Für den Frieden

Ein neues Gedenken am Schlierseer Weinberg 

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Das Gedenken am Weinberg in Schliersee wollen Gemeinde und Pfarrei gestalten. Die Pläne und den Prozess der Entscheidungsfindung haben (v.l.) Pfarrer Hans Sinseder, Diakon Alois Winderl, Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer, Wolfgang Foit (Kreisbildungswerk) und Sebastian Franz, der dazu seine Bachelor-Arbeit geschrieben hat, vorgestellt.

Schliersee – Es ist ein idyllischer Ort mit wunderbarem Blick über den Schliersee. Doch der Weinberg birgt auch Konfliktpotenzial. 

Die Annaberg-Gedenktafel am Kircherl sorgte über Jahre für Aufregung und zog immer wider auch Rechtsextreme an. Vor rund zehn Jahren war mit einer Großdemonstration und einem massiven Polizeiaufgebot der Höhepunkt des öffentlichen Aufruhrs erreicht. In eineinhalb Wochen, am 21. Mai, steht der nächste Gedenktag an. Gemeinde und Pfarrei wollen diesen schon heuer gestalten. Für die nächsten Jahre und den künftigen Umgang mit dem Ort und Gedenken gibt es klare Pläne. Diese sind das Resultat eines gut einjährigen Prozesses, der nun abgeschlossen ist und dessen Ergebnisse die Verantwortlichen vor kurzem in Schliersee präsentierten. Bis alles umgesetzt ist, wird noch einige Zeit vergehen. Doch schon in diesem Jahr wollen Marktgemeinde und Pfarrei „das Gedenken in die Hand nehmen“, wie es Wolfgang Foit, Geschäftsführer des Kreisbildungswerks Miesbach (KBW), nannte. So soll heuer eine Maiandacht stattfinden, im kommenden Jahr wird sie „aufgemotzt“, kündigte Pfarrer Hans Sinseder an. Und 2021 sollen dann die umfassenden Pläne und verschiedenen Bausteine bereits realisiert sein. Zum 100. Gedenktag. Im Mai 1921 kämpfte das Freikorps Oberland bei der Erstürmung des Annabergs in Oberschlesien. Das ursprüngliche Gefallenendenkmal wurde 1945 von den Besatzern gesprengt, heute erinnert eine in die südliche Kirchenwand eingelassene Gedenktafel an die 52 am Annaberg Gefallenen des Freikorps Oberland. „Ich war immer dagegen, die Tafel ersatzlos zu entfernen“, sagte Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer. Sie wird bleiben, aber verändert. Auch Foit bekräftigt, bei der Entscheidung über den künftigen Umgang mit dem Gedenken sei es nicht um entweder oder, um schwarz oder weiß, gegangen. Auch nicht um Befürworter und Gegner des Gedenkens. Denn so einfach sei es nicht, betonte Foit mehrfach. Gleichzeitig machte er deutlich, dass es auch nicht das Ziel war, einen Kompromiss zu finden, „damit endlich Ruhe einkehrt“. Je mehr sich die Beteiligten mit dem Thema befassten, umso mehr merkten sie, wie komplex es ist. „Das war ein ungeheuerlicher Lernprozess“, erzählte Foit. Das KBW hatte die Federführung bei dem Projekt übernommen. Erst fanden Fachvorträge statt, dann eine Exkursion zum Annaberg. Den gesamten Prozess sollten eine hohe Fachlichkeit und die Beteiligung der Öffentlichkeit auszeichnen. Dazu gehörte, dass jeder Lösungsvorschläge einreichen konnte. Von 18 eingegangenen wurden acht in einem Workshop mit Experten aus den Bereichen Gedenkorte, Geschichtswissenschaft und Politik behandelt. Am Ende entschied eine 18-köpfige Jury. Sie setzte sich aus sechs Gemeinderäten, sechs Vertretern der Pfarrgemeinde sowie je zwei aus Kultur, Bildung und Gedenkarbeit zusammen. „Das war ein hochprofessioneller Prozess“, lobte Schnitzenbaumer. „Großartig“, kommentierte Diakon Alois Winderl. Für die Ergebnisse gibt es sogar von polnischer Seite positive Rückmeldungen, das Konsulat habe durchaus Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt, sagte Foit. Das Gedenken und der Ort sollen letztendlich auch das immer wieder in Erinnerung rufen, „was Menschen verbindet: Friede“, erklärte Foit. Dazu wird noch ein neues Ritual für den jährlichen Gedenktag festgelegt. Außerdem wird es ein pädagogisches Konzept für Schulklassen, Pfadfindergruppen und Touristen geben. Eine Geschichtsapp ist ebenso denkbar wie eine Textsammlung und eine Infobroschüre, die dann am Weinberg aufliegt. Ein Sammelband ist geplant, um die wissenschaftliche Arbeit zu dokumentieren. Am Weinberg soll eine Informationstafel oder Stele in Nähe oder zumindest Sichtweite der Gedenktafel schriftlich und bildlich sechs Themen aufbereiten: „Der Annaberg in Schlesien als deutsch-polnischer Erinnerungsort“, „Der Freikorps Oberland, der Krieg in Oberschlesien 1921 und die Schlacht am Annaberg“, „Das erste Denkmal von 1923 und Instrumentalisierung des Gedenkens durch die Nationalsozialisten“, „Das zweite Denkmal von 1956“, „Protest und Gegenprotest: die öffentliche Debatte“, „Perspektive des Friedens“. Vor die Gedenktafel selbst wird eine transparente Tafel montiert, die zwar den Blick auf die Originalschrift ermöglicht, aber stört. Eine christliche Friedensmahnung soll die heutige Intention des Gedenkens verdeutlichen. Vorgesehen ist das Zitat aus dem Friedensgebet des heiligen Franziskus: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man beleidigt, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist.“      ft

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