronavirus im Landkreis Miesbach: Impf-Anschreiben an Über-80-Jährige
Coronavirus im Landkreis Miesbach: Impf-Anschreiben an Über-80-Jährige
Verheerender Brand im Alten Rathaus in Sauerlach: Bewohner tot aufgefunden
Verheerender Brand im Alten Rathaus in Sauerlach: Bewohner tot aufgefunden
Aus der Kurve geflogen: Polizei findet eindeutige Spuren und sucht nach Unfallauto
Aus der Kurve geflogen: Polizei findet eindeutige Spuren und sucht nach Unfallauto
Feuerwehren Agatharied und Hausham spenden Ausrüstung nach Erdbeben in Kroatien
Feuerwehren Agatharied und Hausham spenden Ausrüstung nach Erdbeben in Kroatien

Kommentare