Feinheiten des Betretungsrechts

BBV-Jurist Wolfgang Raithel: „Rücksicht macht Wege breit“

Beim Gassigehen auf angelegten Wegen bleiben: Hat die Vegetation begonnen, dürfen landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Äcker und Grasland nicht betreten werden.
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Beim Gassigehen auf angelegten Wegen bleiben: Hat die Vegetation begonnen, dürfen landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Äcker und Grasland nicht betreten werden.

Landkreis – „Rücksicht macht Wege breit“, sagt BBV-Jurist Wolfgang Raithel und erklärt im Gespräch, welche Freiheiten, Pflichten und Einschränkungen in der freien Natur gelten.

Das Recht auf Genuss der Naturschönheiten und Erholung in der freien Natur ist fest in der bayerischen Verfassung verankert. Demnach ist es jedermann erlaubt, in der freien Natur zu wandern, zu rasten und Sport zu treiben. Wolfgang Raithel, Referent für öffentliches Recht beim Bayerischen Bauernverband (BBV), klärt rund um Freiheiten, Pflichten und Einschränkungen in der freien Natur auf.

Herr Raithel, wie wird freie Natur definiert?

Zur freien Natur zählen Flächen, die sich im Naturzustand befinden, insbesondere alle landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich und gärtnerisch genutzten Flächen. Es handelt sich meist um Flächen außerhalb bebauter Ortsteile, soweit sie nicht durch bauliche oder sonstige Anlagen verändert sind. Die freie Natur ist der Ort, in der Erholungs- und Freizeitsuchende, Jäger, Sportler sowie Land- und Forstwirte sich oft gemeinsam aufhalten und verschiedenste, zum Teil sich ausschließende Interessen aufeinandertreffen. Diese Begegnungen können zu Missverständnissen führen.

Wo endet freie Natur beziehungsweise welche Pflichten und Einschränkungen gibt es?

Sieben Regeln

Aus Sicht des BBV sind folgende Regeln wichtig beim Spaziergang und Sport in der freien Natur:

  1. Seid achtsam miteinander und der Natur! Jedermann ist verpflichtet, pfleglich mit Natur und Landschaft umzugehen.
  2. Genießt in Ruhe und mit Rücksicht auf andere die Natur und vermeidet unnötigen Lärm! Die freie Natur soll jetzt und in Zukunft ein Ort der Stille und der Erholung bleiben.
  3. Bitte Müll und Unrat immer wieder mit nach Hause nehmen und dort entsorgen!
  4. Bleibt auch mit Hund, Rad und Pferd in der Zeit, wo Pflanzen auf Feldern und Wiesen wachsen, auf befestigten Wegen und Straßen! Niemand hat etwas dagegen, wenn nach der Getreideernte auf dem Stoppelfeld ein Drachen steigen gelassen wird.
  5. Respektiert gesperrte Wege und Straßen. Dies dient der eigenen Sicherheit!
  6. Lasst Hunde auch außerhalb der Ortschaften an der Leine! Gerade in Frühjahr und Frühsommer ist die freie Natur die Kinderstube des heimischen Wildes. Reh, Hase und bodenbrütende Vögel dürfen nicht gestört werden.
  7. Lasst Feldfrüchte auf dem Acker und Äste an den Bäumen!

Die bayerische Verfassung sagt in Artikel 141: „Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, (…) ist jedermann gestattet. Dabei ist jedermann verpflichtet, mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen.“ Jedermann darf deshalb auf Privatwegen in der freien Natur wandern, reiten und radeln oder diese mit Fahrzeugen ohne Motorkraft wie zum Beispiel Schlitten befahren, soweit sich die Wege dafür eignen. Es ist aber möglich, dass es zeitliche und räumliche Beschränkungen des Betretungsrechts durch individuelle Verordnungen der Naturschutzbehörden gibt. Auch in Schutzgebieten wie zum Beispiel Nationalparks, Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten können eigene Regelungen gelten. Grundsätzlich besteht für Hunde in Naturschutz- und Schutzgebieten ein Leinenzwang. Das Betreten der freien Natur erfolgt allgemein auf eigene Gefahr. Das Aufstellen von Wohnwagen, das Zelten oder Übernachten im Freien sind vom Betretungsrecht nicht gedeckt und bedürfen der Zustimmung des Eigentümers. Bebaute Orte und Anlagen sind vom freien Betretungsrecht ausgeschlossen, wie etwa Wohngebäude, Stallungen, Campingplätze, Badeanstalten, Sportplätze, Friedhöfe, Bahnanlagen und Lagerplätze. Klare Einschränkungen gibt es bei land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen, die während der Nutzzeit nur auf vorhandenen Wegen betreten werden dürfen. Die Nutzzeit ist bei Ackerflächen die Zeit zwischen Saat, Bestellung und Ernte, also die Zeit in der erkennbar Pflanzen auf dem Grundstück wachsen. Beim Grünland gilt als Nutzzeit die Zeit des Aufwuchses zwischen März und Oktober. Soweit Wege und Flächen erkennbar gesperrt worden sind, dürfen sie nicht betreten werden. Ist erkennbar, dass der wegebauliche Zustand das Betreten und Wandern nicht ohne große Risiken ermöglicht, dürfen diese ebenfalls nicht betreten werden.

Was raten Sie, wenn Konflikte am Wegesrand zwischen Eigentümern und Nutzern entstehen?

Rücksicht macht Wege breit: Wir appellieren an den gesunden Menschenverstand. Ein freundliches Miteinander sollte in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein. Reden und sich austauschen hilft immer. Missverständnisse lösen sich meistens im Gespräch miteinander. Gehen Sie aufeinander zu und begegnen sich mit Achtung und Respekt. Ein freundlicher Gruß oder ein Lächeln kostet nichts und es kommt sicher zurück. Außerdem geben Landwirte gerne Einblick in ihre Arbeit und informieren jedermann gerne über die örtlichen Gegebenheiten. Wenn Ihnen etwas seltsam oder nicht richtig erscheint, gehen Sie auf die Bäuerin oder den Bauern zu und fragen Sie nach. sko

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