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Holzkirchner Studenten zeigen heimische Landwirtschaft

Studenten der Landwirtschaftsschule Holzkirchen und Schüler des Gymnasiums trafen sich zum Dialog: (v.l.) Schulleiter Rolf Oehler, Lisa Christl, Anna Kaindl, Marinus Eichner, Johann Gams, Georg Bauer, Leonhard Burger, Sabine Buchberger, Alexandra Kriecherbauer und Leonhard Hinterholzer.
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Studenten der Landwirtschaftsschule Holzkirchen und Schüler des Gymnasiums trafen sich zum Dialog: (v.l.) Schulleiter Rolf Oehler, Lisa Christl, Anna Kaindl, Marinus Eichner, Johann Gams, Georg Bauer, Leonhard Burger, Sabine Buchberger, Alexandra Kriecherbauer und Leonhard Hinterholzer.

Holzkirchen – Studenten der Landwirtschaftsschule Holzkirchen haben Gymnasiasten einen Einblick in die heimische Landwirtschaft des Oberlands gegeben.

Studenten der Landwirtschaftsschule Holzkirchen haben sich vor Kurzem mit Schülern des staatlichen Gymnasiums Holzkirchen zum gemeinsamen Dialog getroffen. Ziel war, den Schülern des Gymnasiums, die sich in den Ferien Zeit genommen hatten, einen Einblick in einen landwirtschaftlichen Betrieb zu geben sowie Missverständnisse zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern zu thematisieren.

In seiner Begrüßung hob Rolf Oehler, Behörden- und Schulleiter der Landwirtschaftsschule Holzkirchen, die einzigartige landwirtschaftliche Struktur in der Region hervor. Im bayernweiten Vergleich sei diese durch verhältnismäßig kleine Betriebe gekennzeichnet. Auch nehme die Anbindehaltung in der Milchviehhaltung einen hohen Prozentsatz ein. Durch zunehmenden Druck der Gesellschaft und des Lebensmitteleinzelhandels, der wiederum den Druck auf die Molkereien weitergibt, seien immer mehr Betriebe dazu gezwungen, in größere Laufställe zu investieren. Diese haben bei gleicher Kuhzahl einen dreifachen Platzbedarf im Vergleich zur Anbindehaltung. Aufgrund des zunehmenden Platzmangels innerhalb der Gemeinden und Dörfer sind die Landwirte dazu gezwungen, ihre Wirtschaftsgebäude in den Außenbereich zu verlagern.

Der erste Programmpunkt der Veranstaltung startete mit einer Besichtigung des Betriebs Eichner aus Holzkirchen. Dort werden 46 Milchkühe mit Nachzucht bei einer jährlichen Milchleistung von über 9.000 Kilogramm gehalten und 45 Hektar landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet. Neben dem Hofnachfolger Marinus arbeiten Vater Franz und Mutter Barbara mit.

2004 wurde in einen Laufstall investiert. Auch der technische Fortschritt macht in der Landwirtschaft nicht Halt. Vor wenigen Monaten wurde ein automatisches Melksystem installiert. Dieses spart nicht nur Arbeitszeit, sondern reduziert den Energieverbrauch enorm. Da es für die Familie Eichner zu riskant wäre, nur auf ein Standbein zu setzen, entschloss sie sich zu diversifizieren.

Erst vor Kurzem wurde ein Nebengebäude fertiggestellt, in dem ein Raum errichtet wurde, der Platz für private Feiern oder Firmenveranstaltungen bietet. Auch die Direktvermarktung spielt bei Familie Eichner eine wichtige Rolle. Es befinden sich eine Milchtankstelle sowie ein Warenautomat im Bau, bei dem eigens hergestellte Produkte wie Fleisch und Käse gekauft werden können. Auf diese Weise versucht sich die Familie vor Preisschwankungen abzusichern und ihr unternehmerisches Risiko auf mehrere Standbeine zu verteilen.

Marinus Eichner – selbst Student im zweiten Semester an der Landwirtschaftsschule – führte die Gymnasiasten über seinen elterlichen Betrieb und gab einen Einblick in die landwirtschaftliche Produktion.

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Danach stellten sich die Studenten der Landwirtschaftsschule weiteren Fragen der Gymnasiasten. Thematisiert wurde zum einen die noch immer andauernde Corona-Krise. Die Landwirte und Molkereien haben unter anderem mit einem geringeren Milch­absatz zu kämpfen, der sich auf einen geringeren Milchpreis niederschlägt, da beispielsweise Gastronomie und Hotellerie enorme Einbußen haben. Zum anderen beklagten die Studenten die Problematik im Umgang mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Man sei den Supermärkten förmlich ausgeliefert und müsse die Preise hinnehmen, die die großen Supermarktketten bestimmen.

„Die anstrengende Arbeit wird von uns gerne gemacht, doch man bekommt regelmäßig eine Watschn vom Handel“, sagte Sabine Buchberger, Studentin im zweiten Semester. Rolf Oehler appellierte dabei direkt an die Verbraucher. Durch den Kauf von mehr regionalen Produkten könne jeder Einzelne dafür Sorge tragen, die Landwirtschaft in der Heimat zu unterstützen. „Der Dialog muss mehr werden“, sagte Leonhard Hinterholzer, Semestersprecher. Die Vernetzung zwischen Landwirtschaft und Verbraucher müsse gesteigert werden. Weiter werde in den Schulen noch zu wenig über die heimische Landwirtschaft gelehrt. Ebenso dürfen die Landwirtschaft im Hinblick auf Skandale nicht verallgemeinert und alle Landwirte über einen Kamm geschert werden. Die Schüler bemängelten, dass man wenig über die Landwirtschaft gelehrt bekomme. „Man bekommt nichts mit, nur was im Fernsehen läuft“, sagte Schülerin Alexandra Kriecherbauer.

In Bezug auf immer größer werdende Ställe stellten die Studenten klar, dass diese nicht automatisch schlechtere Lebensbedingungen für die Tiere bedeuten. Sie richteten ihren Appell an die Verbraucher, sich mehr mit der heimischen Landwirtschaft auseinanderzusetzen. Weiter wurde das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ diskutiert. Die Studenten fühlen sich dabei an den Pranger gestellt, da nicht ausschließlich die Landwirtschaft am Artensterben schuld sei.

Ebenso wurde die biologische Landwirtschaft thematisiert und dabei verdeutlicht, dass sich der Absatz und damit die Verbrauchernachfrage an biologischen Lebensmitteln stark erhöhen müsse. Das Ziel bis 2030, einen Anteil der biologischen Landwirtschaft von 30 Prozent zu erreichen, ist nur realisierbar, wenn auch die Verbraucher mehr Bioprodukte kaufen. Johann Gams, Student und selbst Biolandwirt, stellte dabei klar, dass Bio allein nicht die Welt rette. „Die konventionelle Wirtschaftsweise ist mit einem gesunden Maß und Ziel nicht schlechter als Biologische“, sagte er.

Des Weiteren wurden die Themen EU-Förderung und Subventionen angesprochen. Jeder landwirtschaftliche Betrieb kann staatliche Gelder beantragen und muss sich im Gegenzug an gewisse Auflagen halten. Die Studenten verdeutlichten, dass alle Betriebe in der gesamten EU vergleichbare Direktzahlungen und dieselben Subventionen erhalten, es aber deutliche Unterschiede bei den Auflagen gebe. So haben die Betriebe in Deutschland mit den höchsten Auflagen zu kämpfen.

„Am liebsten wäre es uns, wenn wir keine Subventionen bräuchten, aber aufgrund der niedrigen Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte wie beispielsweise Milch oder Fleisch ist das nicht möglich“, sagte Student Leonhard Burger. Immer strengere Auflagen belasten die Betriebe. „Die Landwirte können nicht über 100 Seiten Verordnungen lesen“, stellte Rolf Oehler klar.

Deshalb sei es wichtig, diese Themen in die Lehre der Winterschule einfließen zu lassen oder bei Veranstaltungen den Landwirten vor Ort näher zu bringen. Weiter sei es wichtig, nicht nur die landwirtschaftliche Produktion im Unterricht zu vermitteln. Es komme immer mehr darauf an, in den Dialog mit der Gesellschaft und den Verbrauchern zu treten, dort seine Meinung zu vertreten und Stellung zu nehmen.

Die neu gesammelten Eindrücke lassen die Gymnasiasten nun in ihr Seminar „Geografische Exkursionen“ einfließen. Dabei soll ein Konzept ausgearbeitet werden, mit Hilfe dessen künftige Betriebsbesichtigungen des Gymnasiums geplant werden können. Geplant sei, dieses Konzept im Herbst umzusetzen und weitere Betriebsbesichtigungen zu veranstalten, um so die heimische Landwirtschaft den Gymnasiasten der jüngeren Jahrgangsstufe näher zu bringen. ksl

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