Landkreis am Limit

Eklat im Miesbacher Kreistag: Preysing übt deftige Kritik an Touristikern

Gelbe Schilder wie diese weisen im Landkreis Miesbach Wanderern den Weg. Dass immer mehr und auch in entlegenen Ecken unterwegs sind, sorgt zunehmend für Ärger.
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Gelbe Schilder wie diese weisen im Landkreis Miesbach Wanderern den Weg. Dass immer mehr und auch in entlegenen Ecken unterwegs sind, sorgt zunehmend für Ärger.

Landkreis – Die Aktion „Griabige Platzerl“ der ATS hat jüngst im Kreistag für heftige Diskussionen gesorgt. Nun wendet sich Miesbachs Landrat Olaf von Löwis in einem offenen Brief an die Kritiker.

Ist es die Corona-Pandemie? Oder sind es die Menschenmassen, die in den Landkreis drängen und die damit verbundenen Staus? Vielleicht beides. Ziemlich sicher scheint, dass bei vielen Menschen die Nerven blank liegen und Emotionen hochkochen, wie Landrat Olaf von Löwis nun in einer E-Mail schrieb. Anlass war eine sehr emotionale Diskussion in der Kreistagssitzung, wie sie der Landrat euphemistisch bezeichnete.

Der Tagesordnungspunkt versprach an sich wenig Aufregung: Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS) und Standortmarketing-Gesellschaft SMG, zwei Tochterunternehmen des Landkreises, sollten über ihre Kooperation einen Sachstandsbericht abgeben. ATS-Vorstand Harald Gmeiner und SMG-Geschäftsführer Alexander Schmid berichteten bei der Sitzung im Seeforum in Rottach-Egern über Schnittmengen ihrer Tätigkeiten und gemeinsame Projekte.

Mit der Harmonie war es allerdings schnell vorbei, als aus dem Gremium touristische Werbemaßnahmen und der Freizeitdruck angesprochen wurden. Das Thema mündete in einem Tiefpunkt, wie von Löwis bemerkte.

Die „griabigen Platzerl“, eine Aktion der ATS, ärgerten Brigitta Regauer. Die CSU-Kreisrätin berichtete von einer Wiese, auf der sich nun regelmäßig Ausflügler für ein Picknick niederlassen. Das früher wenig frequentierte und somit griabige Platzerl wird nun im Aktionsflyer der ATS mit 24 weiteren Ausflugstipps aufgeführt. Dabei handele es sich um eine äußerst wertvolle und für ihren Artenreichtum preisgekrönte Fläche. „Sie gewann bei der Wiesenmeisterschaft“, erklärte Regauer. Und was sie besonders ärgert: Die Grundeigentümer seien nicht gefragt worden. „So funktioniert es nicht“, gab sie Harald Gmeiner mit.

Mit der Aktion, erklärte der ATS-Vorstand, habe die Tourismusorganisation versucht, Besucher zu lenken und so für Entlastung der Hotspots zu sorgen. Dabei wurden nicht unbekannte oder besonders versteckte und wertvolle Ziele ausgewählt, sondern lediglich weniger frequentierte. Und der Wanderweg, den Regauer ansprach, sei als solcher auch markiert.

Die Ausschilderung von Wegen war es dann, die für den Eklat sorgte: Im ehemaligen Gmunder Bürgermeister Georg von Preysing (CSU), um deutliche Worte und derbe Sprüche nicht verlegen, hatte es wohl gebrodelt. „Ihr könnt nicht einfach überall gelbe Schilder aufstellen“, schimpfte er. Als Hauptverantwortlichen nannte er ATS-Geschäftsführer Thorsten Schär. Er sei der Schlimmste, „den solltet ihr als Ersten rausschmeißen“, wetterte Preysing und sorgte für kurze Sprachlosigkeit.

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Wohl in der Hoffnung, die angeheizte Stimmung beruhigen zu können, kommentierte von Löwis die Forderung mit „Sanierungsvorschlag“ – ein Witz, der nicht zündete. Den Rüffel für den Gmunder Ex-Rathauschef gab es vom ehemaligen Bürgermeisterkollegen aus Fischbachau. „Was du machst, ist unterste Kante“, sagte Josef Lechner (CSU). Wie er betonte, sei in Fischbachau jedes Schild mit der Gemeinde abgesprochen worden. „Wenn du das bei dir nicht mitbekommen hast, dann hast du nicht richtig aufgepasst“, sagte er zu Preysing.

„Jedes einzelne Schild ist abgeklärt“, wies Harald Gmeiner jede Anschuldigung zurück und verteidigte sein Team. Am Ende sah auch von Preysing ein, deutlich zu weit gegangen zu sein und entschuldigte sich für den persönlichen Angriff. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er mit der Praxis, auch noch so kleine Wege auszuschildern aber nicht einverstanden sei.

Wie von Löwis in seiner Mitteilung erklärte, hat sich inzwischen herausgestellt, „dass es sich bei dem genannten Mitarbeiter um eine Verwechslung handelte“. Der Landrat erachtet es aber ohnehin als nicht sinnvoll, das Thema Freizeit­lenkung an einzelnen Personen aufzuhängen und betonte: „Solche Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter.“ Er hofft nun, dass sich jeder lösungsorientiert einbringt, um praktikable Lösungen zu dem komplexen Thema Naturnutzung im Landkreis zu finden.

Der Landrat erklärt: „An unserer Natur hängen Dutzende Interessen und jede davon hat ihre Berechtigung. Unsere Aufgabe ist es, Nutzungskonflikte zu verringern. Ich rufe alle Beteiligten dazu auf, zu einer sachlichen und vor allem konstruktiven Zusammenarbeit zurückzukehren und persönliche Angriffe zu unterlassen.“ Die ATS habe seit Jahren wertvolle Vorarbeiten zur Tourismuslenkung unternommen, darauf möchte von Löwis aufbauen und die landkreis-eigene Expertise nutzen. „Ich stehe als Landrat hinter der Arbeit unserer Tochtergesellschaft und der Arbeit der Mitarbeiter.“

Ihnen hat auch Rottachs Bürgermeister Christian Köck (CSU) am Mittwoch – ganz unaufgeregt – mit auf den Weg gegeben: „Obacht geben, was ihr derzeit an Werbung raushaut.“ Denn der Landkreis sei an seinen Grenzen angelangt, was Ausflügler anbelangt. Er selbst poste mittlerweile keine Fotos mehr, wenn er in der Natur unterwegs sei. Denn er ist sich der vertrackten Lage bewusst. „Wir sind dankbar für jeden, der zu uns kommt, weil wir davon leben“, sagte Köck, „Aber momentan dürfen wir die Situation nicht noch verschärfen.“ ft

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