„Ohne Aussagekraft“

Tierschützer kritisieren Gams-Forschungsprojekt im Karwendel

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Wie steht es um die heimischen Kletterkünstler wirklich?

Rottach-Egern – Wie steht‘s um die Gams? Gut, sagt das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Dem widersprechen Tierschützer. So haben der Landesverband Bayern im Deutschen Tierschutzbund sowie die Tierschutzvereine des Landkreises Garmisch-Partenkirchen und des Tegernseer Tals sogar Beschwerde bei der EU-Kommission gegen das bayerische Gamswildmanagement eingelegt.

In einer mit dem Titel "Forschungsprojekt zeigt: Der Gams geht’s gut“ überschriebenen Pressemitteilung gibt das Staatsministerium einen Einblick in ein seit 2016 laufendes Projekt zum Bestand von Reh, Hirsch und Gams. „In zwei repräsentativen Modellgebieten an der Kampenwand und im Karwendel erheben die Forscher Daten der drei für den bayerischen Alpenraum typischen Wildarten“, heißt es dort. Dies geschehe via GPS-Telemetrie, Fotofallen-Monitoring, Wildzählungen und genetische Analysen. Letztere ermöglichen „Experten zufolge genauere Aussagen etwa über Populationsgröße, Geschlechterverhältnis und räumliche Verteilung der Tiere“, erklärt das Ministerium. Die Daten werden laut Kaniber anschließend mit Informationen zum Jagd­management, zur Verjüngungssituation in den Wäldern und zur Schutzwaldsanierung verknüpft „und Jägern und Förstern als Entscheidungshilfe zur Verfügung gestellt“. Die Ministerin erwartet sich davon „eine Versachlichung der Diskussionen über zu hohe oder zu niedrige Abschuss­zahlen“. Um die Auswirkungen des außergewöhnlich schneereichen Winters erforschen zu lassen, sei das Projekt heuer extra ausgeweitet worden. Ergebnisse dazu erwarten die Experten im kommenden Jahr, das Gesamtvorhaben soll 2022 abgeschlossen sein. Erste Ergebnisse zur Gams deuten aber bereits „auf stabile und vitale Populationen hin“, erklärt das Staatsministerium. „Den Forschern zufolge leben allein im Karwendelgebirge zwischen Vorderriß und Soiernkessel weit mehr als 500 Gämsen.“

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Rottach-Egern – Um die Gämsen für Wanderer noch besser erlebbar zu machen, will Ministerin Michaela Kaniber in den staatlichen Bergwäldern Beobachtungsplattformen einrichten lassen. Die ersten beiden sollen noch im Herbst am Wallberg und an der Benediktenwand eröffnet werden. „Wer sich ruhig verhält und Rücksicht nimmt, kann dann wertvolle Einblicke in das Leben und die tollen Kletterkünste der Gämsen gewinnen“, sagt Kaniber.

Nicht begeistert zeigen sich hingegen die Tierschützer: Bereits im Juli haben der Landesverband Bayern im Deutschen Tierschutzbund sowie die Tierschutzvereine des Landkreises Garmisch-Partenkirchen und des Tegernseer Tals Beschwerde gegen das bayerische Gamswildmanagement eingelegt. „Hintergrund ist, dass die Alpengams im Anhang V der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) aufgeführt ist und eine jagdliche Entnahme, beziehungsweise Nutzung nur zulässig ist, soweit ein günstiger Erhaltungszustand dabei nicht gefährdet wird“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung der Tierschützer. Die Prüfung der FFH-Arten erfolge alle fünf Jahre und stehe nun wieder auf der Agenda der EU-Kommission. Der Beschwerde zugrunde liegt ein 50 Seiten starker Projektbericht, den die Wildbiologin Christine Miller im Auftrag des Landesverband Bayern des Tierschutzbundes erarbeitet hat. „Darin weist sie nach, dass das aktuelle Management des Gamswildes gegen das Verschlechterungsverbot der FFH-Richtlinie verstößt und dass der Freistaat Bayern verpflichtet wäre, verbessernde statt verschlechternde Maßnahmen zu ergreifen“, betonen die Tierschützer. Tessy Lödermann, Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, Landesverband Bayern, beklagt in ihrem Schreiben an die EU-Kommission den Umgang mit der Gams in Bayern. So werden den Tieren „keine ganzjährigen, geeigneten und ausreichenden Rückzugsräume zugestanden“, beklagt sie. „Bayern hat eine besondere Verantwortung für das Charakterwild unserer Berge, die Gams. Die Hegeschauen ergeben ein Besorgnis erregendes Bild über die Altersstrukturen beim Gamswild. Es wird viel zu viel in die Jugend- und Mittelklasse eingegriffen und alte, erfahrene Gämsen werden immer weniger“, betont Lödermann. Die Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes wertet die Pressemitteilung von Landwirtschaftsministerin Kaniber als Reaktion auf die Beschwerde bei der EU-Kommission: „Es ist eindeutig ein Schnellschuss, wenn man mit einem Forschungsprojekt, das erst 2022 abgeschlossen wird, jetzt mal schnell an die Öffentlichkeit geht.“ Dem schließt sich auch die Vorsitzende des Tierschutzvereins Tegernseer Tal, Johanna Ecker-Schotte, an: „Die meines Erachtens voreilig veröffentliche Pressemeldungen der Regierung von Oberbayern zur Situation unserer Gams geben mir doch zu denken.“ Weiter erklärt Lödermann: „Wenn in einem riesigen Gamskerngebiet wie zwischen Vorderriß und Soiern über 500 Gämsen gezählt worden sein sollen, und es dabei keinerlei Aussagen über das Alters- und Geschlechterverhältnis und die Sozialstruktur gibt, dann ist das gerade beim Gamswild fachlich und methodisch ohne Aussagekraft.“ she

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