Einzug nach einer Stunde

Asylbewerber basteln Nistkästen, die von den Vögeln sofort aufgesucht werden

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So geht es: Dominik Graf vom Bauhof montiert unter großem Publikumsinteresse den ersten Nistkasten.

Penzberg – Gut umgurtet ist der Baum, der von nun an unter seiner Laubkrone Vogelpärchen beherbergt. Und er ist nicht der einzige. An zahlreichen weiteren Stämmen in der Innenstadt finden sich seit neuestem Nistkästen, gebaut von Asylbewerbern in der Fahrradwerkstatt.

Elimane Sall aus dem Senegal sowie Christopher Amuzilem, Simeon Ijamah und Felix Johnbull aus Nigeria hatten an diesem wunderschönen Vorfrühlingstag Besseres zu tun, als zu lernen, was Gelsenkirchner Barock bedeutet, was man unter einem Beistelltisch zu verstehen hat oder wie man Dunstabzugshaube am besten in einen afrikanischen Dialekt übersetzt. Kurzum: Die vier Herren schwänzten den für Asylbewerber anberaumten Deutschunterricht im Möbelhaus und befestigten stattdessen Nistkästen für Amsel, Drossel, Fink und Star an Bäumen. 

Es war dies einer der seltenen Momente, dass man Hannelore Jaresch, die Vorsitzender der Penzberger Ortsgruppe des Bundes Naturschutz (BN), und Bürgermeisterin Elke Zehetner gemeinsam strahlen sah. Und auch Anette Völker-Rasor, die bisweilen vor einem deutlichen Wort gegen die Rathauschefin nicht zurückschreckt, strahlte mit. Es handelte sich an diesem Tag aber auch um eine Sache, der grimmige Mienen völlig abträglich gewesen wären. Der BN und der Asyl-Helferkreis hatten vor eineinhalb Jahren die Idee entwickelt, dass man die in Penzberg lebenden Flüchtlinge doch auch im Sinne des Naturschutzes einsetzen kann. Gesagt, getan: Im Werkraum an der Christianstraße wurden seither Nistkästen gebastelt, die nun angebracht wurden. Dass dies vergleichsweise lange gedauert hat, ist einzig dem Umstand zu schulden, „dass unsere Asylbewerber immer nur dann an den Nistkästen gearbeitet haben, wenn im Werkraum keine Fahrräder zu reparieren waren“, sagt Anette Völker-Rasor. Mit anderen Worten: Der Fahrrad-Service, den die Flüchtlinge dort anbieten, wird so gut angenommen, dass die Vögel etwas warten mussten. 

Jetzt aber war es so weit: Der Bauhof rückte an, um in der Innenstadt wie etwa am Spielplatz an der Ludwig-März-Straße, in der Friedich-Ebert-Straße oder am Schlossbichl an die 90 Nistkästen anzubringen. „Wir haben uns ganz bewusst auf den innerstädtischen Bereich konzentriert, weil es hier bislang noch nicht so viele Nistmöglichkeiten für Vögel gegeben hat“, verdeutlicht Anita Suttner, die in Diensten der Stadt als Baumpfle­gerin unterwegs ist. In dieser Eigenschaft ist ihr aber auch sehr daran gelegen, dass kein Baum einen Schaden nimmt, wenn an seinem Stamm ein Nistkasten befestigt wird. „Deshalb haben wir uns für eine schonende Variante entschieden“, sagt Suttner. Und die sieht so aus: Elimane Sall klettert auf die Leiter und hantiert umständlich mit einem Gurt, den festzuzurren, gar nicht so einfach ist. Aber dieser Gurt hält den Nistkasten am Baum letztlich fest, was den Vorteil bietet, dass keine Schraube die Rinde durchbohrt. „Wir wollen ja nicht, das da etwas einwächst, was den jeweiligen Baum schädigt“, sagt Suttner. Pikanterie am Rande: Die Gurte, die am Spielplatz an der Ludwig-März-Straße verwendet werden, sind so orange wie die Farbe der BfP. Suttner lächelt kurz und hüstelt und meint dann, dass das doch etwas zu auffällig sei, weshalb man diese Gurte nur aufbrauche, um sodann welche in einem neutralerem Schwarz zu verwenden. 

Bei der Aktion stellte sich auch heraus, dass die Baupläne für die Nistkästen noch optimiert werden könnten. Dominik Graf vom Bauhof stellt sich deshalb umgehend zur Verfügung, um mit den Herren aus Afrika im Werkraum die entsprechenden Verbesserungmaßnahmen durchzuführen. 

Baumpflegerin Suttner erklärt derweil, dass man die Sache mit den Nistkästen nicht einfach so laufen lassen wolle: „Wir werden dort künftig einmal im Jahr eine Reinigung und eine Bestandsaufnahme durchführen, um zu sehen, ob Reparaturen notwendig sind und ob die Nistkästen von den Vögeln auch wirklich angenommen werden.“ In puncto Akzeptanz braucht sich Suttner nicht zu sorgen: BN-Frau Jaresch jedenfalls berichtete kurz nach dem Ortstermin am Spielplatz an der Ludwig-März-Straße: „Als wir zurückgingen, sahen wir bereits an drei Nistkästen jeweils ein Pärchen von Kohlmeisen an den Nistkästen. Also voller Erfolg: Einzug schon nach einer Stunde.“ Wen interessiert angesichts dessen schon Gelsenkirchner Barock? la

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