Wohnen und leben

Großes Spezial: Wohnungslosigkeit im Landkreis Miesbach

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Michael Schütz, Andrea Schneider (M.) und Birgit Landthaler von der Caritas in Miesbach helfen in der Not, wenn sich Schulden anhäufen und der Verlust der Wohnung droht.

Landkreis – Die Zahl der Menschen ohne festen Wohnsitz ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Auch der Landkreis Miesbach ist betroffen.

Der Landkreis Miesbach gilt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 28.000 Euro als eine der wohlhabendsten Regionen Deutschlands. Die Kehrseite ist, dass sich viele Einwohner zum Beispiel die hohen Immobilienpreise und Mieten, welche die Beliebtheit der Region mit sich bringen, nicht leisten können. Das heißt, die Schere zwischen Arm und Reich ist im Landkreis Miesbach durchaus zu spüren.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind 2018 rund 678.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung gewesen. „Beim Vergleich der Stichtagszahlen für den 30. Juni 2017 und 2018 stellen wir einen deutlich stärkeren Anstieg der Zahlen fest“, sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG-Wohnungslosenhilfe. „Gegenüber dem Vorjahr 2017 bedeutet dies einen Anstieg bei der Jahresgesamtzahl um 4,2 Prozent.“

Das Thema Wohnungslosigkeit und damit verbunden auch Armut betrifft ebenso den vermeintlich reichen Landkreis Miesbach. Klare Fakten gibt es nicht, wie viele Wohnungslose es vor Ort gibt. Zum einen ändert sich der Status schnell, wenn jemand akut seine Wohnung verliert oder wieder ein Dach über dem Kopf findet. Zum anderen sind die Kommunen für die Wohnungslosen zuständig, sodass es keine gesammelte Statistik gibt. Zudem gibt es eine Dunkelziffer derer, die sich zum Beispiel von einem Freund zum nächsten einen Übernachtungsplatz suchen und so in der Statistik gar nicht auftauchen.

Nur so viel: „Das Landratsamt ist zuständig für die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch“, teilt Sprecher Birger Nemitz vom Landratsamt mit. „Aktuell haben wir im Leistungsbezug des SGB II sowie SGB XII jeweils nur eine Person als mit ohne festen Wohnsitz gekennzeichnet.“ Die Personen kommen jeden Tag zum Landrats­amt in Miesbach, um Geld zu erhalten, da sie ohne festen Wohnsitz kein Konto eröffnen können. Aussagekräftig ist diese Zahl jedoch nicht, da das Landratsamt nur Kenntnis von Wohnungslosen hat, wenn diese dort Leistungen beziehen.

2017 und 2018 je 332 Fälle bei der Schuldner- und Insolvenzberatung

Nahezu täglich mit den Themen Wohnungslosigkeit und Armut zu tun haben Birgit Land­thaler, Andrea Schneider und Michael Schütz von der Caritas in Miesbach. 2017 und 2018 sind zum Beispiel jeweils 332 Fälle bei der Schuldner- und Insolvenzberatung sowie rund 200 Klienten bei der allgemeinen sozialen Beratung verzeichnet worden.

Gerade bei der Schuldner- und Insolvenzberatung gehe es darum, dass jemand nicht noch zusätzlich seine Arbeit und seine Wohnung verliert, sagt Michael Schütz. Oft sind es alleinstehende Personen, die von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen sind. In vielen Fällen handelt es sich um Senioren, wenn zum Beispiel der Ehepartner stirbt und der Zurückge­bliebene versucht, die viel zu teure Wohnung alleine zu halten, oder wenn jemand seinen Nebenjob nicht mehr ausüben kann und die Rente nicht ausreicht, um Miete und alle anderen Kosten zu zahlen.

Mitunter steigert sich das Problem immer weiter, weil Briefe nicht geöffnet und Mahnungen ignoriert werden. Wichtig in dieser Situation sei es, über die Probleme zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Meist hilft ein klärendes Gespräch mit dem Vermieter, weshalb die Miete gerade auf sich warten lässt. Doch auch Scham spielt eine Rolle, da Schulden oft als Zeichen von Schwäche tabuisiert werden. Eine gewisse Isolation ist eine weitere Folge, weil durch das fehlende Geld zum Beispiel auch Kino- oder Restaurantbesuche mit Freunden nicht mehr möglich sind.

Auch im Bereich der Tafeln macht sich der Trend bemerkbar. „Wir stellen schon fest, dass die Zahlen in den vergangenen Jahren deutlich nach oben gegangen sind“, berichtet Simon Horst vom BRK-Kreisverband in Miesbach. In Hausham und Miesbach zum Beispiel kommen etwa 100 Menschen zur Tafel, manche jede Woche, andere seltener. „Das klingt vielleicht erst mal nicht viel, aber vor fünf Jahren waren es noch zwischen 50 und 60“, sagt er. Folglich hat sich die Zahl der Tafelbesucher etwa verdoppelt.

Die Situation in den Kommunen im Landkreis

17 Gemeinden umfasst der Landkreis – darunter die Städte Miesbach und Tegernsee sowie die Märkte Holzkirchen und Schliersee. Wird jemand obdachlos, ist die Gemeinde zuständig, in der die Person zuletzt gemeldet war. So stellt sich die Situation in den einzelnen Kommunen dar:

  • Bad Wiessee: „Wir haben aktuell drei Obdachlose“, teilt Karen Lange von der Gemeindeverwaltung mit. „Diese sind in einer Wohnung der Gemeinde Bad Wiessee untergebracht.“
  • Fischbachau: „Aktuell haben wir drei Obdachlose“, berichtet Johann Neundlinger, geschäftsleitender Beamter bei der Gemeinde Fischbachau. „Wir haben keine Obdachlosenunterkunft, sondern versuchen, die Personen in gemeindlichen Wohnungen, eventuell auch in Wohnungen von Privaten, unterzubringen.“
  • Gmund: „Aktuell gibt es keine wohnungslosen Personen in Gmund“, erklärt Geschäftsleiter Florian Ruml. „Die Gemeinde hat eine Obdachlosenunterkunft im Ortsteil Finsterwald.“
  • Hausham: „2019 hatten wir sechs Fälle von Obdachlosigkeit“, teilt Bürgermeister Jens Zangenfeind mit. „Wir konnten diese jedoch in gemeindlichen Wohnungen unterbringen.“
  • Holzkirchen: „In der Gemeinde Holzkirchen gibt es derzeit eine wohnungslose Einzelperson und eine wohnungslose Familie“, erläutert Annika Walther, Leiterin des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit im Rathaus. „Sie sind in einer Obdachlosenunterkunft der Gemeinde untergebracht.“
  • Kreuth: „Die Gemeinde Kreuth hat zwei Gebäude, in denen wir Wohnungslose unterbringen können. Derzeit sind die Unterkünfte nicht belegt“, teilt Bürgermeister Josef Bierschneider mit. „Es kommt hin und wieder vor, dass Personen, die zum Beispiel aus ihrer Wohnung geklagt werden, kurzzeitig ein Dach über dem Kopf benötigen. Meist finden diese Personen dann aber nach relativ kurzer Zeit eine Unterkunft.“
  • Otterfing: „In unserer Gemeinde sind derzeit keine Wohnungslosen untergebracht“, heißt es von Kornelia Wachinger von der Gemeinde Otterfing. „Die Unterbringung erfolgt in Wohncontainern der Gemeinde, die beheizt werden können. Zur Körperhygiene steht ein gesonderter Container zur Verfügung.“
  • Rottach-Egern: In der Gemeinde gibt es momentan zwei Wohnungslose, erklärt Geschäftsleiter Gerhard Hofmann. Rottach-Egern verfügt über zwei Notunterkünfte, in denen Betroffenen kurzfristig untergebracht werden können. Eine ist primär für Frauen, die andere für Männer, um diese getrennt unterbringen zu können.
  • Valley: „In Valley gibt es zurzeit keine wohnungslosen Bürger“, sagt Bürgermeister Andreas Hallmannsecker. „Generell haben wir zwei Wohncontainer mit drei Plätzen zur Verfügung – im Moment haben wir keinerlei Unterkunft frei.“
  • Weyarn: In der Gemeinde Weyarn gibt es aktuell keine wohnungslosen Personen. „Für Personen aus der Gemeinde, die mittellos zwangsgeräumt wurden und gemeindlich unterzubringen waren, war es der Gemeindeverwaltung bislang immer gelungen kurzfristig Wohnraum in Altbausubstanz in Weyarn anzumieten“, berichtet Bürgermeister Leonhard Wöhr.

Die Kommunen Bayrischzell, Irschenberg, Miesbach, Schliersee, Tegernsee, Waakirchen und Warngau haben bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert.

Was tun bei drohender Wohnungslosigkeit?

Auch Wohnungslose haben Rechte, zum Beispiel auf Arbeitslosengeld II, medizinische Versorgung und einen Schlafplatz. Hier ein kurzer Überblick, welche Möglichkeiten es im Fall der Fälle gibt:

  • Akute Hilfe bei (drohender) Wohnungslosigkeit bieten Beratungsstellen wie die der Caritas in Miesbach. Dort gibt es zum einen Informationen, wie man an die notwendigen Dinge des Alltags kommt, und zum anderen Hilfe auf dem Weg aus der derzeitigen Situation.
  • Wer einen Schlafplatz beziehungsweise eine Notunterkunft benötigt, kann sich an die jeweilige Kommune wenden. Zentrale Übernachtungsunterkünfte wie in München gibt es im Landkreis Miesbach hingegen nicht. Im Freien zu übernachten, sollte vermieden werden. Zum einen besteht die Gefahr, beraubt, überfallen oder misshandelt zu werden. Zum anderen droht vor allem im Winter Tod durch Erfrieren.
  • Für eine Mahlzeit sind vor allem Suppenküchen und Treffs gute Anlaufstellen. Auch bei den Tafeln gibt es günstige Lebensmittel zu kaufen.
  • Wer Kleidung benötigt, kann sich zum Beispiel an Sozialverbände wie BRK, Caritas und die Arbeiterwohlfahrt wenden. Dort gibt es in der Regel Kleiderkammern, in denen gebrauchte, gut erhaltene Kleidung angeboten wird.
  • Im Fall einer Erkrankung können auch Wohnungslose ganz normal zu einem Arzt in die Praxis gehen. Wichtig zu wissen ist: In akuten Notfällen ist die Notaufnahme im Krankenhaus für die erste Hilfe zuständig. Dort dürfen Bedürftige nicht abgewiesen werden.
  • Wer nicht krankenversichert ist, sollte dies dringend ändern. Alle Menschen in Deutschland sind dazu verpflichtet. Wer aktuell nicht krankenversichert ist, kann mithilfe einer Beratungsstelle alles in die Wege leiten. Seit Januar 2011 ist das Jobcenter zudem verpflichtet, die Kosten für den vollen Basistarif einer Privatkrankenkasse bei Beziehern von Arbeitslosengeld II zu übernehmen.

ksl

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