Offener Brief

Mit diesem Hilferuf wenden sich Kulturschaffende aus dem Landkreis Miesbach an Markus Söder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder findet deutliche Worte an alle Lockdown-Kritiker.
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Kulturschaffende aus dem Landkreis Miesbach haben sich in einem offenen Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder gewandt. Sie fühlen sich im Regen stehen gelassen.

Warngau – Der Verein Kulturvision wendet sich in einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder und fordert ein Umdenken bei den Corona-Maßnahmen.

Die Kultur ist der Corona-Krise zum Opfer gefallen. Veranstalter mussten ihre Häuser schließen, Kulturschaffende haben keine Auftrittsmöglichkeiten. Ein herber Schlag für die gesamte Szene. Deshalb hat der Verein Kulturvision nach einem Gespräch mit Landrat Olaf von Löwis einen offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder veröffentlicht mit der Bitte, ein Zeichen für die Kultur zu setzen. Eine konkrete Idee ist die Initiative „Kultur und Kirche“.

In dem offenen Brief geht es nicht nur um materielle Unterstützung, sondern vor allem um Wertschätzung. „Wir teilen die Sorge, dass die Pandemie außer Kontrolle gerät, wenn wir jetzt nicht alle konsequent auf Rücksicht, Vorsicht und Achtsamkeit setzen“, heißt es in dem Schreiben. „Damit Maßnahmen Erfolg zeigen, müssen sie von möglichst vielen Menschen mitgetragen werden.“ Warum aber gibt es so viele Gegenstimmen gerade auch aus dem Kulturbereich? Die Antwort ist in der Ungleichbehandlung zu sehen. In dem offenen Brief werden mehrere Widersprüche zur Corona-Pandemie genannt:

  • Kein Abstand in Zügen und Flugzeugen, aber leere Theatersäle;
  • Gaststätten, in denen alle Maßnahmen funktionieren, und andere, wo es halt aufgrund objektiver Gegebenheiten nicht klappt;
  • Veranstaltungen, bei denen Risiken minimiert werden können, und andere, bei denen es nicht so gut geht;
  • Kultur wird als Freizeitbereich deklariert, aber Freizeit ist es nur für Zuschauer und -hörer, nicht für die Akteure;
  • Volkshochschulen bieten Kurse an, Schulen für Bewegung und Gesundheit wie Ballett sind geschlossen;
  • Bildung ist nicht nur Wissensvermittlung – dazu gehören auch Kultur und Bewegung. Kultur trägt maßgebend zur Resilienz der Menschen in Krisenzeiten bei.

„Die Beispiele, die die Menschen täglich sehen und als ungleich erleben, lassen sich fortsetzen“, erklären die Absender. „Mehr Akzeptanz gäbe es also, wenn wir lokale Verantwortlichkeiten zulassen würden. Wenn dort jeweils geprüft wird, ob bestimmte Kultureinrichtungen oder -veranstaltungen aufgrund ihrer konkreten Bedingungen und Hygienekonzepte aus dem Verbot herausgenommen werden können.“ Dies verstärke auch die Bereitschaft, sich kreativ an Vorsichtsmaßnahmen zu beteiligen, lautet der Appell. Unterzeichnet ist das Schreiben vom Vorstand des Vereins Kulturvision sowie Ingrid Huber, Geschäftsführerin des Kultur im Oberbräu Holzkirchen, und Isabella Krobisch, Leiterin des Waitzinger Kellers in Miesbach.

„Darüber hinaus aber war es uns wichtig, eine konkrete Idee in der Region zur Unterstützung der Kulturschaffenden weiterzuverbreiten“, erklärt der Verein. Andrea Wehrmann, Kantorin der evangelischen Apostelkirche in Miesbach, hat von Mai bis September jeden Sonntag professionelle Musiker in die Gottesdienste, aber auch zu Konzerten eingeladen. Der Regionalbischof Christian Kopp unterstützt diese Initiative, die auch bei Vertretern der katholischen Kirche offene Ohren findet. „Wir setzen uns für Kulturschaffende ein und wir setzen Kulturschaffende ein“, sagt er. „Mehrere Kirchengemeinden haben dazu auch Spendenaktionen gestartet, die sehr gut laufen. Ich unterstütze diese Idee nach Kräften.“

Kirchen sind aktuell die einzigen Räume, die für Publikum offen sind. Nachdem die Lage der Künstler weiterhin schwierig bleibt, hat Andrea Wehrmann beschlossen, noch einen Schritt weiter zu gehen: Von Januar bis Juni 2021 gibt es einmal im Monat – meistens an einem Samstag, um 19 Uhr – einen Kammermusikabend. Der Kirchenmusikverein hat bereits zugesagt, die Honorare der Künstler mitzufinanzieren. Aber auch das Publikum wird um Solidarität mit den Musikern gebeten, deren Gage normalerweise mit dem kleinen Kirchenmusikbudget nicht bezahlbar wäre.

Darüber hinaus wurde Kontakt zur katholischen Kirche gesucht, unter anderem bei Kirchenmusiker Michael Hamberger in Miesbach. Auch Matthias Hefter von der St. Josefskirche in Holzkirchen ist von der Idee angetan. Immerhin hat er gemeinsam mit Pfarrer Gottfried Doll die Konzertreihe „St. Josef mit Leben erfüllen“ ins Leben gerufen. „Kirchen spielen derzeit eine Sonderrolle“, sagt Andrea Wehrmann und ruft deshalb auf: „Als Kirche können wir jetzt Vorbildfunktion übernehmen und uns für die Kulturschaffenden einsetzen.“ ksl

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