„Ich glaube an einen Lebensplan“

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ASSJA TERSEGLAV, Holzkirchen – Es gibt Ereignisse im Leben, die kann man sich nicht erklären. Dennoch berühren sie uns zutiefst. So tauchte nach dem Tod ihrer noch nicht einmal zweijährigen Tochter immer wieder ein gelblicher Schmetterling in der Umgebung von Petra Killinger und ihrem Mann Thomas auf. Die Situationen waren stets unterschiedlich, doch immer mit Freya verbunden. „Für uns ist dieser Schmetterling zum Botschafter geworden“, sagt Petra Killinger heute. Ihre Tochter starb im August vor zehn Jahren bei einem tragischen Unfall. Seither haben die Killingers tiefe Trauer erlebt und dennoch neues Glück gefunden. Ihre Erfahrungen teilt die 50-Jährige inzwischen mit anderen Menschen, die ebenfalls einen Verlust erlitten haben. Sie hat ein Buch geschrieben – ein zweites ist in der Pipeline, betreibt ein Internetforum und engagiert sich ehrenamtlich im Bundesverband verwaister Eltern. Petra Killinger ist von der Trauernden zur Trösterin geworden. „Meine Tochter hat mir mit ihrem kurzen Leben den Sinn meines Lebens gezeigt.“ Freya war ein fröhliches Kind und neugierig. An jenem traurigen Augusttag lief das kleine Mädchen einem Kätzchen hinterher, leider war die Gartentüre nicht verschlossen. Freya folgte dem Kätzchen auf die Bahngleise, just in dem Moment kam der Zug. Petra Killinger: „Dann war es still, totenstill.“ Schlimme Zeiten beginnen für sie und ihren Mann Thomas. Heute sagt sie: „Wir können nicht beurteilen, wann ein Leben kurz oder lang ist.“ Doch damals drohten sie an ihrem Schmerz zu zerbrechen. Die Frage nach dem Warum quälte auch sie. Mit den Einsatzkräften kam an jenem Tag im August auch Dekan Walter Waldschütz zu den Killingers. „Er blieb für lange Zeit an unserer Seite.“ Um dem Paar zu helfen, habe er ihnen immer wieder Bilder an die Hand gegeben. „Die haben im ersten Moment nicht gewirkt, aber sie sind in uns geblieben“, erinnert sich Petra Killinger. So sagte er unter anderem: „Ein kleine Kerze spendet ihr Licht nur kurz, aber in zauberhafter Weise.“ An diesen Bildern haben sich Petra und Thomas Killinger festgehalten. Sie haben gelernt mit ihrer Trauer umzugehen und mit Freyas Verlust zu leben. „Wir haben daran gedacht, unser Haus nach dem Unfall zu verlassen“, schildert die Holzkirchnerin. Doch sie sind geblieben, denn sie haben hier eine Heimat gefunden. Und „wir brauchen die Nähe zum Grab“, um ihre Tochter an einem realen Ort besuchen zu können. Petra Killinger hat ein Bild vom Himmel. „Entweder man glaubt daran oder man verzweifelt.“ Sie und ihr Mann haben sich dafür entschieden zu glauben. „Ich spreche immer noch mit Freya“, sagt Killinger. Das sind ihre Himmelsgespräche. „Natürlich sind wir immer ein Stück weit traurig und in vielen Momenten fehlt sie uns, aber ich glaube an ein Wiedersehen im Himmel.“ Und auch die Bilder begleiten die 50-Jährige weiter. „Symbolik ist ganz wichtig“, erklärt sie. „So fühl ich mich aufgehoben und geborgen.“ Petra Killinger hat angefangen ihre Erfahrungen weiterzugeben. Sie hat das Buch „Schmetterlingsflüstern“ veröffentlicht und betreibt ein Internetforum, in dem sich verwaiste Eltern austauschen können. Durch den wohl schlimmsten Moment im Leben einer Mutter scheint Petra Killinger ihre Lebensaufgabe gefunden zu haben. Dennoch dreht sich im Leben der 50-Jährigen nicht alles um Trauer und Verlust. Sehr viel hat auch mit Freude zu tun und mit neu gefundenem Glück. Seit gut zweieinhalb Jahren lebt wieder ein Kinder unter dem Dach der Killingers: Vedika. „Der Wunsch nach einem weiteren Kind kam langsam“, erklärt die 50-Jährige. „Aber er ließ sich nicht so realisieren.“ Daraufhin hat sich das Ehepaar um die Adoption eines Kindes aus Indien bemüht. „Wir haben uns ein Mädchen gewünscht, das nicht älter als zwei sein sollte,“ so Petra Killinger. In diesem Alter, so dachte sich das Paar, sei es noch leichter für die Kleinen, sich zu integrieren. „Aber dann kam alles anderes.“ Sie schauten sich verschiedene Vermittlungsagenturen an, die ihnen auf ihrem Weg zu einem zweiten Kind helfen sollten. Doch die Killingers fühlten sich hier nicht gut aufgehoben. Sie beschlossen den direkten Weg zu gehen. „Wenn man das über die Regierung macht, muss man viel selbst leisten“, schildert Petra Killinger. Die Suche nach einem Kind liegt vollkommen in der Hand der adoptionswilligen Eltern. Zunächst landeten die Killingers in einem Waisenheim, das, wie sich herausstellte, Handel mit den Kindern betreibt. Schließlich halfen Freunde aus Mumbai. Sie brachten Petra und Thomas Killinger in ein Mädchenheim in der indischen Metropole. „Dieses Heim gibt kein Mädchen ab, das jünger als dreieinhalb Jahre ist“, so Petra Killinger. Damit wollen die Betreiber den leiblichen Müttern die Chance geben, die Mädchen wieder zurückzuholen. Als die Killingers Vedikas Akte bekamen, „hat uns das sehr berührt“. Das Mädchen war mit vier Tagen in dem Heim abgegeben worden. Eigentlich wollte ihre Mutter sie wieder abholen, doch sie kam nicht mehr zurück. Es hat eineinhalb Jahre gedauert bis die Killingers Vedika zu sich holen konnten. „Das ist für Indien schnell.“ Seither ist das Leben des Paares aus Holzkirchen wieder erfüllt mit Kinderlachen und mit der Liebe zu einem neuen Kind. „In dem Moment, wo wir das Heim verlassen haben, hat Vedika die Arme um ihren Vater geschlungen, hat ihn geküsst und dann war sie angekommen“, erinnert sich ihre Adoptivmutter. Zunächst haben die Killingers das damals fünfjährige Mädchen mit ihrem neuen Zuhause vertraut gemacht. „Vedika musste eine ganze Welt begreifen.“ In ihrem bisherigen Leben hatte es nicht viel Platz gegeben für Dinge wie Zuwendung oder einfachste kindliche Freuden. Doch Vedika hat schnell gelernt. Auch zu ihrer kleinen Schwester Freya hat die inzwischen Siebenjährige eine innige Beziehung. „Wir waren mit Vedika auf dem Friedhof“, erinnert sich Petra Killinger, „und nach nur einer Woche bei uns hat sie das Grab nach indischer Tradition gesegnet.“ Vedika sollte nicht Freyas Platz einnehmen, sondern ihren ganz eigenen in der Familie finden. „Ich glaube an einen Lebensplan“, sagt Petra Killinger, „wenn eine Seele zu uns findet, dann soll es so sein“.

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