„Hass ist Gift“

90. Geburtstag: Stephen Nasser überlebte Seeshaupter „Todeszug“

Stephen Nasser Seeshaupt Bahnhof
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Rückkehr: Stephen Nasser am Seeshaupter Bahnhof.

Seeshaupt – Der Holocaust- Überlebende, Autor und Dozent Stephen Nasser wurde im April 1945 in Seeshaupt aus dem „Todeszug“ befreit. Er war Ehrengast bei der Einweihung der Gedenktafel am Bahnhof. Am 17. Februar feiert Nasser seinen 90. Geburtstag.

Am 30. April 1945 stoppte in Seeshaupt ein zuvor von den US-Streitkräften bombardierter Zug. Der Zugführer hängte die Viehwaggons ab und fuhr mit seiner Lok weiter in Richtung München. Als die GIs die Waggons öffneten bot sich ihnen ein schreckliches Bild: Rund 1800 KZ-Häftlinge aus dem Außenlager Mühldorf-Mettenheim – darunter viele Tote, alle anderen in einem verheerenden Zustand – waren in die Wagen gedrängt und wurden nach fünf Tagen ohne Wasser und Nahrung befreit. Unter ihnen befand sich, als einziger Überlebender in seinem Waggon, der damals 14-jährige Stephen Nasser aus Ungarn, der zusammen mit seinem Bruder Andris zwei Jahre zuerst in Auschwitz, danach in Mühldorf arbeitete. Dort starb Andris in seinen Armen – Stephen überlebt in der Erinnerung an die letzten Worte seines sterbenden Bruders die grausamen Jahre.

Längere Aufenthalte im Hospital der US-Armee in Seeshaupt und einer jüdischen Rehabilitationseinrichtung in Feldafing lassen Nasser genesen. Ohne Papiere kämpft er sich durch die russische Zone auf der Suche nach seiner Mutter in seine Heimatstadt Budapest zurück. Seine Mutter fand er nicht mehr, sie war in Bergen-Belsen umgekommen. Von 21 Familienmitglieder war er der einzige Überlebende des Holocausts. Zum Glück findet er bei überlebenden Verwandten ein neues Zuhause und besucht wieder seine alte Schule.

Rechtzeitig erkennt er die Gefahren des Kommunismus und verlässt zusammen mit seiner großen Liebe Francoise 1948 Ungarn. Zuerst in Kanada beginnt er ein neues Leben, später zieht er in die USA nach Las Vegas. Dort wird der 8. August 2008 als „Stephen Nasser Tag“ proklamierte – in Anerkennung seines Lebens und Überlebens, um seine Geschichte mit den Bürgern von Las Vegas zu teilen.

2015 zu Besuch in Seeshaupt

Jetzt kann Stephen Nasser am kommenden Mittwoch, 17. Februar, seinen 90. Geburtstag feiern und wird dabei sicher auch an Seeshaupt denken. Als Nasser nach 2011 die Gemeinde im Jahr 2015 erneut besuchte, erzählte er: „Ich habe das Privileg hier zu sein und meinen zweiten Geburtstag zum 70sten Mal zu feiern“. Damals war er mit seiner Frau Francoise und anderen Überlebenden bei der Enthüllung der Informationstafel am Seeshaupter Bahnhof dabei. Auf dieser ist das Geschehen in knappen Worten und drei Sprachen geschrieben.

Nasser hat seine Erinnerungen im Buch „Die Stimme meines Bruders“ aufgezeichnet. „Kein Herz sollte Zorn füllen, Hass ist Gift“ gibt er bei seinen vielen Vorträgen den Zuhörern mit auf den Weg. Friederike Wolfermann

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