Protest gegen neue Züge

Demo in Holzkirchen: Teilnehmer fordern barrierefreien Zugang zur BOB

Mit einem lauten „Wir sind Fahrgäste 3. Klasse – Schluss damit!“ forderten die Demonstranten in Holzkirchen weniger Barrieren und mehr selbstbestimmtes Leben.
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Mit einem lauten „Wir sind Fahrgäste 3. Klasse – Schluss damit!“ forderten die Demonstranten in Holzkirchen weniger Barrieren und mehr selbstbestimmtes Leben.

Holzkirchen – Menschen mit Behinderung fühlen sie wie Fahrgäste dritter Klasse: Darauf haben sie bei einer Demo am Bahnhof in Holzkirchen aufmerksam gemacht.

Bei sengender Mittagshitze haben sich jüngst rund 45 Menschen mit Behinderung und deren Begleitpersonen am Bahnhofsvorplatz in Holzkirchen zu einer Demonstration gegen die Bayerische Regiobahn (BRB) zusammengefunden. Ihr Protest richtet sich gegen die neu eingeführten Lint-Züge, mit denen sich die Situation für Rollstuhlfahrer deutlich verschlechtert habe.

Zu der Demo hat der Verein „UNgehindert e.V.“ aufgerufen, der deutschlandweit Missstände für Menschen mit Behinderung im Bahnverkehr anprangert. Der Lenggrieser Gemeinderat Markus Ertl, Vizevorsitzender des Vereins, kritisiert an den neuen Lint-Zügen vor allem, dass der Einstieg für Rollstuhlfahrer zu niedrig ist. Für ihn als Sehbehinderten sei das noch zu schaffen, Rollstuhlfahrer aber seien auf die Hilfe der Zugbegleiter angewiesen. Ertl verweist auf das Gleichstellungsgesetz: „Da steht unter anderem geschrieben, dass der Zustieg ohne Unterstützung der Zugbegleitung möglich sein soll.”

Als bisher regelmäßige Nutzerin der Verbindung Reichersbeuern–München ließ daher auch Sybille Janisch ihrem Ärger freien Lauf. Wie sie sagte, war für sie als Rollstuhlfahrerin in den ausgemusterten Integral-Zügen der Zustieg alleine ohne Probleme möglich. In den neuen Lint-Zügen aber ist sie auf Hilfe angewiesen. „Ich habe das Gefühl, ein Stück Unabhängigkeit verloren zu haben, was für ein Rückschritt“, schimpfte sie. In das gleiche Horn stieß Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen: „ Wären die Betroffenen vorher gefragt worden, hätte etwas Gutes entstehen können. Im Lint ist das leider nicht der Fall, denn Barrierefreiheit heißt auch, alleine in den Zug steigen zu können.“

Aber auch die engen Wendekreise und die Sitzmöglichkeiten direkt an den Toiletten stellen für Rollstuhlfahrer in den neuen Zügen nicht hinnehmbare Zustände dar. Alles in allem fühlen sich die Rollstuhlfahrer als Passagiere 3. Klasse, was sie mit Transparenten unmissverständlich zum Ausdruck brachten.

Wie Rolf Allerdissen, Vorsitzender des Vereins „UNgehindert“, bei der Demonstration in Holzkirchen sagte, wären solche Probleme aber durchaus vermeidbar, wenn die Bahn-Verantwortlichen rechtzeitig mit Vertretern der Organisationen für Menschen mit Behinderungen Kontakt aufnehmen würden, wenn etwa Züge neu angeschafft oder Bahnhöfe umgebaut werden. „Hinterher kostet das immer viel Geld und Zeit und führt zu Ärger und Protesten wie heute“, erklärte er.

Rolf Allerdissen (hinten, l.) und Markus Ertl (hinten, r.) vom Verein „UNgehindert“ haben in Holzkirchen zur Demo der Rollstuhlfahrer gegen die neuen Lint-Züge aufgerufen.

Dem gab Gisela Hölscher, die für die Freien Wähler im Miesbacher Kreisrat sitzt sowie Senioren- und Behindertenbeauftragte ihrer Heimatgemeinde Waakirchen ist, uneingeschränkt recht: „Ich sehe bei der Schaffung von Barrierefreiheit nicht im fehlenden Geld oder in mangelnden Ressourcen, sondern im mangelnden Willen der Verantwortlichen das Problem.“ Wie Hölscher meinte, hätte die Einführung der Lint-Züge eine große Feier werden können. Stattdessen müssen die Rollstuhlfahrer auf diese Weise auf die Defizite aufmerksam machen: „Es ist peinlich, dass die Betroffenen für ihr Recht kämpfen müssen.“ Sie versprach, dieses Übel weiter zu verfolgen und auf der politischen Ebene Lösungen einzufordern.

Vonseiten der BRB war bei der Demo niemand zugegen. Apropos niemand: Wie der Lenggrieser Gemeinderat Markus Ertl, zugleich Vizevorsitzender des Vereins „UNgehindert“, sagte, wurde seitens der BRB einem Team des Bayerischen Rundfunks (BR) verweigert, die Anreise der „Reisegruppe Niemand“ im Lint zur Demo von München nach Holzkirchen filmisch zu begleiten. Reisegruppe Niemand deswegen, erklärte Ertl, weil im Grundgesetz verankert ist, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden dürfe: „Wie weit es damit tatsächlich her ist, sehen wir ja.“

In einer Stellungnahme verwies die BRB hingegen darauf, dass es in ganz Deutschland unterschiedliche Bahnsteighöhen gebe und alle Züge den Normen entsprechen sowie zugelassen sind. BRB-Geschäftsführer Fabian Amini stellte in einem BR-Interview außerdem fest, dass jedem persönlich auch ohne Voranmeldung in den Zug geholfen werde und die BRB hier deutlich besser unterwegs sei als viele andere Betreiber in Deutschland.

Solche Aussagen und Gebaren zeigen, wie Ertl sagte, dass bei der BRB noch nicht angekommen sei, dass Barrierefreiheit und Mobilität ein Menschenrecht seien. Seine Forderungen lauteten daher: nachbessern, um Barrierefreiheit an den Bahnhöfen und in den Zügen der BRB zu erreichen, Barrierefreiheit an allen Bahnhöfen, in alle Züge hinein und durch alle Züge hindurch sowie eine bayerische Landesfachstelle für Barrierefreiheit für mehr Kompetenz in solchen Fragen. Zum Ende der rund einstündigen Veranstaltung unterstützten die Demonstranten mit einem lauten „Wir sind Fahrgäste 3. Klasse – Schluss damit!“ diese Forderungen nach weniger Barrieren und mehr selbstbestimmtem Leben. hac

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