Neue Wege beim Kreisjugendring

Wie die Corona-Krise FSJler im Landkreis Miesbach zum Umdenken zwingt

Die Teilnehmer am FSJ haben erstmals ein Seminar online durchgeführt – die Corona-Krise macht es nötig.
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Die Teilnehmer am FSJ haben erstmals ein Seminar online durchgeführt – die Corona-Krise macht es nötig.

Landkreis – FSJ goes digital: Aufgrund der Corona-Pandemie hat der Kreisjugendring in Miesbach erstmals ein fünftägiges Online-Seminar durchgeführt.

Eigentlich war alles anders geplant: Die Freiwilligen des Kreisjugendrings Miesbach treffen sich an einem idyllischen Örtchen nahe Oberaudorf, direkt am Luegsteinsee, übernachten dort gemeinsam, verpflegen sich selbst, sitzen abends gemeinsam am Lagerfeuer zusammen und arbeiten tagsüber im großen Stuhlkreis, in Kleingruppen und in Zweierteams. Improtheater und Selbsterfahrung standen auf dem Programm. Dann kam Corona.

Schnell war klar: So wird das nicht stattfinden können. Und so wurde improvisiert – jedoch nicht theatral, sondern programmatisch und methodisch. Wie schafft man es, dass ein fünftägiges, eigentlich erlebnispädagogisch ausgerichtetes Seminar im virtuellen Raum nicht völlig ermüdend und nervenaufreibend wird? Schafft man es überhaupt? Die Bedenken und Zweifel an der Möglichkeit und Sinnhaftigkeit, ein FSJ-Seminar ganztags online als Webinar zu gestalten – wobei Webinare in der Regel nicht länger als eineinhalb Stunden sind – waren zunächst groß und auch vonseiten der jungen Freiwilligen waren die Erwartungen nicht vorhanden bis niedrig.

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Eine gute Vorbereitung und eine intensive Recherche im Internet nach interaktiven Tools, Möglichkeiten, ein Jugendhaus virtuell abbilden zu können, und nach geeigneten Referenten ermöglichten jedoch das vor Monaten noch Undenkbare und so kam es glücklicherweise nicht zu einer nur negativen Erfahrung wie erwartet. „Ja, es gab technische Probleme und ja, technischer Support sowie gute Nerven waren vonnöten“, erklärt Christina Spohr, zuständig für Koordination FSJ beim Kreisjugendring. „Einzelne flogen immer wieder aus den Räumen, weil das Internet zu schlecht war, die Kamera wollte nicht mehr filmen und man hörte plötzlich jemanden nicht mehr.“ Insbesondere der Start in die Woche am Montag sei für viele eine technische Geduldsprobe und gleichzeitig ein persönlicher Lernschritt in die immer digitaler werdende Welt gewesen. Es stellte sich immer mehr heraus, dass die Nutzung von Alltagsmedien im routinierten Umgang tatsächlich noch nicht dazu führt, dass man von der Ausstattung und dem Wissen her problemlos an derlei Veranstaltungen teilnehmen kann, die urplötzlich ausschließlich im digitalen Raum stattfinden, lautet das Fazit. „Glücklicherweise hatten alle die Hard- und Software, um an dem Seminar überhaupt teilnehmen zu können – auch das ist keine Selbstverständlichkeit, wie viele Lehrer und Schüler derzeit durch Homeschooling erfahren haben“, erklärt Christina Spohr.

So lag es nahe, dass am Montag erst einmal mit genau diesem Thema begonnen wurde: Was hat diese Zeit mit mir gemacht und was macht sie noch mit mir? Was hat sich in meinem Leben verändert, was habe ich daraus gelernt und was nehme ich aus dieser Zeit für mich mit? Sehr tiefgehend und reflektiert setzten die Freiwilligen sich zunächst alleine und später im Plenum mit den eigenen Erfahrungen in dieser besonderen Zeit auseinander, wobei sehr unterschiedliche Aspekte zu Tage traten und der Tenor bemerkenswerterweise eher positiv klang: Die Zeit des Innehaltens zu Hause bot demnach auch Möglichkeiten, sich selbst neu zu entdecken, es taten sich neue Prioritäten auf und es schuf viel Zeit, die eigene Zukunft zu planen.

In diesem Geiste, das Beste aus der Situation zu ziehen und dem Neuen dadurch eine Chance zu geben, verlief das ganze weitere Seminar. Es war eine unheimlich lehrreiche Zeit und bereits am Dienstag klappte alles wesentlich besser und lief entspannter. Der professionelle Umgang mit den neuen Programmen stellte sich schnell ein und auch eine gewisse technische Fehlerfreundlichkeit wurde schnell erlernt und so wurde inhaltlich vieles geschafft. Die Freiwilligen schufen in den fünf Tagen ihre eigenen filmischen Werke, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Eine Satire-Nachrichtensendung, ein Nachhaltigkeitserklärvideo für Grundschüler, einen Krimi und eine Zeitreise durch den Alltag einer Freiwilligen mit Corona. Alle Filme wurden von der Idee, über das Storyboard bis hin zum Dreh, dem Schnitt und der Filmmusik von den Freiwilligen selbstständig gemeistert und die Ergebnisse können sich dabei wirklich sehen lassen. Begleitet von Mathias Huber, der mit Rat und Tat bei Fragen rund um die technische Umsetzung der Ideen zur Seite stand, und Tom Ditz, der als Schauspieler für die theatralen Inhalte sowie die packende Geschichtenentwicklung gerne um Rat gefragt wurde, erarbeiteten die Freiwilligen sich ihr Wissen Stück für Stück selber. Learning by doing in Bestform.

Mit diesen mannigfaltigen, digitalen, neuen Erfahrungen kehren die Freiwilligen nun an ihre Einsatzstellen zurück und setzen das eine oder andere auch dort mit den Kindern und Jugendlichen um. Ideen sind bereits viele in der Woche entstanden und das nötige Equipment durch die freie Software, die für die Filmprojekte genutzt wurde, steht den Freiwilligen auch dauerhaft zur Verfügung.

„Als pädagogische Begleitung können wir von daher folgendes Fazit ziehen: Wir sind unheimlich dankbar für die Offenheit und Neugier, die unsere Freiwilligen diesem Online-Experiment entgegengebracht haben und freuen uns umso mehr, dass die gemeinsame Zeit so positiv war“, erklärt Christina Spohr. Diese Form der Bildungsangebote stecke im Bereich der Jugendarbeit noch in Kinderschuhen und brauche eine praktische Phase mit viel Ausprobieren und Verwerfen und neu Ausprobieren. Klar sei dabei jedoch geworden, dass auch online – wenn alle technischen Barrieren genommen wurden – ein wirklich produktives und gleichzeitig spaßiges Zusammensein möglich ist. „Wir als Kreisjugendring wollen aus diesem Grund gerne stärker auf die Vernetzung in diesem Bereich setzen und die praktischen Ideen, die nun überall aus dem Boden gestampft werden, für unsere Freiwilligen, aber auch für unsere Vereine und Verbände bündeln und so dazu beitragen, diese Schätze zu heben“, sagt Christina Spohr. Dort liege viel ungenutztes Potenzial brach, wobei immer klar sein dürfte, dass die Technik an sich kein Selbstzweck ist, sondern beim Erreichen eines pädagogischen Ziels hilfreich sein kann. So sei Medienpädagogik selbstverständlich auch ein Teil des Seminars gewesen.

Für den diesjährigen und den nächstjährigen Freiwilligenjahrgang bedeutet diese Zeit weiterhin viel Flexibilität, um nicht zu sagen Ungewissheit, was da kommen wird. Werden die Seminare auch künftig online stattfinden oder wird es eine Mischung aus Präsenzseminaren und Online-Schulungen geben? Wie geht es in den Einsatzstellen weiter? Den Kindergärten, Schulen, Horten und Sportvereinen? „Unsere vier Jugendzentren haben indessen bereits ihre Räume ins virtuelle Netz gestellt, in denen die Jugendlichen sich nun wieder treffen und pädagogischen Rat finden können“, heißt es weiter. „Auch dort ist ein Freiwilliges Soziales Jahr möglich und sicherlich weiterhin spannend.“ Wer sich mit auf die Reise machen möchte zu entdecken, wie das Freiwillige Soziale Jahr sich ab September mit einem neuen Jahrgang entwickeln wird, kann auf der Homepage des Kreisjugendrings nach passenden Stellen suchen und sich allgemein zum FSJ informieren unter www.kjr-miesbach.de. ksl

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