Vorhaben ist unwirtschaftlich

Hochwasserausgleich Tegernsee: Amt stoppt Schutzprojekt unerwartet

Schuhmacherwehr in Gmund
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Der Bau der Druckleitung für die Mangfall hätte sich bis zum alten Schuhmacherwehr bei der Büttenpapierfabrik in Gmund erstreckt. Das Wehr selbst müsste laut Wasserwirtschaftsamt Rosenheim trotz der Projektabsage modernisiert werden.

Tegernsee – Das Schutzprojekt Hochwasserausgleich Tegernsee hat das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim überraschend gestoppt. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nach über 14 Jahren Planung beendet das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim (WWA) das Hochwasserschutzprojekt Tegernsee. Laut einer aktuellen Wirtschaftlichkeitsanalyse wären die Kosten viermal höher als der Nutzen der vorgesehenen Maßnahmen. Die bei Hochwasser betroffenen Anlieger müssen also weiterhin selbst Vorkehrungen treffen, um ihre Anwesen bei Überschwemmungen zu schützen. Gmunds Bürgermeister Alfons Besel reagierte erleichtert auf das Aus.

In einer Video-Pressekonferenz informierte WWA-Leiter Paul Geisenhofer über die Gründe, warum das Bauprojekt am Tegernsee beendet wurde. „Im Rahmen des Vorentwurfs war für das Projekt eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Die Überprüfung der Wirtschaftlichkeit ist bei staatlichen Hochwasserprojekten obligatorisch“, sagte er. Angefertigt wurde das Gutachten an der Hochschule Rosenheim und zusätzlich von einem Experten verifiziert. „Das Ergebnis war leider so eindeutig, dass die Entscheidung nicht anders ausfallen konnte.“ Es sei ein Gebot der sparsamen Haushaltsführung, dass nur wirtschaftliche Projekte weiterverfolgt werden können.

WWA-Leiter Geisenhofer erinnerte zudem an die Grundkonzeption des Projekts: Unmittelbar vor einem ex­tremen Hochwasserereignis sollte der Wasserspiegel des Tegernsees abgesenkt und möglichst lange auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Der anschließende mit dem Hochwasserereignis verbundene natürliche Anstieg des Sees wäre damit geringer ausgefallen als ohne Vorabsenkung. In der Konsequenz wäre auch die Anliegerbebauung an den Seeufern zwar nicht vor Hochwasser geschützt, aber ein Stück weit weniger betroffen gewesen.

Aus für Hochwasserausgleich: Schlechter Boden weiterer Grund

Seit dem Raumordnungsverfahren 2006 sei das Projekt in mehreren Planungsschritten mit intensiver Beteiligung der Anliegergemeinden weiterentwickelt worden. Der letzte Planungsstand sah vor, eine sogenannte Druckleitung unter der Mangfall zu verlegen und das Schuhmacherwehr in Gmund umzubauen. Weitere hydrologische und hydraulische Berechnungen ergaben jedoch, dass beispielsweise die Hochwasserspitze 2013 bei optimaler Steuerung nur noch um maximal 20 Zentimeter hätte reduziert werden können.

Der über die gesamte Lebensdauer des Bauwerks ermittelte Projektnutzen müsse höher sein als die anfallenden Projektkosten, um als wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme zu gelten. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Projektkosten rund viermal so hoch sind wie der Projektnutzen“, stellte Geisenhofer fest.

Wassertiefen über Bayernatlas

Paul Geisenhofer vom Wasserwirtschaftsamt gab zu, dass viele Anlieger große Hoffnungen in das Projekt gesetzt hatten. Letzten Endes müssen die betroffenen Bürger nun eigenverantwortlich tätig werden. „Wir unterstützen das, indem wir die Gefahren genau beschreiben und beratend zur Seite stehen.“

Durch die Entwicklungen in der IT-Technik sollen künftig auch noch genauere Prognosen möglich sein. Dennoch werden in alpinen Gebieten immer gewisse Grenzen in puncto Vorwarnung bleiben. Die direkten Anlieger von Tegernsee und Mangfall sowie allen weiteren Zu- und Abflüssen können sich über die individuellen Gefahrenzonen online unter www.bayernatlas.de informieren.

So funktioniert es: Sobald das eigene Wohngebiet herangezoomt ist, im Suchfeld Wassertiefen eingeben und zum Beispiel HQ100 auswählen. Gemessen am Wasserstandspegel St. Quirin wären laut WWA bei einem Hochwasser, wie es alle zehn Jahre auftritt (WSP 170), 44 Wohngebäude und 133 Nebengebäude betroffen. Bei einem Hochwasser, wie es alle 100 Jahre auftritt, wären es bereits 109 Wohnhäuser und 250 Nebengebäude. sko

Grund für die enorme Kostensteigerung von ursprünglich 5 auf 14,3 Millionen Euro sei vor allem der außerordentlich schlechte Baugrund im gesamten Bereich vom Seeauslauf bis zum Schuhmacherwehr, wie detailliertere Untersuchungen inzwischen gezeigt haben.

Ein vollwertiger Hochwasserschutz wie an Flüssen sei am Tegernsee nicht möglich, sondern nur eine graduelle Reduzierung der Gefährdung, zum Beispiel durch eigene Vorsorgemaßnahmen der Bürger. Die Wasserwirtschaftsverwaltung werde den Anliegern dabei beratend zur Seite stehen. Der WWA-Leiter riet zudem, eine Elementarschadenversicherung abzuschließen.

Schuhmacherwehr in Gmund muss saniert werden

Alfons Besel, Bürgermeister von Gmund, reagierte während der Videokonferenz erleichtert auf die Entscheidung aus Rosenheim: „Uns werden einige Sorgen genommen.“ Der Eingriff in den sensiblen Bereich am Nordufer wäre massiv gewesen. Mit der rund 600 Meter langen Druckleitung wäre ein Bauwerk in der Dimension von 100 Doppelgaragen in der Mangfall versenkt worden. Die Georisiken der Maßnahme hätten sich negativ auswirken können, vermutete Besel. „Es ist ein verwegener Gedanke, einen Natursee künstlich steuern zu wollen.“

Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn ging mit seinem Gmunder Amtskollegen, bedauerte aber, dass kein neueres Wehr mit größeren Klappen gebaut wird: „Dass nun alles beim Alten bleibt, nehmen wir zur Kenntnis und werden dann sehen.“ Paul Geisenhofer betonte abschließend, dass sich der Betreiber des Schuhmacherwehrs, das über 100 Jahre alt und in Privatbesitz ist, um eine Modernisierung wird kümmern müssen. sko

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