1. dasgelbeblatt-de
  2. Lokales
  3. Miesbach

Millionendefizit im Krankenhaus Agatharied: Das will der neue Vorstand dagegen tun

Erstellt:

Von: Fridolin Thanner

Kommentare

Benjamin Bartholdt
Benjamin Bartholdt (41) ist neuer Vorstand des Krankenhauses Agatharied. © Thanner

Hausham – Mit einem Minus von 12,5 Millionen Euro wurde das Jahr 2021 beim Krankenhaus Agatharied abgeschlossen. Was der neue Vorstand Benjamin Bartholdt dagegen tun will, erklärt er nun.

Mit Benjamin Bartholdt hat das Krankenhaus Agatharied einen neuen Vorstand. Der 41-Jährige hat im Februar 2022 die Nachfolge von Michael Kelbel angetreten – und er hat gleich riesige Aufgaben zu bewältigen. Das Kreiskrankenhaus hat 2021 ein Minus in Höhe von 12,5 Millionen Euro geschrieben, wie Bartholdt jüngst berichtete, als er sich dem Kreistag vorstellte.

Das vor allem aufgrund der Corona-Pandemie so hohe Defizit gilt es nun zu reduzieren. Bis 2024 will Bartholdt das weitgehend geschafft haben. Dafür möchte und muss er an mehreren Stellschrauben drehen. Die Zusammenhänge sind komplex. Themen gibt es viele – und sie bedingen sich teilweise gegenseitig.

12-köpfiges Projektteam analysiert Defizit

„Es gibt nicht die eine oder zwei große Maßnahmen, damit wir das Defizit loswerden“, weiß Bartholdt. Viele kleine Schritte seien nötig. Welche und wie sie umgesetzt werden, daran arbeitet ein zwölfköpfiges Projektteam. Dem gehören neben Bartholdt Chefärzte, Mitglieder der Verwaltung und des Personalrats sowie die Therapieleitung an. „Wir sind noch in der Analysephase“, erklärt Bartholdt. Bei einem Gespräch in seinem Büro hat er eine Vielzahl an Themen erläutert:

Die Corona-Pandemie...

...hat seit rund zwei Jahren den Betrieb und die Wirtschaftlichkeit im Krankenhaus bestimmt. „Die Lage entspannt sich“, sagt Bartholdt. Derzeit muss kein Corona-Patient intensivmedizinisch behandelt werden. Statt zwei wird nur noch eine Station für Corona-Patienten vorgehalten. „Es sind dringend mehr Kapazitäten für andere Patienten nötig“, sagt er. Viele verschobene Operationen sollen nun durchgeführt werden. „Die Nacharbeiten werden sich noch eine ganze Weile hinziehen“, weiß Bartholdt und freut sich, dass nun ein erstes Durchschnaufen möglich ist, sich der Klinikalltag wieder in Richtung Normalität bewegt.

Eine der größten Herausforderungen...

...ist der Fachkräftemangel, der schon vor der Corona-Krise ein Problem war und sich dann nochmal verschärft hat. „Die Anzahl der Pflegekräfte ist entscheidend für die Kapazität“, erklärt Bartholdt. Und: „An der Zahl hängt auch unser medizinisches Konzept.“ Aktuell sind in Agatharied 35 Stellen unbesetzt. Der Geschäftsführer hat Sorge, dass sich die Situation durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht verschärft – trotz der hohen Impfquote von 90 Prozent bei den Mitarbeitern. Hinzu kamen die Ausfälle aufgrund von Covid-Infektionen und Quarantänen. Normal sind Ausfälle von 40 Mitarbeitern am Tag. In den vergangenen Monaten waren es laut Bartholdt gut doppelt so viele, zwischen 80 und 100.

Um dem Pflegemangel zu begegnen,...

...setzt Bartholdt darauf, die Mitarbeiter vor Ort zu binden. Durch attraktive Arbeitsbedingungen, Teamgeist und Zusammenhalt auf den Stationen sollen sich die Beschäftigten wohlfühlen und bleiben. Außerdem wäre Bartholdt glücklich, wenn es gelingen würde, die eigene Ausbildung weiter auszubauen. Die Schule für Krankenpflege und Krankenpflegehilfe vor Ort bietet bereits ein modernes Lernen. Theorie und Praxis sind eng verzahnt. Dennoch wird es weiterhin nötig sein, Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen. „Wir müssen sie integrieren, damit sie sich schnell wohlfühlen und sie dann binden“, gibt Bartholdt als Ziel aus. Er kennt aber auch einen limitierenden Faktor beim Gewinnen von Pflegekräften: den knappen und teuren Wohnraum in der Region.

Um das Defizit zu reduzieren,...

...hofft Bartholdt auch darauf, dass die Klinik gerade bei planbaren Operationen bald ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen kann. „Corona hat das verhindert“, sagt er. Insgesamt seien von den 12,5 Millionen Euro Minus 4 bis 5 Millionen auf Corona zurückzuführen – durch Einschränkungen auf der einen sowie zusätzlichen Aufwand auf der anderen Seite. Gerade in Fachbereichen wie der Kardiologie und Orthopädie sei das Krankenhaus so stark aufgestellt, dass das Ausbaupotenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Generell gelte: „Was wir anbieten, machen wir auf Top-Niveau.“

Die Qualität des Krankenhauses...

...komme in der Bevölkerung an. „Die Patienten schenken uns ein wahnsinniges Vertrauen“, freut sich Bartholdt. „Das Krankenhaus hat sich ein enormes Renommee erarbeitet.“ Die medizinische und pflegerische Qualität zu erhalten, sei oberste Maxime. „Die Zusammenarbeit mit dem Team macht wahnsinnig Spaß“, sagt Bartholdt.

Erwartungen in die Politik:

Der Krankenhauschef hofft, dass sich die Bundespolitik langsam nicht mehr nur auf Corona fokussiert. Vielmehr sollte geschaut werden, wie eine vernünftige Krankenhauslandschaft erhalten werden kann. „Corona hat gezeigt, wie wichtig die Krankenhäuser sind“, sagt er. Zur Finanzierung sollte das System der Fallpauschalen abgeschafft werden. Von den Bundesländern erhofft sich Bartholdt zudem eine auskömmliche Investitionskostenförderung. Ein weiterer großer Wunsch: Bürokratieabbau.

Ausblick:

Das Defizit des Krankenhauses abzubauen, sieht Bartholdt auch als Verpflichtung, dazu beizutragen, dass der Landkreis Miesbach als Träger, der das Minus ausgleichen muss, sich ausgewogen um seine zahlreichen Aufgaben kümmern kann. Bartholdt ist guter Dinge, dass das gelingen kann. Gleichzeitig gehe es darum, dauerhaft so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten und die Bevölkerung medizinisch bestens sowie umfassend zu versorgen. Von der Geburtshilfe bis zur Palliativmedizin werde das Angebot immer reichen. In gewissen Bereichen könnte aber durchaus auf Spezialisierungen verzichtet werden. Denkbar sind dann Kooperationen mit anderen Häusern, wie sie teilweise schon bestehen. „Dann fliegt halt bei Bedarf auch mal ein Spezialist mit dem Heli ein“, sagt Bartholdt. „Aber dass aus der Grundversorgung etwas wegfällt, kann ich mir nicht vorstellen.“

ft

Auch interessant

Kommentare