Fahrt mit Hindernissen

Kritik am neuen Lint: Eine betroffene Familie über das Zugfahren mit Rollstuhl

Schliersee: Test mit Rollstuhl im neuen BOB-Zug
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Bis Chris mit ihrem 1,50 Meter langen und gut 50 Kilo schweren Rollstuhl im Abteil der BRB platziert ist, muss die Begleitperson ziemlich rangieren. Früher ging das einfacher, erzählt ihre Mutter.

Landkreis – Seit die neuen Lint-Züge bei der BRB eingeführt wurden, stehen die neuen Modelle in der Kritik. Eine betroffene Familie aus Schliersee berichtet.

Menschen mit Behinderung möchten in der Regel selbstständig und möglichst wenig auf fremde Hilfe angewiesen sein. Das schließt häufig auch die Begleitpersonen mit ein. Um so mehr frustriert es eine betroffene Familie aus Schliersee-Neuhaus, dass die neuen BRB-Züge ihr in Sachen Barrierefreiheit keine Verbesserung gebracht haben. Im Gegenteil. Wir haben Chris und ihre Mutter, die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen, kürzlich nach München begleitet, um die Zugfahrt mit Rollstuhl zu beobachten.

Zwei- bis dreimal im Monat sei die Familie früher nach München gefahren, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ins Kino zu gehen oder ein Museum zu besuchen. Seit Corona natürlich seltener. „Aber wer rastet, der rostet“, sagt Chris‘ Mutter, die ihre von Geburt an beeinträchtigte Tochter (40) an den Wochenenden selbst betreut und auch für sie spricht.

Früher war es noch leichter und hat richtig Spaß gemacht mit der BOB zu fahren, erzählt die 60-Jährige weiter. Mit den neuen Zügen der BRB habe sich das geändert. „Wir sind nicht mehr so unabhängig wie früher, sondern immer auf die Hilfe des Zugpersonals angewiesen und müssen auch gleich angeben, wo wir wieder aussteigen. Das Behindert-Sein wird einem dadurch noch bewusster gemacht.“ Voll des Lobes ist die Mutter hingegen für das Zugpersonal selbst, das ausnehmend nett, zuvorkommend und hilfsbereit sei, wie sie sagt.

Auch an diesem Samstagvormittag ist die zuständige Zugbegleiterin ausgesprochen nett. Als Chris und ihre Mutter in Fischhausen-Neuhaus in die BRB einsteigen möchten, ist sie allerdings noch nicht an Bord. Also muss eigens der Zugführer aussteigen, zum Rollstuhlabteil laufen und die Rampe bedienen. „Das kostet Zeit“, weiß die Mutter. Zeit, die manchmal auch zu Verspätungen führt, was andere Passiere verständlicherweise verärgere. „Können Sie nicht wann anders fahren? Sie haben doch Zeit!“ ist nur ein Kommentar, den die Familie schon zu hören bekommen habe.

Ein großer Unterschied zu früher sei, dass die Rampe für den Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon nicht mehr frei zugänglich, sondern neben der Zugtür zum Rollstuhlabteil eingesperrt ist. Chris‘ Mutter kann sich somit nicht mehr selbst helfen. Zudem sei das Rollstuhlabteil der BOB mit der alten Rampe fast ebenerdig befahrbar gewesen. In den neuen Zügen ist nach dem Zustieg über die mobile Rampe und einer fast 90-Grad-Drehung mit dem Rolli im Einstiegsbereich zwischen zwei Trennscheiben hindurch noch eine weitere, fest installierte Rampe zu bewältigen – das BRB-Rollstuhlabteil liegt wiederum eine Stufe tiefer. Diese Rampe ist zwar kurz, aber steil, findet die Mutter und muss erneut Kraft aufwenden, damit ihr Chris samt Rollstuhl nicht auskommt. „Jetzt schaffe ich das alles noch, aber ich werde auch nicht jünger.“

Sobald Chris schließlich am eigentlichen Rolli-Platz platziert ist, offenbart sich ein weiteres Manko: Sie sitzt genau vor der Bord-Toilette der BRB, deren fast halbrunde automatische Tür sich nun direkt zu den Plätzen im Rollstuhlbereich hin öffnet – nicht zum Gang hin, wie noch in den Zügen der BOB. Unangenehm sei darüber hinaus, dass sich manchmal Passagiere, die gerade aus dem WC treten, am Rollstuhl oder sogar an der Person im Rollstuhl abstützen, weil der Zug im selben Moment bremst oder ruckelt. „Das geht gar nicht“, sagt Chris‘ Mutter und resümiert: „Für uns ist die neue Situation eine elementare Verschlechterung.“

Bei der Einfahrt in den Münchner Hauptbahnhof steht die Zugbegleiterin schon parat und sperrt umgehend den Schrank mit der Rampe auf, muss aber erst die am Gleis wartenden Fahrgäste zur Geduld auffordern, bis sie die Rampe ausgeklappt hat und Chris‘ Mutter ihre Tochter mit Schwung endlich auf den Bahnsteig schieben und zu ihrem heutigen Ausflugsziel weiterreisen kann.

„Wir müssen halt alle ein bisserl mehr zusammen helfen“, soll die nette Zugbegleiterin noch zu Chris und ihrer Mutter gesagt haben. An der Ausgangslage in den neuen Lint-Zügen wird sich in absehbarer Zeit nicht viel ändern, wie BRB-Geschäftsführer Fabian Amini im Oktober bei einem Runden Tisch zum Thema in Holzkirchen erklärte. Es bleibt also wohl alles eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts – nicht zuletzt in diesen Zeiten. sko

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