Einheimische entsetzt

Hass-Schild gegen Münchner Ausflügler geht im Internet viral

Ein Schild in Miesbach gegen Besucher aus München: „Verpisst euch! Wir wollen euch nicht...“
+
Diese Hasstirade gegen Münchner verbreitet sich derzeit im Internet. Das Foto stammt aus dem Landkreis Miesbach.

Landkreis – Trotz Corona-Pandemie kommen viele Münchner für Ausflüge in den Landkreis Miesbach. Nun haben Anwohner eine deutliche Botschaft an der Straße platziert.

Ein Stinkefinger unter einem Münchner Kennzeichen und eine eindeutige Botschaft verbreiten sich derzeit im Internet. Die Schilder sind im Landkreis Miesbach aufgetaucht. Grund ist das Verkehrschaos in den vergangenen Wochen aufgrund vieler Tagesausflügler, deren Autos die Straßen verstopft haben. Vor allem der Spitzingsee ist dabei ein beliebtes Ziel gewesen.

Miesbachs Landrat Olaf von Löwis hat wegen des Ausflugs­chaos sogar Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner per SMS angefunkt und um Hilfe gebeten, weil der Tagestourismus einfach ausufere. Dennoch: „Ich halte derartige Schilder für absolut inakzeptabel. Dieser Schuss geht nach hinten los“, sagt er. „Wir pflegen im Landkreis Miesbach eine Willkommenskultur! Jeder ist willkommen, nur eben nicht, wenn wir uns mitten in einer weltweiten Pandemie befinden, jeder seine Kontakte reduzieren soll und dann Tausende die Berge stürmen. Das passt einfach nicht zusammen!“ Er appelliert weiterhin an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben, ganz egal, wo man wohne, um gemeinsam die Corona-Pandemie zu bewältigen. Doch auch an Heilige Drei Könige war wieder reger Ausflugsverkehr unterwegs.

Derzeit lässt der Landkreis einzelne Straßensperrungen und Parkverbote insbesondere im Bereich Spitzingsee rechtlich prüfen. Ein Ergebnis steht noch aus. Möglicherweise löst sich das Problem bald von selbst, denn die Bundesregierung hat am vergangenen Dienstag neue Corona-Regeln verkündet. Demnach dürfen Bewohner aus Hot­spots mit einer 7-Tage-Inzidenz von 200 und mehr sich künftig nur noch in einem 15-Kilometer-Radius um ihren Wohnort bewegen. Für Münchner wären Spitzing-, Schlier- und Tegernsee dann tabu.

Ausflugschaos: Touristiker entsetzt über Hass-Schild

Auch Josef Bogner, 1. Vorsitzender des Verkehrsvereins Rottach-Egern und als Kreisrat im Tourismusausschuss, zeigt sich entsetzt über das nun erreichte Ausmaß der Feindlichkeiten im Landkreis gegenüber Tagesgästen und deren Familien. „Als wenn es nicht schon genug wäre, dass man Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe für lange Zeit schließt und damit große Sorgen verbreitet, werden mit solchen Begrüßungstafeln nicht nur die Tagesgäste beleidigt, sondern auch all diejenigen, die ein Miteinander im Tourismusgeschäft aufgebaut haben und mit derartigen Beleidigungen da mit hineingezogen werden“, sagt er. „Ich selbst habe täglich nach wie vor mit Tagesgästen zu tun, die lediglich wie wir auch in die Natur und vor allem ihren Kindern ein halbwegs normales Leben bieten wollen.“

Josef Bogner macht noch auf einen anderen Fakt aufmerksam: „Die meisten Bürger halten sich an alle Vorschriften und die, die auch in Corona-Zeiten alles ignorieren, gibt es auch hier im Landkreis genug.“ Er plädiert dafür, Ruhe zu bewahren angesichts der hitzigen Debatte.

Ausflugschaos: Grüne fordern Umdenken beim Tagestourismus

Unterdessen appelliert die Grünen-Kreistagsfraktion, beim Tages­tourismus umzudenken. „Die Einhaltung der geltenden Corona-Regeln ist unser aller Bürgerpflicht“, erklärt Thomas Tomaschek, Fraktionssprecher der Grünen im Kreistag Miesbach. Sie fordern nun Respekt gegenüber der Natur und dem privaten Eigentum – auch und gerade in Krisenzeiten. Alle seien aufgerufen, ihr Bedürfnis nach Frischluft wohnortnah zu stillen, auf das notwendige Maß zu reduzieren und gefährliche Sportarten zum Schutz der Kapazitäten in den Krankenhäusern zu unterlassen – unabhängig davon, wo und wie lange man schon an einem Ort wohne und welches Kennzeichen das Auto habe.

Eines werde angesichts der aktuellen Verkehrslage aber nur zu deutlich, erklären die Grünen – und das habe mit Corona wenig zu tun: Seit vielen Jahren habe der Landkreis ein massiv wachsendes Verkehrsproblem, das auch in Zukunft bestehen werde, solange schwerpunktmäßig ins Straßennetz investiert werde. „Die Grünen-Kreistagsfraktion setzt auch weiterhin auf den Ausbau von Bus und Bahn“, sagt Cornelia Riepe, stellvertretende Fraktionssprecherin der Grünen im Kreistag. Die Akzeptanz eines öffentlichen Nahverkehrs stehe und falle mit einem attraktiven Angebot.

Ausflugschaos: Alternativen zum Auto schaffen

Nötig seien die Elektrifizierung und der zwei­gleisige Ausbau der BRB sowie intelligente Lenkungskonzepte, um den regelmäßigen Verkehrsinfarkt aufgrund des Ausflugsverkehrs zu stoppen. Auch müsse der Landkreis verstärkt in sinnvoll nutzbare Anbindungen von kleineren Gemeinden und Ortsteilen an Hauptbus- und -bahnlinien investieren. Ebenso könnten Investitionen in weiträumige Strategien, um Besucher zu lenken sowie Alternativangebote und attraktive Nah­erholungsgebiete im direkten Münchner Umland zu schaffen, die südlichen Landkreise entlasten.

Das Ziel ist laut den Grünen klar: Mit einem Verkehrskonzept, das konsequent Alternativen zum Auto schaffe, und einem nachhaltigen Tourismus könne aufgeheizten Situationen wie der aktuellen entgegengewirkt werden. ksl

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Wie weit sind 15 Kilometer? ATS-Tool zeigt Corona-Bewegungsradius
Wie weit sind 15 Kilometer? ATS-Tool zeigt Corona-Bewegungsradius
Coronavirus: Landkreis Miesbach überprüft Ausbrüche in Seniorenheimen
Coronavirus: Landkreis Miesbach überprüft Ausbrüche in Seniorenheimen
Coronavirus im Landkreis Miesbach: Impf-Anschreiben an Über-80-Jährige
Coronavirus im Landkreis Miesbach: Impf-Anschreiben an Über-80-Jährige
So geht es beim Projekt Kindergartenbrücke in Holzkirchen weiter
So geht es beim Projekt Kindergartenbrücke in Holzkirchen weiter

Kommentare