Wipfel statt Gipfel

Bäume, nicht Berge: Am Tag der offenen Tür zeigt die Bergwacht, wie sie rettet

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Kaum am Boden: Der Tag der offenen Tür bei der Kocheler Bergwacht fand, wie sollte es anders sein, vor allem in der Höhe statt. Nicht in die Berge, sondern in die Bäume wagten sich die Bergretter, um dem Publikum moderne Einsatztechniken vorzuführen.

Kochel – Zu ihrem 90-jährigen Gründungsjubiläum veranstaltete die Bergwacht Kochel einen Tag der offenen Tür. Nachdem der angekündigte Regen ausblieb, begrüßten, bewirteten und informierten die Bergwachtler etwa 200 Besucher im Freigelände an der Badstraße.

Bereitschaftsleiter Toni Geiger gab bei seiner Begrüßung einen kurzen Rückblick über die Bergwacht Kochel, welche vor 90 Jahren als Antwort auf den verstärkt einsetzenden Tourismus und die damit einhergehende Zunahme an Unfällen in den umliegenden Bergen gegründet worden war. Mit Hanfseilen und einem selbst konstruierten Zwei-Rad-Karren rückte man in den Anfangsjahren zum Jochberg und zum Herzogstand aus. Nach dem Bau der Herzogstandbahn im Jahr 1958 dehnten sich die Einsätze vermehrt auch auf den Winter aus. Freute man sich 1959 noch über das erste Fahrzeug und ab 1972 über hilfreiche Funkgeräte, begann später das Zeitalter der Luftrettung mit Hubschraubern der Bundeswehr und des ADAC. Heute befindet sich in Kochel eine Rettungswache mit einem 24-Stunden-Bereitschaftsdienst an 365 Tagen im Jahr, die zusammen mit Benediktbeuern und Penzberg zum Einsatzleitbereich Loisachtal Nord gehört. 

Wie der stellvertretende Bereitschaftsleiter Ritchi Huber erläuterte, hat die Bergwacht derzeit etwa 50 aktive Einsatzkräfte, die jeweils sechseinhalb Wochen Bereitschaftsdienst im Jahr leisten. Hinzu kommen elf Anwärter, darunter auch Frauen, die derzeit die äußerst umfangreiche und anspruchsvolle Ausbildung absolvieren. Im Jahr stehen etwa 50 Einsätze an, doch die Tendenz steigt. Hinzu kommen zahlreiche Ausbildungsstunden, um immer auf dem neuesten Stand zu sein, was Technik und neue Trendsportarten wie beispielsweise Canyoning anbelangt. Auch als Vorsorgedienst beim Skibetrieb, als Naturschutzwacht und in der gemeindeeigenen Lawinenkommission ist die Bergwacht gefragt. 

Seit 1980 dient das Gebäude an der Badstraße als Einsatzzentrum. Im Laufe der Jahre glichen zwei Garagen als Schulungsraum und Materiallager den Platzmangel aber nur bedingt aus. Inzwischen herrscht in dem Gebäude ein erheblicher Sanierungsbedarf, weshalb die Gemeinde im April den Neubau einer modernen gemeinsamen Rettungsstation für Berg- und Wasserwacht beschlossen hat. Bürgermeister Thomas Holz, selbst Mitglied der Bergwacht, hätte dem Verein zu seinem 90. Geburtstag gerne die Baugenehmigung als Geschenk überreicht. Auch wenn das terminlich nicht klappte, wird der Neubau aber „auf alle Fälle kommen“, versicherte Holz und dankte den Ehrenamtlichen für ihr „wichtiges, unverzichtbares Engagement“.

Unter der Regie von Sommerausbilder Reinhold Boiger demonstrierten die Einsatzkräfte schließlich eine moderne Rettungstechnik mit Dyneema-Seilen. Die extrem robusten und zugleich sehr leichten Seile eignen sich aufgrund ihrer Länge und Spannbarkeit bestens für Rettungsmaßnahmen in Schluchten, von denen es in Kochels Umgebung viele gibt, jedoch nicht an der Badstraße. Und so kraxelten die Bergwachtler eben auf Bäume und simulierten in den Wipfeln, wie man mit Seilen, Umlenkrolle und Tragesack einen Verletzten aus einer Schlucht bergen kann. Diese Art von Flaschenzug sei besonders für lange Kletterwände und Eiskletterer bestens geeignet, erklärte Boiger und berichtete von der Rettung eines Skitourengehers aus einem tiefen Graben im vergangenen Winter. Und auch hoch oben am Baum ließ sich erahnen, wie kräftezerrend die Arbeit der Kocheler Bergwachtler ist, und das seit nunmehr 90 Jahren. cw

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