Keine Gnade im Wald?

Direkt an der Hauptstraße in Kreuth positionierten sich Mitglieder der Jagdagenda 21 und Sympathisanten mit aussagekräftigen Schildern, um für „Wald mit Wild“ zu protestieren. Foto: Thanner

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FRIDOLIN THANNER, Kreuth/Landkreis – „Jetzt reicht’s!“ Da sind sich die knapp 20 Männer und Frauen einig, die sich am vergangenen Dienstag gut sichtbar an der Hauptstraße in Kreuth positioniert haben. Mit dabei hatten sie Schilder – und grauenvolle Bilder. Darauf waren verhungertes Wild, ein im Schnee liegender Wildfötus und ein von Menschen aufgezogenes Rehkitz, das angeschossen aufgefunden worden war, zu sehen. Nicht weniger drastisch waren die Sprüche. Auf den anderen Schildern war zu lesen: „Oh Bayernland, bist du so arm, dass in deinen schönen Ecken Hirsch, Reh und Gams verhungern und verrecken?“, „Wildquälerei durch Försterhand eine Schand fürs Bayernland“ und „Stoppt die grausame Wildvernichtung in Bayern“. Der Aufruf richtete sich sicherlich auch an die Politik. Und dass einige Vertreter die Demonstranten und ihre Tafeln zumindest im Vorbeifahren sahen, davon ist auszugehen. Denn in Wildbad Kreuth hielt die CSU Landtagsfraktion diese Woche ihre Klausurtagung ab. „Ich bin heute nicht als Jäger hier, sondern als bayerischer Staatsbürger“, sagte Ernst Fink aus Weismain im Landkreis Lichtenfels (Oberfranken). Die gut 300 Kilometer nach Kreuth fuhr er gerne. Er kann „den Umgang der Bayerischen Staatsforsten mit unserem Wild nicht mehr mit ansehen, ohne etwas zu tun“. Und da ist er nicht allein. Viele, die so denken wie er, haben sich im Verein „Jagdagenda 21“ zusammengeschlossen. Dem gehören die meisten der Demonstranten in Kreuth an. „Wald mit Wild“ statt „Wald vor Wild“ fordern sie. Letzteres ist der Leitsatz der Bayerischen Staatsforsten, sie preisen den Grundsatz auf ihrer Internetseite als „vorbildlich“ – und er werde „konsequent umgesetzt“. Dass dabei in der Praxis jegliches Maß und Ziel fehlt, das steht für Fink, er ist auch Sprecher der Jagdagenda, außer Zweifel: „Das wird auf forstlicher Seite so interpretiert, dass man widerkäuendes Schalenwild gnadenlos wegschießt, eine biologisch sinnvolle Bejagung findet aus unserer Sicht in den Bayerischen Staatsforsten nicht mehr statt.“ Konkret wird auch Thomas Bär, Schatzmeister der Jagdagenda: „In den Bergregionen liegen jetzt teilweise eineinhalb Meter Schnee, eine Fütterung nach der anderen wird eingestellt, aber gejagt wird trotzdem.“ Bär, gleichzeitig Zweiter Vorsitzender der Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen im Landesjagdverband Bayern, prangert auch die so genannte Kirrjagd an. Dabei wird Wild mit Futter angelockt. Der Nebeneffekt: Das Wild bewegt sich dorthin und bleibt, wo es immer wieder Futter vorfindet. „Und dann wird plötzlich nichts mehr hingeschmissen“, erklärt Bär. Die Folge: Um nicht zu verhungern, fressen die Tiere, was sie erwischen, also junge Bäume in der Umgebung. Und genau darin sehen die Vertreter der Jagdagenda ein System. Die Staatsforsten würden Wild in Bereiche locken, wo sie es haben wollen, damit dort Verbissschäden auftreten. Diese fließen in das Vegetationsgutachten, auf dessen Grundlage wiederum die Abschusszahlen festgelegt werden. So würden diese künstlich hoch gehalten. Dass die Bayerischen Staatsforsten zu viele Tiere töten, dem widerspricht Philipp Bahnmüller. „Die Abschusszahlen waren in den vergangenen Jahren konstant“, sagte der Sprecher der Bayerischen Staatsforsten in Regensburg auf Nachfrage. Das zeige, dass auch die Zahl der Tiere konstant sei. Er verweist zudem auf die gesetzliche Verpflichtung, die Abschusszahlen zu erfüllen. „Wir wollen eine Wilddichte, die eine möglichst naturnahe Waldbewirtschaftung ermöglicht“, erklärte er. Das bedeute, dass „auch Jungbäume die Chance haben müssen, aufzuwachsen“. Der Vorwurf, Wild ausrotten zu wollen entbehre jeder Grundlage, „auch wir wollen Wild in den Wäldern haben“, betonte Bahnmüller. Und dass es genügend Hirsche, Rehe und Co. gibt, beweise eine weitere Statistik: der Verbiss nimmt sogar leicht zu. In den Regionen, wo die Schäden hoch bis sehr hoch sind und die Jäger bislang trotz aller Versuche keine Chance hatten, ihre Abschusspläne zu erfüllen – Bahnmüller spricht von etwa zehn Prozent der Staatswaldreviere – sei eine Jagdzeitverlängerung bis Ende des Monats beantragt worden. Um der jagdrechtlichen Verpflichtung nachzukommen. Bis zum Jahr 2000 – und noch heute in allen Bundesländern außer Bayern und Thüringen – durften Rehe und Rehkitze ohnehin bis 31. Januar geschossen werden, nun ist der 15. Januar Stichtag. Jetzt noch zu jagen, das halten die Demonstranten in Kreuth für völlig unsinnig. „Das Wild braucht Ruhe, der Stoffwechsel ist heruntergefahren“, erklärt ein Tiroler Jäger. „Wenn jetzt gejagt wird, erhöht sich wieder der Energiebedarf, also müssen die Tiere fressen und schon steigt wieder der Verbiss“, schimpfte er. Bei ihm zuhause, in Tirol, sei die Schonzeit viel länger, sie beginnt bereits am 1. Januar und dauert bis 31. Mai, eineinhalb Monate länger als in Bayern. „Wald mit Wild“ müsse der Leitsatz sein. „Dabei darf der Wald ruhig an erster Stelle stehen“, sagte der Tiroler. Für ihn ist klar: „Es muss ein Vegetationsgutachten her, das Positives aussagt“, der Verbiss allein in Prozent sei „vollkommener Humbug“. Im Landkreis Miesbach scheinen sich die Verbissschäden in Grenzen zu halten. „Nichts Flächendeckendes“, teilte das Landratsamt mit. Deshalb wurden alle bislang eingegangenen Anträge auf Jagdzeitverlängerung abgelehnt.

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