Lint-Fahrzeuge in der Kritik

Protestaktion zu neuen BOB-Zügen mit Defiziten am Bahnhof in Gmund

Initiative übt am Bahnhof in Gmund Kritik an neuen Lint-Zügen der BRB
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Zeigen die zahlreichen Defizite an den neuen Lint-Zügen im Oberland auf: (v.l:) Ralph Seifert, Gisela Hölscher, Markus Ertl und Anton Grafwallner.

Gmund – Die Kritik an den neuen Lint-Zügen der Bayerischen Regiobahn (BRB) reißt nicht ab. Nun gab es erneut eine Protestaktion in Gmund.

Barrierefrei sieht anders aus – da sind sich Anton Grafwallner, Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Landkreis Miesbach, und Gisela Hölscher, Gemeinderätin und Behindertenbeauftragte in Waakirchen, sowie einige andere Mitstreiter sicher. Sie üben Kritik an den neuen Lint-Zügen der Bayerischen Regiobahn (BRB) und haben bei einer Aktion am Bahnhof in Gmund erneut auf die Probleme aufmerksam gemacht.

Hauptproblem für Rollstuhlfahrer, aber auch Personen mit anderen Einschränkungen wie Blindheit sowie einem Rollator oder Kinderwagen ist, überhaupt erst mal in den Zug zu kommen. Der Spalt zwischen der Bahnsteigkante und dem Zustieg beträgt etwa 35 Zentimeter. Zwar gibt es einen Tritt, der diesen Spalt überbrückt, aber der liegt zirka 20 Zentimeter unterhalb der Bahnsteigkante. Keine Chance, mit einem Rollstuhl oder Rollator da eigenständig einzusteigen. „Es geht nicht nur um Rollstuhlfahrer und Behinderte“, erklärt Anton Grafwallner. „Es ist unangenehm für alle Gäste. Wer nicht aufpasst beim Ein- und Aussteigen, fällt hin.“

Wer es bis in den Zug geschafft hat, steht aber vor einem weiteren Problem: Um in den Bereich zu gelangen, der für Rollstuhlfahrer während der Zugfahrt vorgesehen ist, müssen Betroffene eine schmale, steile Rampe hinabfahren, die laut Anton Grafwallner nicht der geltenden Norm entspricht und noch dazu nicht rutschfest ist. Bei Regen- und Winterwetter könne dies fatale Folgen haben.

Wer als Rollstuhlfahrer während der Zugfahrt auf Toilette muss, steht vor einem weiteren Problem: Das barrierefreie WC ist nur über eine etwa 3,5 Zentimeter hohe Schwelle zu erreichen. Auch dies entspreche nicht der Norm, erklärt Markus Ertl, Inklusionsbeauftragter und Zweiter Vorsitzender des Netzwerks „UNgehindert“. Bis zu 1,5 Zentimeter seien regelkonform. Für ihn als sehbehinderten Menschen, aber auch Rollstuhlfahrer machen selbst solche vermeintlich kleinen Höhendifferenzen einen großen Unterschied.

BRB äußert sich zu Defiziten an neuen Lint-Zügen

Als Antwort auf die Kritik an den neuen Lint-Zügen hat die Bayerische Regiobahn (BRB) parallel zur Protestaktion in Gmund ein Positionspapier veröffentlicht. „Wir möchten damit die Gelegenheit nutzen, auf die zahlreichen Behauptungen der vergangenen Wochen zu diesen Punkten einzugehen und einen Überblick über die tatsächlichen Gegebenheiten in den Neufahrzeugen bieten“, heißt es in einer Mitteilung. Darin betont das Unternehmen, dass die Fahrzeuge für den Fahrgastbetrieb zugelassen sind und somit alle gültigen gesetzlichen Normen gerade auch hinsichtlich Barrierefreiheit und Geräuschemissionen erfüllen. Dass diese Gesetze und Normen eingehalten werden, werde vom Eisenbahn-Bundesamt streng geprüft und kontrolliert. Ohne diese Zulassung könnte der Lint54 nicht eingesetzt werden.

Im Ostallgäu-Lechfeld-Netz sei der baugleiche Zugtyp seit Dezember 2018 erfolgreich eingeführt und etabliert. „Auch dort hatten wir das Fahrzeug vorab den Vertretenden für Mobilitätseingeschränkte und Sehbehinderte vorgestellt und nur kleine Verbesserungshinweise und insgesamt positives Feedback erhalten“, erklärt die BRB. „Es handelt sich somit um ein in allen Aspekten hochmodernes und dem neuesten Stand der Technik entsprechendes Schienenfahrzeug, welches alle gesetzlichen Anforderungen an Barrierefreiheit gemäß der maßgeblichen europäischen Norm TSI PRM voll erfüllt.“

Dass der Spalt zwischen Bahnsteigkante und Zug im Vergleich zum Integral-Modell etwas breiter ist, räumt die BRB ein: „Diesen Nachteil möchten wir mit besserem Service wettmachen.“ Die Kundenbetreuer oder Triebfahrzeugführer können eine mobile Faltrampe auslegen. Eine Voranmeldung für diesen Service sei nicht nötig.

Was die Schwelle zum WC im Lint-Zug angeht, sei diese 1,5 Zentimeter hoch, erklärt die BRB. Im Altfahrzeug Integral sei die Schwelle 2 Zentimeter hoch gewesen. In Bezug auf die Rampe, die zum Bereich für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste führt, heißt es in dem Positionspapier, dass sie „zeichnungsgemäß eine Neigung von 12 Prozent konform zur TSI PRM hat“.

Auch wenn die BRB einige der angesprochenen Defizite einräumt, stünden diesen zahlreiche Vorteile gegenüber. Und: „Diese Diskussion kann und darf nicht einseitig zu Lasten der BRB und deren Neufahrzeuge geführt werden.“ An europaweiten Vorgaben zum Beispiel zur Barrierefreiheit und der Infrastruktur der DB könne die BRB nichts ändern. ksl

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