Verantwortliche erklären, was das für Kursteilnehmer bedeutet

Großes Spezial: Strukturreform der Volkshochschulen im Landkreis Miesbach

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Sibylle von Löwis und Kornelius Schlehlein planen maßgeblich die Strukturreform der Volkshochschulen im Landkreis.

Landkreis – Welche Zukunft haben die Volkshochschulen im Landkreis Miesbach? Diese Frage wird derzeit in allen Stadt- und Gemeinderäten diskutiert. Das Problem: Alle sieben Volkshochschulen erfüllen nicht mehr die Mindestkriterien, um Mitglied im bayerischen vhs-Verband zu sein, und müssen daher auch um wichtige Fördergelder bangen. Nur bei der vhs Holzkirchen-Otterfing passt es. Deswegen soll sie auch als Vorbild dienen für eine Strukturreform, die nun zum Abschluss gebracht werden soll.

Ein weiteres Problem ist, dass die Volkshochschulen im Landkreis in verschiedenen Formen organisiert sind, erklärt Kornelius Schlehlein, der die Volkshochschulen bei der Strukturreform berät. In Gmund zum Beispiel steht ein Verein dahinter und die Kommune gibt einen Zuschuss zur vhs-Arbeit. In Hausham jedoch ist die Gemeinde selbst Träger der vhs. Zusätzlich gibt es noch den vhs-Kreisverband mit zwölf Mitgliedern, der eher eine Art Servicezentrum mit geringem Schulungsprogramm ist. Daher ist vor etwa einem Jahr beschlossen worden, sich fortan in einem vhs-Verbund zu organisieren. Der Vorteil: Aufgaben und Prozesse werden zentralisiert. Langfristig verbessert sich so das Angebot für Kursteilnehmer.

In den Stadt- und Gemeinderäten ist mancher hingegen skeptisch. Zu viele offene Fragen gebe es noch. Zum einen geht es um die Finanzen. „Alle vhs haben mehr oder weniger Vermögen“, sagte der Tegernseer Stadtrat Norbert Schußmann in der jüngsten Sitzung. „Was passiert dann mit dem Kassenbestand?“ Sicher ist, dass jede Kommune in dem neuen Verband pro Jahr einen Euro pro Einwohner als sogenannte solidarische Grundfinanzierung zahlt. Geplant ist auch, dass das vorhandene Vermögen der einzelnen vhs-Standorte in eine gemeinsame Finanzplanung des Verbundes übergeht und dann bei Bedarf an die Mitglieder verteilt wird. Zum anderen wird oft über Standorte diskutiert, denn alle Gemeinden im Landkreis werden zu einer Mitgliedschaft im Verbund befragt – obwohl derzeit nicht alle ein vhs-Angebot haben. Fakt ist: „Alle bisherigen vhs-Standorte bleiben personell und organisatorisch in der neuen Trägerschaftsform bestehen“, erklärt Schlehlein. Neu ist: Kommunen, die momentan kein vhs-Angebot haben, können mit ihrer Mitgliedschaft eines einfordern. Jede Gemeinde erhält eine Stimme in der Mitgliederversammlung. Auch einen fünfköpfigen Aufsichtsrat soll es geben, der von der Mitgliederversammlung bestellt wird und die Arbeit des Vorstandes überwacht. Generell soll der künftige Verbund die Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins haben. Zuvor verschmelzen die bestehenden Volkshochschulen mit der vhs Holzkirchen-Otterfing, da diese als einzige im Landkreis ein Qualitätsmanagement hat und die anderen vhs so automatisch mit zertifiziert würden.

Nicht zuzustimmen, hätte für die jeweiligen Gemeinden gravierende Nachteile. In den vhs-Kurs­programmen etwa würden die Angebote der Nichtmitglieder nicht mehr auftauchen, erklärt die 1. Vorsitzende des Kreisverbandes, Sibylle von Löwis. Egal, wie viele Kommunen am Ende mitmachen, der Verbund wird und muss kommen. Die Kommunen, die momentan noch zögern, können auch später noch beitreten. „Diese Tür wollen wir offen lassen“, sagt von Löwis. „Aber wir wollen jetzt endlich starten und Nägel mit Köpfen machen.“ksl

Sonderfall Gmund: Gemeinde sagt Ja, Verein Nein

Gmund – Die Gemeinde will dem neuen vhs-Verbund beitreten, doch die Volkshochschule Gmund-Dürnbach zieht nicht mit. Erst kürzlich sprach sich deren Kuratorium mit 12:2 Stimmen für die Bewahrung der Eigenständigkeit aus. Am Dienstagabend stellte nun vhs-Vorsitzende Anna-Maria Stark die Position der örtlichen Erwachsenenbildungseinrichtung in der Gemeinderatssitzung vor. „Es ist weder unser Wunsch, noch unser Ziel, dass wir isoliert dastehen, aber man muss nicht alles in Schutt und Asche legen“, sagte Stark. Sie äußerte vor allem hinsichtlich der Finanzierung Bedenken. Schließlich müsste Gmund im Zuge der Vereinsauflösung sein Vermögen auf einen neuen Verein übertragen. Die frühere vhs-Kreisvorsitzende machte deutlich, dass sie für eine Weiterentwicklung offen sei, „aber nicht in dieser Form“. Stark stellte fest, dass beim Bau des neuen Hauses statt mit der Finanzierung als Fundament mit einem „freischwebenden Dach“ begonnen würde und ihr das Ganze zu unsicher sei. Kurzum: „Es fehlt ein Gesamtkonzept.“ Zudem kritisierte sie die Kommunikation des Lenkungsausschusses: „Ich warte auf Informationen.“ Dass bis 1. Januar 2020 die neue Struktur stehen soll, hält Stark für illusorisch. Gmund hat im vergangenen Jahr knapp 83.000 Euro für seine vhs aufgewendet. Schließt sie sich nicht der neuen vhs an, wären mehr Kosten und Aufwand die Folge. Deshalb erschien es dem Gros der Ratsmitglieder sinnvoll, bei der Reform mitzumachen. Michael Huber (SPD) war der Ansicht, „dass sich in der Praxis nicht viel ändern wird“. Die Macher der neuen Struktur hätten sich bestimmt viele Gedanken gemacht. „Mir ist wichtig, dass wir vhs-Standort bleiben“, betonte Fraktionskollegin Barbara von Miller. Ihr sei versichert worden, dass die meisten Kurse weiterhin angeboten werden. Letztlich wurde mit zwei Gegenstimmen beschlossen, dass die Gemeinde dem neuen Verbund beitritt. Vorausgesetzt, dass die vhs Gmund-Dürnbach dem ebenfalls zustimmt. Stark nach der Sitzung darauf angesprochen, wie es nun weitergeht, meinte: „Ich werde jetzt nicht in Hektik verfallen.“ Im Übrigen fühle sie sich ans Votum des Kuratoriums gebunden. „Ich möchte die Bildungseinrichtung vor Ort mit einem ordentlichen Programm bewahren.“ rei

Das ändert sich mit der neuen Struktur

Durch einen gemeinsamen vhs-Verbund können die Aufgaben im Verwaltungs- und im pädagogischen Bereich zum einen zentralisiert und zum anderen gestrafft werden. Momentan betreut jede vhs-Leitung alle sechs Programmbereiche – Gesellschaft, Beruf/EDV, Sprachen, Gesundheit, Kultur sowie Spezial – und Angebote im Rahmen der jungen vhs. Wenn sich die Leitungen anhand pädagogischer Qualifikationen spezialisieren, steigt auch die Qualität des Bildungsprogramms. Die Teilnehmer profitieren also doppelt, indem durch die zentrale Planung weniger Kurse ausfallen und die Qualität der Kurse steigt. Auch könnten dann Kurse in Gemeinden angeboten werden, die bisher keine hatten, dies aber mit dem Beitritt zum Verbund nun einfordern können.

Zukünftig soll verstärkt auch die Bildungsberatung ausgebaut werden, Projektarbeit ist geplant, ebenso wie das Erschließen neuer Geschäftsfelder. Menschen soll der Zugang zu neuen Kommunikationsformen ermöglicht werden. Auch Integrationsarbeit ist angedacht und gefordert. Damit die vhs als das kommunale und regionale Weiterbildungs- und Dienstleistungszentrum im Landkreis Miesbach wahrgenommen wird. Um den neuen vhs-Verbund aufzubauen, gibt es zudem eine finanzielle Förderung des bayerischen vhs-Verbandes BVV für zusätzliche Personalaufwendungen und die Erstattung von Sachleistungen. ksl

Diese Konsequenzen hat ein Nichtbeitritt

Die Folgen wären gravierend, wenn die Strukturreform scheitern würde. Bis auf die vhs Holzkirchen-Otterfing wären die Volkshochschulen im Landkreis substantiell in ihrer Existenz gefährdet. Aus diesen Gründen:

• Ausschluss aus dem bayerischen Volkshochschulverband (BVV) und dem deutschen Pendant DVV

• keine Staatszuschüsse nach dem Gesetz zur Förderung der Erwachsenenbildung in Bayern

• kein Beistand durch den BVV bei inhaltlich-fachlichen, rechtlichen und verwaltungstechnischen Fragen

• Wegfall der Schnittstelle BVV zu kommunalen Spitzenverbänden, Behörden, Krankenkassen und dem Landesbeirat der Erwachsenenbildung

• kein Versicherungsschutz über den BVV-Rahmenvertrag

• vhs-Logo darf nicht mehr verwendet werden

• Wegfall der Rahmenverträge für VG Wort, Bild/Kunst, VG Musikedition, VFF Film und Fernsehen, Gema und Künstlersozialkasse

• Ausschluss der Dozenten von BVV-Mitarbeiterfortbildungen

• Ausschluss aus dem BVV-Management-Programm für vhs-Mitarbeiter

• keine bayern-/bundesweiten Informationen mehr über das BVV-Rundschreiben

• Nachteile bei Förderprogrammen

• keine Möglichkeit mehr, an den von BVV und DVV ausgehandelten Verträgen mit Bamf und Bundesagentur für Arbeit teilzunehmen ksl

Diese Kommunen sind dabei

Landkreis – Alle 17 Kommunen im Landkreis Miesbach haben der vhs-Strukturreform per Beschluss zugestimmt. Sonderfälle gibt es in Bayrischzell, Gmund und Hausham mit Schliersee. In Bayrischzell und Gmund haben die Gemeinderäte unter Vorbehalt zugestimmt, wenn die vhs auch mitmacht. Die vhs Gmund lehnt dies derzeit ab. In Bayrisch­zell hat bisher keine Mitgliederversammlung diesbezüglich stattgefunden. Die vhs Hausham ist eine kommunale Einrichtung und mit dem vhs-Verein Schliersee vertraglich verbunden. Wenn Hausham nach den Vereinsverschmelzungen dem neuen vhs-Verbund beitritt, wird sich daher auch die Gemeinde Schliersee anschließen. ksl

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