Bitte mehr Rücksicht

Wie Erholungssuchende Natur und Landwirtschaft belasten

Die Idylle wie auf dem Foto oben wird oft gestört. Schlagen Wanderer etwa beim Gipfelsturm immer wieder individuelle Wege ein, wird die Grasnarbe auf der Bergweide anhaltend verletzt und es droht Erosion, wie auf dem Bild von einer Alm an der Rotwand zu sehen.
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Die Idylle wie auf dem Foto oben wird oft gestört. Schlagen Wanderer etwa beim Gipfelsturm immer wieder individuelle Wege ein, wird die Grasnarbe auf der Bergweide anhaltend verletzt und es droht Erosion, wie auf dem Bild von einer Alm an der Rotwand zu sehen.

Landkreis – Meist aus Unwissenheit belasten Erholungssuchende Natur und Landwirtschaft in der Region. Die große Bitte der Betroffenen: Mehr Rücksicht.

Draußen ist das neue Drinnen. Seit Corona sowieso. Outdoor-Aktivitäten boomen bereits seit Jahren. Erholung in der freien Natur zu suchen und in die Berge zu gehen, ist schließlich eines jeden Bürgers Recht. Verfassungsgemäß sogar. Dass sich Spaziergänger, Sportler und Wanderer im Landkreis Miesbach dabei häufig auf sensiblem Terrain bewegen, dürfte nur wenigen wirklich bewusst sein. Zahlreiche Landwirte und Waldbesitzer haben oft ihre liebe Not mit Ausflüglern, die ihre Wiesen, Weiden und Wälder betreten – oder mit deren Hinterlassenschaften.

Wir haben zwei Landwirte zu ihren Erfahrungen rund ums Betretungsrecht befragt. Und eines wurde sehr schnell klar: Es ist ein hoch emotionales Thema, das viele Bereiche betrifft. Denn es geht nicht allein ums Betreten von privatem Besitz. Es geht um das Wohl von Flora und Fauna und nicht zuletzt die Existenz von land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, wenn vermeintlich einfache Regeln missachtet werden.

Josef Meier ist Nebenerwerbslandwirt in Föching und bewirtschaftet ein paar Hektar Weidefläche und Wald. Er berichtet von etlichen Problemen mit Ausflüglern, die querfeldein durch Wiesen und Wald wandern, radeln oder gar ihren Golf-Abschlag auf weitem Feld trainieren. „Viele Leute meinen einfach, sie dürfen das. Das wird aber problematisch mit der Vegetation, die beginnt sobald der Boden warm wird und die ersten Gräser sprießen.“ Und nicht nur die Pflanzenwelt ist betroffen, es sind auch andere Lebewesen da: „Bodenbrüter werden gestört und Wild wird vom Feldrand verscheucht“, sagt Josef Meier. Das Wild wird immer unsicherer, deshalb werde im Wald auch mehr verbissen – eine Reaktion ausgelöst durch Stress. „Das ist eine Katastrophe! Wald, der für die nächsten Generationen aufgebaut wurde, wird da angenagt“, gibt Meier zu bedenken.

Der Landwirt macht diese Beobachtungen schon seit Jahren, bislang aber eher in geringem Ausmaß. Seit Beginn der Corona-Beschränkungen jedoch wüssten die Leute nicht mehr wohin. Es gebe auch keine Trampelpfade, betont der Landwirt, diese entstünden einzig durch die Willkür des Menschen. Das Befahren solcher Wege gehe gleich gar nicht. „Wir haben schon oft die Augen zugemacht“, sagt Josef Meier. „Manchmal sprechen wir die Leute an. Die meisten sind dann auch einsichtig, machen es nicht bewusst oder absichtlich. Die Leute sollen einfach auf den angelegten Wegen bleiben.“

Für Hundeführer gilt dies ohnehin. Hunde frei über die Felder laufen oder gar Tüten mit Hundstrümmerln liegen zu lassen, das kann schwerwiegende Folgen für Bauern und Tiere haben. Der Schaden sei jedoch nicht bezifferbar, meint Josef Meier. „Was kostet ein zu Tode gehetztes Kaninchen? Was kostet eine Milchkuh, die eingeht, weil Hundekot im Heu landet?“

Ganz andere corona-bedingte Beobachtungen hat Landwirtin Brigitta Regauer gemacht. Ihre Familie aus Fischbachau bewirtschaftet eine Alm an der Rotwand auf rund 1.400 bis 1.900 Metern Höhe, hält dort Schafe und Rinder. Mit Beginn der strengen Ausgangsbeschränkungen im März kehrte plötzliche Stille ein im Mangfallgebirge. Die Wanderparkplätze zur Rotwand waren gesperrt, kaum eine Menschenseele war unterwegs. Die Hirsche trauten sich sogar tagsüber zum Äsen aus dem Wald heraus. Himmlische Zustände offensichtlich für Tiere, Berg und Vegetation.

Erzählt Brigitta Regauer von ihren üblichen Erfahrungen an dem beliebten Hausberg vieler Ausflügler und Einheimischer, kann man sich vorstellen, dass sie sich die Vor-Corona-Zeit nicht unbedingt zurückwünscht. Ihre Alm habe sich über die Jahre zum Hot-Spot entwickelt. „In den Köpfen der Menschen herrscht das Bewusstsein, sie hätten im Wald, am Berg und auf den Bergweiden volles Betretungsrecht. Die Leute übersehen aber, dass man sich bei uns im Mangfallgebirge fast immer in Schutzgebieten oder auf landwirtschaftlichen Flächen bewegt.“

In Schutzgebieten müsse die jeweilige Verordnung beachtet werden, weiß Regauer, die stellvertretendes Mitglied im Naturschutzbeirat des Landkreises ist. Oberste Regel: Auf den offiziellen Wegen bleiben. Vor der Pandemie seien an manchen Tagen bis zu 1.300 Menschen an der Rotwand unterwegs gewesen. „Die Wanderer möchten individuell wandern und nehmen jedes kleine Viehgangerl als Steig. Die intakte Humusschicht am Berg mit Magerrasen wird dadurch zerstört.“ So entstünden auf dem Weg zum Gipfel immer mehr Verletzungen der Grasnarbe, die zu Erosion führen.

Zudem gebe es mittlerweile keine Ruhezeiten mehr am Berg, zu keiner Jahreszeit, bedauert Brigitta Regauer. Durch Mondschein- und Sonnenaufgangswanderungen sei selbst in der Nacht Betrieb. „Weder unsere Almtiere noch Gams oder Rauhfußhuhn haben mehr ihre Ruhe. Solche Tiere gibt es nicht mehr, wenn über 1.000 Leute pro Tag überall auf der Bergweide und im Wald eigene Wege suchen.“ Erschwerend komme hinzu, dass viele Leute ihre Hunde, die oft auch nicht erzogen seien, frei laufen ließen. „Wir hatten schon Frühgeburten von Lämmern und Abstürze von Tieren, weil diese von Hunden gehetzt wurden.“ Die Hundehalter seien jedoch selten auffindbar und würden in der Regel keine Verantwortung übernehmen.

Schutzgebiete im Landkreis

Bereits seit den 1980er Jahren wurden zahlreiche Landschaftsschutzgebiete (LSG) im Landkreis Miesbach ausgewiesen. Dazu gehören: LSG Rotwand, LSG Seehamer See mit Wattersdorfer Moor, LSG Sutten und Umgebung, LSG Untere Leitzach, die Egartenlandschaft um Miesbach, das Oberste Leitzachtal und seine Umgebung bei Bayerischzell, der Schliersees und Umgebung, der Spitzingsee und Umgebung, der Tegernsee und Umgebung sowie das Weissachtal.

FFH-Gebiete (Flora-Fauna-Habitat): Mariensteiner Moore, das Ellbach- und Kirchseemoor, die Flyschberge bei Bad Wiessee, das Leitzachtal, das Mangfallgebirge, das Mangfalltal, der Taubenberg, die Wattersdorfer Moore.

Geotope: viele alte Steinbrüche und Molasse-Aufschlüsse sowie unter anderem die Rotwand mit Rotwandkalken, das Mäander der Roten Valepp oder das Schmelzwassertal Teufelsgraben südwestlich von Holzkirchen.

Die FFH- sowie die Landschaftsschutz- und Vogelschutzgebiete überschneiden sich auch teilweise oder überlappen mit anderen Landkreisen.

Fazit: Der Wunsch bei Ausflüglern und Sportlern nach Individualität und einzigartigen Naturerlebnissen ist groß. Um Abstand zu halten, werden oft Wege genommen, die nicht zum Begehen oder Befahren geeignet sind. Der Schaden für Landschaft und Tiere aber, der durch unüberlegte oder gar ignorante Wanderer, Biker und Hundeführer entsteht, ist immens und dennoch nicht bezifferbar. Zum Schluss deshalb noch eine Anregung von Brigitta Regauer: Wenn alle Wanderer und Radler auf den Wegen blieben, gäbe es bestimmt mehr und schönere Naturerlebnisse. „Je ungestörter Wild und Vögel sind, desto mehr sehe ich. Also, ein Fernglas mitnehmen und nicht überall hin trampeln!“ sko

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