Ein Buch gegen das Vergessen

Schlierseer Autorin Hannah Miska veröffentlicht Romanbiografie über Alfred Roßner

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Hannah Miskas Buch „Der stille Handel“ würdigt Alfred Roßner als „Lebensretter im Schatten der SS“. Es handelt von Mut und Zivilcourage und vermittelt zugleich die Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit der einheimischen Bevölkerung im besetzten Polen.

Schliersee – Sieben Oscars, drei Golden Globes und viele Auszeichnungen mehr. Mit der Verfilmung des Romans „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally hat Steven Spielberg dem Industriellen Oskar Schindler ein filmisches Denkmal gesetzt und dem Retter zahlreicher Menschen riesige Bekanntheit verschafft. Die hat Alfred Roßner nicht. Auch er leitete einen Betrieb, auch er bewahrte unzählige Frauen und Männer vor der Deportation, auch ihm verdankten zahlreiche Juden ihr Leben. Seine Geschichte erzählt Hanna Miska. Sie lebt in Schliersee und hat mit „Der stille Handel“ ein in jeglicher Hinsicht äußerst lesenswertes Buch geschrieben, das Roßner vor dem Vergessen bewahrt.

Den „Lebensretter im Schatten der SS“, wie er im Untertitel genannt wird, hat Yad Vashem, die internationale Holocaust-Gedenkstätte, 1995 als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Miskas Romanbiografie beleuchtet nur wenige Jahre und konzentriert sich auf die Zeit, in der der Textilkaufmann Roßner im besetzten Polen lebte und arbeitete. Das ist einerseits der nur sehr spärlichen Informationen über ihn geschuldet, Miska weiß „nur wenig über Roßners Kindheit“. Andererseits geht es Miska auch genau um diese Zeit. Miska liefert ein Zeitdokument, macht die zunehmende Angst der einheimischen Bevölkerung deutlich und dokumentiert aus deren Perspektive, wie ihre schlimmsten Befürchtungen, die niemand wahrhaben wollte, doch Realität wurden. Indem Miska den Alltag beschreibt, werden Hilflosigkeit und Verzweiflung der einen sowie Rassenwahn, Korruption und Gewissenlosigkeit der anderen deutlich. In dieser Zeit hat Roßner sich seinen „moralischen Kompass“, wie es Miska nennt, bewahrt.

Der Kaufmann fuhr Anfang 1940 ins besetzte Polen, um auf Bitten eines Freundes aus Kindertagen, eines Juden, dessen Textilfabrik treuhänderisch weiterzuführen. Er wird damit zwar zum Angestellten der SS, die den Betrieb übernommen hat. Doch es gelingt Roßner – durch ökonomisches Geschick und klug gepflegte Bekanntschaften – ein florierendes Unternehmen aufzubauen. Er stellt polnische und jüdische Menschen ein, hilft ihnen und bewahrt viele vor der Deportation. So erzählt das Buch auch von Mut und Zivilcourage und bewahrt diesen Menschen, der geschickt Handlungsspielräume nutzte, davor, in Vergessenheit zu geraten. Miska gelingt dies auf packende Weise, mit einer Romanbiografie. Einfach nur Roßners Leben „runterschreiben“ wollte sie nicht, sie „wollte es spannend erzählen“. Es ist ihr gelungen, schon nach den ersten Seiten fällt es schwer, das packende Buch zur Seite zu legen.

Miska hat lange daran gearbeitet, insgesamt rund drei Jahre. „Zwei habe ich recherchiert“, erzählt die Autorin. Es war nicht einfach, an Informationen über Alfred Roßner zu kommen. „Es gibt nicht mehr viel über ihn“, musste sie feststellen. Sie hat Zeitzeugenberichte bestellt und musste diese teilweise aus dem Polnischen und Hebräischen übersetzen lassen. Miska arbeitete sich durch Archive und besuchte die Originalschauplätze. Ihre wichtigste Informationsquelle aber war Kitia Altmann, eine Frau, die Roßner ihr Überleben verdankte. Durch sie ist Miska überhaupt erst auf den weitgehend unbekannten Mann aufmerksam geworden.

Die 1955 in Magdeburg geborene Autorin lebte von 2003 bis 2010 in der australischen Metropole Melbourne. „Bei einem Spaziergang bin ich über ein Holocaust-Museum gestolpert“, erzählt sie, „klein, aber sehr interessant“. Miska lernte eine Holocaust-Überlebende kennen und hat angefangen, ehrenamtlich für das Museum zu arbeiten. „Daraus ist meine Aufgabe geworden“, sagt sie. Miska interviewte zahlreiche Zeitzeugen, schrieb ihre Geschichten auf. 2014, da lebte sie bereits in Schliersee, veröffentlichte sie eine Auswahl in einem Buch. „So weit wie möglich weg von hier“ beleuchtet den Holocaust unter verschiedenen Aspekten, indem es die Verfolgung der Juden in unterschiedlichen Ländern zeigt. Auch Kitia Altmann erzählt ihre Geschichte – und damit auch von Roßner.

Von der Idee, eine Biografie über den Textilkaufmann zu schreiben, war Altmann völlig begeistert. „Wir telefonierten alle zwei Wochen“, erzählt Miska. Altmann war es auch, die zusammen mit fünf weiteren Überlebenden in Yad Vashem den Antrag stellte, Roßner den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ zu verleihen. Miska, die seit 2010 als freie Autorin im Oberland lebt, würdigt ihn mit ihrem Buch. Sie veranstaltet Lesungen und möchte es in Schulen vorstellen. Gerade in der Gegenwart, da Ausgrenzung wieder zunimmt, sind Roßners Wirken und das Thema Zivilcourage hoch aktuell. „Aus der Geschichte wächst uns ja ein Auftrag“, sagt Miska. ft

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Das Buch „Hannah Miska: Der stille Handel, Alfred Roßner – Lebensretter im Schatten der SS“ ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen (ISBN 978-3-96311-127-3) und kostet 16 Euro.

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