Knödel mit Soße

Alexander Radwan auf Sommertour: eine gedankenschwere Reise zwischen Euphorie, Demut und Erwartungen

„Es ist nicht schlecht, wenn man mal wieder geerdet wird“: Alexander Radwan mit einem Krebspatienten in der Fachklinik Bad Heilbrunn.

Benediktbeuern – An einem Biertisch, neben Kindern, die gerade Knödel mit Soße vertilgen, findet sich Alexander Radwan am Ende seiner Rundreise durch seinen Wahlkreis wieder. Und dort, im Idyll des Klosterbräustüberls in Benediktbeuern, zeigt sich der Politiker sehr nachdenklich. 

Alexander Radwan ist keiner der Lauten, Schrillen im Politikbetrieb. Obwohl er schon lange dabei ist: Von 1999 bis 2008 gehörte er dem Europaparlament an, dann wechselte er in den Landtag, und seit 2013 sitzt er im Bundestag. Einer wie er ist naturgemäß viel in Berlin und seltener in der Heimat, die, rein politisch, bei ihm die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach umfasst. Radwan, ein klassisches Kind des Tegernseer Tals, das sich bei Waldfesten am wohlsten fühlt, merkt man an, dass er in Berlin wohl nie heimisch wird. Um den Kontakt zu den Wurzeln nicht zu verlieren, natürlich aber auch aus politischem Kalkül, nutzt er deshalb schon seit einigen Jahren jene Zeit, in der Berlin in den politischen Sommerschlaf verfallen ist, um eine kleine Rundreise durch seinen Wahlkreis zu unternehmen. An deren Ende sitzt er jetzt im Biergarten des Klosterbräustüberls von Benediktbeuern und ist sehr nachdenklich. 

Er blickt an den Nebentisch, wo die Kinder einer Urlauberfamilie gerade Knödel mit Soße bestellen und ausgelassen herumtollen. „Die wissen, Gott sei Dank, nicht, was Krieg bedeutet. Aber können wir heute mit Gewissheit voraussagen, dass sie als Erwachsene dies nicht erleben werden?“, fragt Radwan. Und er sagt: „Ich kann das nicht.“ Er lässt diesen Satz verhallen und meint dann: „Hört sich ziemlich pessimistisch an.“ 

Wer mit Radwan über dessen eben zu Ende gegangene Sommertour spricht, der erlebt, wie er glänzende Augen bekommt, wenn er über seinen Besuch bei Heinz Tretter berichtet. Der, ein Zimmerer der alten Schule, hat sich vor ein paar Jahren mit seiner Firma KristallTurm auf die Errichtung von Klettergärten spezialisiert. Heute gibt es weltweit kaum einen, der Tretter da das Wasser reichen kann. „Das ist faszinierend“, sagt Radwan. Und ist mittendrin in dem, was ihn derzeit am meisten bewegt: Der bisher unwiderlegten These, dass Länder, die miteinander Handel treiben, sich nicht bekriegen. „Deshalb funktioniert die Europäische Union bis heute, und deshalb hat sie unserem Kontinent seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zeit des Friedens und des Wohlstands beschert.“ Heinz Tretter, so könnte man es auch sagen, als Antithese zu „America first“. 

Diese Phase der Prosperität sieht Radwan aber in großer Gefahr. Er lenkt den Blick ins Vereinigte Königreich, wo mit Boris Johnson soeben ein Wirrkopf und ein entschiedener Befürworter eines harten Brexit zum Premierminister bestellt wurde. Und er erinnert sich an eine Reise, die ihn kürzlich nach Irland geführt hat, auch an die Grenze zu Nordirland. „Dort haben schon die ersten Autos gebrannt, und eine Journalistin wurde ermordet.“ Was Radwan damit sagen will: Kommt der harte Brexit, wie ihn Johnson will, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der alte Nordirland-Konflikt wieder aufbricht. 

Davon war in Gaißach nicht die Rede, als Radwan mit Bürgermeister Stefan Fadinger, dem Landtags­abgeordneten Martin Bachhuber und dem Bauunternehmer Kilian Willibald zusammentraf. Das Internationale blieb da außen vor, ein Thema von nationalem Belang war es aber schon, das an diesem Tag diskutiert wurde: die Ablagerung von Kies und Aushub. Hört sich zunächst nicht sonderlich spannend an, aber für die, die davon betroffen sind, immense Auswirkungen hat. Konnte früher beim Bau eines Häuschens der Aushub für den Keller einfach auf die Wiese daneben gekippt werden, wird dies heute durch immense, kostenintensive Auflagen erschwert. Ähnlich das Bild bei den Isar-Rangern, die vor lauter Regularien bald selbst nicht mehr wissen, was nun erlaubt oder verboten ist. „Die Frage, wie ich einen bundespolitischen Rahmen setzen kann, ohne die Menschen mit noch mehr Auflagen und Verboten zu konfrontieren, hat sich wie ein roter Faden durch die Sommertour gezogen“, sagt Radwan. Schnelle Antworten hatte er weder in Gaißach noch an der Isar, aber Radwan ist ein guter Zuhörer, dem man es abnimmt, wenn er sagt, dass er die Sorgen der Menschen an seiner Basis nach Berlin mitnimmt und sie dort nicht am Spreebogen versanden lässt. 

Wenn Radwan im Sommer in der Heimat unterwegs ist, dann will er aber nicht nur hören, sondern auch erleben, wie sich das anfühlt, wenn man einen Job hat, der wenig Geld und wenig Ansehen bringt. In Miesbach setzt er sich deshalb zwei Stunden in einen Mülllaster, um Menschen zu begleiten, „deren Arbeit nicht honoriert wird“. Und in der Fachklinik in Bad Heilbrunn streift er sich das weiße Hemd der Pflegekräfte über, um die Behandlung eines Krebs­patienten zu begleiten. Während ihn die Klinikleitung bittet, die vom Gesundheitsministerium geplante Stärkung der stationären Rehabilitation im Bundestag zu unterstützen (was Radwan ohnehin getan hätte), zeigt sich der 54 Jahre alte Abgeordnete tief beeindruckt davon, mit welcher Haltung der Krebspatient seine schwere Erkrankung erträgt. „Uns, denen es gut geht, fehlt etwas die Dankbarkeit“, sinnierte er. Wer als Politiker die Behandlung eines Menschen wie diesem begleite oder erlebe, wie Müllfahrer angeblafft werden, bloß weil sie darum bitten, ein Auto, das die Straße blockiert, wegzufahren, der komme unweigerlich zu dem Schluss: „Es ist nicht schlecht, wenn man wieder geerdet wird.“ 

Das Beispiel mit den Müllfahrern und der blockierten Straße steht für Alexander Radwan dabei nur stellvertretend für eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich mittlerweile in ganz Europa ausbreite und deren Ausfluss das Erstarken der Rechten, der Populisten und der Nationalisten ist. „Die Bereitschaft, sich mit den Bedürfnissen und Meinungen anderer auseinander zu setzen, nimmt massiv ab“, betont er. Statt dessen suchten immer mehr Menschen nur noch eine Bestätigung ihrer eigenen Interessen, was es im Übrigen auch so schwer mache, Leute, die der AfD hinterherlaufen, wieder einzufangen. 

Trump in America, Salvini in Italien, Polen, Ungarn, der erstmalige Einzug der Faschisten nach dem Ende der Franco-Ära in die spanische Nationalversammlung: Für Radwan alarmierende Anzeichen. „Und wenn Macron in Frankreich sich nicht durchsetzt, dann haben wir den Front National im Präsidentenpalast“, sagt er ganz leise. Dass es in Deutschland zu ähnlichen Entwicklungen kommen könne, will er ausdrücklich nicht ausschließen, schon deshalb nicht, weil in ein paar Wochen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ein neuer Landtag gewählt wird und keiner wisse, wo die AfD dort am Ende herauskomme. Und was dort mit der SPD passiert, und ob die SPD dann in Berlin die GroKo verlässt, und was die dann wohl unausweichlichen Neuwahlen für den Bundestag bringen werden. „Nein, Deutschland ist in dieser Hinsicht keine Insel der Glückseligen mehr“, sagt Radwan. 

Auch wenn er Angela Merkel an diesem wolkenverhangenen Nachmittag im Klosterbräustüberl nicht beim Namen nennt, so sagt er doch klipp und klar, dass das Jahr 2015 den Wendepunkt in Europa darstelle. Damals sei die anfängliche Willkommenskultur und das „Wir schaffen das“ ganz langsam, aber unaufhaltsam ins Gegenteil gekippt. Seither werde Europa immer mehr von nationalistischen Tendenzen vereinnahmt. Und dann ist Alexander Radwan, der Wirtschaftspolitiker, auch sehr selbstkritisch, als er sagt: „Makro­ökonomisch war die Globalisierung zweifelsohne ein großer Erfolg. Aber mikroökonomisch haben wir zu wenig auf jene geachtet, die sich als Folge der Globalisierung abgehängt fühlen.“ Das und nichts anderes begründe den Erfolg von Trump, der seither im Weißen Haus an der Weltordnung zündelt. Und noch einmal blickt Radwan ins Vereinigte Königreich und auf den 31. Oktober, wenn der Brexit, geordnet oder ungeordnet vollzogen wird: „Das Schlimmste daran ist, dass Völker getrennt werden.“ Denn getrennte Völker, das lehrt die Vergangenheit eindringlich, hegten eine viel geringere Scheu vor kriegerischen Auseinandersetzungen. 

Radwan blickt jetzt wieder rüber zu den Kindern, die gerade ihre Knödel mit Soße vertilgen. Wolle man sie vor einem Europa mit einer viel schlimmeren Krise als der gegenwärtigen verschonen, gebe es nur eines: „Wir Politiker müssen die Probleme der Menschen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern sie auch lösen.“ Eine Garantie darauf, dass dies auch gelingt, will er aber nicht geben. la

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